Mollath bei “Beckmann”: die vertane Chance

Den gerade aus der Psychiatrie entlassenen Gustl Mollath zu Gast zu haben, war ein gewaltiger Coup für “Beckmann”, jene ARD-Talkshow, die in der nächsten Saison nicht mehr auf Sendung sein wird. Reinhold Beckmann zog dementsprechend alle mimischen Betroffenheits-Register. Aber die Sendung war auch eine vertane Chance. Neben Mollath und seinem Anwalt waren noch ein Reporter und eine Gutachterin zu Gast, die zwar Interessantes zu sagen hatten, den Blick auf das Eigentliche aber verstellten.

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Das Luxus-Problem der “Beckmann”-Redaktion im Fall Mollath war vielleicht, dass es zu viele gute Gäste zu dem Thema gibt. Neben der Hauptperson Gustl Mollath und seinem eloquenten Verteidiger Gerhard Strate waren noch der SZ-Journalist Uwe Ritzer zu Gast, der den Fall in- und auswendig kennt, und die Psychiaterin und Gerichts-Gutachterin Dr. Hanna Ziegert. Andere interessante Gäste, wie die Spiegel-Reporterin Beate Lakotta, die eine differenziert-kritische Sichtweise auf Mollath hat, oder die stark kritisierte bayerische Justizministerin Beate Merk hatten abgesagt.

SZ-Mann Ritzer konnte kenntnisreich Auskunft über die Wendungen des komplizierten Falles geben. Ziegert erlaubte teils erschreckende Einblicke in die Welt der Gerichte und Gutachten. Von ihren Ausführungen blieb hängen, dass ein Gerichtsverfahren mit Gutachter-Beteiligung eine Art Schicksals-Lotterie gleicht, an der man lieber nicht teilnehmen sollte. Sie selbst würde sich auch niemals psychologisch begutachten, erklärte die Gutachterin mit erfrischender Offenheit. Es gilt wohl die halte Faustregel, dass man gut daran tut, sich von Gerichtssälen und Krankenhäusern fernzuhalten. Die Komplexität des Falles Mollath verleitet dazu, sich Experten ins Studio zu holen.

Deren Ausführungen waren interessant, sie lenkten aber vom Eigentlichen ab: von der Person Mollath. Der saß brav und fränkelnd neben Beckmann und sagte “Ich glaube, dass ich hier einen vernünftigen Eindruck mache.” Beckmann kniff die Augen zu, legte überdramatische Pausen ein und modulierte seine Stimme hoch und runter, als würde er für einen Gastauftritt bei “Switch Reloaded” üben. Mollath dankte allen, die ihn unterstützt hatten, beschrieb sein Leben in der Anstalt, wägte ab und äußerte sich vorsichtig zaghaft zu seiner Zukunft und dem anstehenden Wiederaufnahmeverfahren. Er blieb an der Oberfläche.

“Sind Sie so ein bisschen angekommen in der Normalität?”, fragte Beckmann zu Beginn. Und weiter: “Das Urteil hat Sie überrascht?” “Wo sind Sie im Moment zuhause?” “Auf welcher Grundlage wurde dieses Gutachten erstellt?” “Können Sie nachvollziehen, dass Ihr Verhalten auf die andere Seite auch bizarr gewirkt hat?”

Beckmann stellte die richtigen Fragen, Mollath wich aus, wenn es ans Eingemachte ging. Beckmann fragte nach, Mollath wich wieder aus. Beckmann schwenkte rüber zur Gutachterin oder zum Reporter. Besser wäre gewesen, der Fokus wäre auf Mollath geblieben. Weniger Gäste wären mehr gewesen. Dann wäre aus der soliden, interessanten “Beckmann”-Sendung womöglich eine herausragende geworden.

Der Fall werfe viele Fragen auf, sagte Beckmann zu Beginn. Über einige wolle er sprechen, einige werde man nicht klären können. Die wesentlichste Frage – “Wer ist Gustl Mollath?” – hat diese “Beckmann”-Sendung nicht beantwortet. Vielleicht kann man sie auch gar nicht beantworten. Reinhold Beckmann hat es aber noch nicht einmal versucht.
Die "Beckmann"-Sendung mit Gustl Mollath in der ARD-Mediathek

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Alle Kommentare

  1. Mit Mühe und Not einer siebeneinhalbjährigen Dauerbegutachtung entgangen, wäre es wohl etwas zu viel verlangt gewesen, nun der gesamten Nation unbegrenzten Zugriff auf das eigene Innenleben zu gewähren. Die Sendung hat absolut gepasst.

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