„Meine Wahl“: das geglückte Polit-Experiment

Am Sonntagabend startete RTL die zweiteilige Sendung "An einem Tisch mit…" und lud zunächst Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in eine Art TV-Wohnzimmer ein. Unter der Moderation von Peter Kloeppel beantworte er Fragen ausgewählter Bürger und versuchte in gewohnter Steinbrück-Manier diese von seinem Wahlprogramm zu überzeugen. Ein gelungenes Format abseits von den üblichen, ermüdenden Talkrunden. So ganz können sie bei RTL aber dann doch nicht aus ihrer Haut.

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So wurde zu Beginn der Sendung erst einmal munter drauflos geraten, welches Tier Peer Steinbrück wohl in einem anderen Leben wäre. Von einem Nashorn, über eine Schildkröte bis hin zum Tiger, der im schlimmsten Fall als Bettvorleger dient, war so ziemlich jedes Mitglied des Tierreiches vertreten. Ob ihn das treffen würde, fragt Kloeppel. "Sicher" lautet die knappe Antwort Steinbrücks. Zimperlich sollte es also nicht zugehen. 
Die sechs Bürger setzten sich aus der Unternehmerin Sina Trinkwalder, einer Grundschulleiterin, der Leiterin einer Seniorenwohnanlage, dem Unternehmer Dr. Henner Buck, dem Theaterbesitzer Corny Littmann und einem Gymnasiasten mit pakistanischen Wurzeln zusammen. Auch Joachim Llambi, der in diesem Fall nicht die Tanzleistung Steinbrücks, sondern sein Potenzial als Kanzler bewerten soll gesellte sich zu der bunten Mischung aus mehr oder weniger durchschnittlichen Deutschen hinzu. Jeder Teilnehmer bekam die Möglichkeit, Steinbrück Fragen zu dem jeweiligen Kompetenzbereich zu stellen. Der Gymnasiast mit Migrationshintergrund warf ihm beispielweise vor, sich weder für Jugendliche zu interessieren noch sicherzustellen, dass diese erfolgreich integriert werden könnten. Die Leiterin einer Grundschule hinterfragte Steinbrücks Absichten bezüglich der Bildungspolitik. Kam ein Thema zu kurz, hakte der sonst eher im Hintergrund agierende Kloeppel selbst nach.
Steinbrück, der mehr für das Sammeln von Fettnäpfchen als von Sympathiepunkten bekannt ist, wirkte tiefenentspannt und ließ jeden Sitznachbarn ausreden, ging zudem auf jede Frage ein. Bei wirklich kritischen Themen, als es beispielsweise darum ging, ob die SPD in puncto Vermögenssteuer einen Rückzieher macht, fiel er allerdings in sein bekanntes Muster zurück und wies diese überheblich und schnippisch von sich ("Man muss nicht immer zwei Eisenbahnen gegeneinander fahren lassen"). Auch von Unnahbarkeit gegenüber dem Volk und dem gespielten Posieren vor der Kamera wollte er nichts wissen. Er sei kein Schauspieler und würde er auf einmal freundlich sein, würden die Leute ihn umso mehr für einen halten.
Am Ende hatte Steinbrück, zumindest die Bürger am Tisch, von sich überzeugen können. Mit Ausnahme vom gewohnt kritischen Llambi gaben alle Gesprächspartner dem Kanzlerkandidaten eine bessere Note als zu Beginn der Sendung. Die Bestnote erhielt er nur von Sina Trinkwalder. Ob Angela Merkel ihre Gesprächspartner ähnlich überzeugen kann, wird sich am kommenden Sonntag zeigen.
"An einem Tisch mit…" funktioniert vor allem, weil die Sendung eine erfrischende Abwechslung zu anderen Polittalks ist, in denen über die Wünsche der Bürger nur spekuliert werden kann. Peter Kloeppel brachte die potenziellen Wähler auf Augenhöhe mit den oft als unnahbar geltenden Politikern.

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