Statt Oliven: Wir brauchen Wut-Journalisten

In der vergangenen Woche erklärte der freie Journalist Michalis Pantelouris seinen Abschied aus der Medienbranche. Er suche sein Glück bei einer Firma, die hochwertiges Olivenöl vertreibt. "Ich wollte etwas machen, was mich glücklich macht", hatte er im Gespräch gesagt. Und: Von Kollegen höre er nur noch, dass sie raus aus dem Job wollten. Der freie Journalist Thilo Komma-Pöllath antwortet Pantelouris nun bei MEEDIA. Statt sich durch die Hintertür zu verabschieden, sollten Journalisten aufstehen und sagen: Nicht mit uns!

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Wenn einer der Versiertesten der Branche den Klub wechselt, ist das immer bitter. Vor allem dann, wenn der mitten im Abstiegskampf steckt. Das ist im Fußball nicht anders als im Journalismus. Der sehr geschätzte Kollege Michalis Pantelouris hat in einem MEEDIA-Gespräch kürzlich seine Gründe dargelegt, warum er dem Journalismus den Rücken kehrt. Er wolle in den Olivenhandel einsteigen. Dolce far niente, das süße Nichtstun als Antwort auf die Krise im deutschen Journalismus, der vor allem ja auch eine Krise des freien Journalismus ist. Ich dachte, die Trauben hingen höher.

"Professionell organisierte Selbstbemitleidungskaste"
Mehr und mehr kann einen der Verdacht beschleichen, dass die deutsche Journaille eine ziemlich professionell organisierte Selbstbemitleidungskaste ist, der der nötige Kampfgeist abgeht und die sich gut damit arrangiert hat, sich gerne laut und larmoyant selbst zu bedauern. Schon von Berufs wegen beherrschen wir den immer ein bisschen zu selbstbewussten (um nicht zu sagen: heuchlerischen) Fingerzeig, was bei Gott und der Welt falsch läuft, ganz ausgezeichnet. Nur bei der Introspektion tut sich der Journalist deutscher Prägung schwer. Er sieht sich in der Person des Fragestellers, der keine schmerzvollen Antworten geben muss. Nur leider hilft diese Haltung in der Krise so gar nicht weiter.
Die bösen Verlage, die rendite-süchtigen Geldgeber/Investoren, die rückläufigen Auflagen und Anzeigenerlöse, das Internet, Google, Facebook, das öffentliche-rechtliche Fernsehen. Es herrscht eine Weinerlichkeit, die kaum zu ertragen ist. Statt aufzubegehren, beklagt man sich, wie Kinder sich beklagen, wenn sie keine Schokolade bekommen. Konstruktive Gegenvorschläge, wie sich der Journalismus neu beleben ließe, sind Mangelware. Stattdessen regiert das gute Gefühl der Gleichgesinntheit unter all denen, die sich selbst längst als Absteiger brandmarken. Wo ist der Trotz zu sagen: Nicht mit uns! Und: Jetzt erst recht! Nach dem Wut-Bürger der Wut-Journalist in eigener Sache! Statt dessen also: dolce far niente.
Natürlich ist der Journalismus ziemlich im Arsch. Man muss es ja aussprechen dürfen. Schon zur Jahrtausendwende, als ich bei Burda meinen ersten festen Redakteurs-Vertrag unterschrieb, riefen mir die verdienten Kollegen jenseits der 50 zu: “Thilo, du kommst zu spät. Die guten Zeiten sind vorbei!“ Mit den guten Zeiten meinten sie nicht nur die Möglichkeit mehrwöchiger Recherchereisen in Südamerika auf den Spuren deutscher Naziverbrecher mit einem Gesamtspesenaufkommen von 20.000 Mark und mehr, sondern auch Gehälter von denen Journalisten heute nur noch träumen können. Wenn wieder irgendwo eine Gewerkschaft 5 Prozent mehr Lohn für irgendwen einfordert, müssen vor allem wir freie Journalisten konstatieren: wir verdienen jedes Jahr weniger. Meine Nichte kam letztes Jahr vom Berufsberater mit der Kernbotschaft zurück, dass sie gerne alles studieren dürfe, nur vom Journalismus solle sie besser die Finger lassen, davon könne man nicht mehr leben. Stimmt schon: Demoralisierender geht’s kaum noch.

Freie Journalisten: Wie das Kaninchen vor der Schlange
Und doch: Der Journalismus ist immer noch der zweitschönste Beruf der Welt, wenn man bedenkt, dass nicht jeder der neue BradleyCooperJohnnyDeppBradPitt werden kann. Wo aber höre ich eine laute, selbstbewusste Proklamation eines Traumberufes? Wo eine Vorwärtsstrategie? Wo das Selbstbewusstsein, eine Neigung zum Beruf gemacht und nicht wie so viele Graugesichter irgendetwas mit BWL oder Jura studiert zu haben, ausschließlich des Geldes wegen? Gerade von uns Freien sollte ein bisschen mehr Widerstandsgeist zu erwarten sein, da es uns als Erste trifft. Tatsächlich trauen sich Freie heute kaum noch, mit Vehemenz ihre Honorarvorstellungen mit dem Auftraggeber zu diskutieren. Peinlich genug für unsere Branche: Es gibt immer einen, der es noch billiger macht.
Wir Freie verhalten uns gegenüber den großen Verlagshäusern wie das Kaninchen vor der Schlange: wir haben die Hosen gestrichen voll. Und in den großen Verlagen? Die Solidarität bei den Festangestellten von FAZ oder SZ mit den freien Kollegen ist so groß, dass der Satz „Das Wort Reisekosten gibt es bei uns für Freie nicht“ ausgesprochen werden kann, ohne der unterlassenen Hilfeleistung bezichtigt zu werden. Also worauf warten wir?
Es gibt nämlich auch ganz andere Trends: Viele große Unternehmen wie Audi oder Allianz werden in ihren Kunden- und Mitgliedermagazinen, Produktkatalogen und Geschäftsberichten immer journalistischer und redaktioneller, nehmen Abstand von der platten Produktkommunikation. Hier ist ein weites Feld für Freie, auf dem noch dazu angemessen bezahlt wird. Dass die (festangestellten) Puristen in den Redaktionen "Corporate Publishing" nicht für echten Journalismus halten, ist nicht nur ein Zeichen des Hochmuts und der Arroganz, sondern entlarvt die lieben Kollegen auch der Scheinheiligkeit angesichts einer Honorarunkultur in den großen Zeitungshäusern, von der kein freier Autor mehr leben kann. Zur bitteren Wahrheit der Journalistenkrise gehört nämlich auch: die kollegiale Solidarität zwischen Festangestellten und Freien ist systemisch schon lange nicht mehr vorhanden.

"Wir hätten großes Interesse, aber leider ist die Geschichte zu teuer"
Solidarität muss man sich leisten können. Wenn die Innovationskraft der Verlage sich darauf beschränkt, das abzustoßen, was nicht 30 Prozent Rendite bringt – siehe Döpfner/Springer – dann wird wirtschaftlich, emotional und inhaltlich abgewickelt. Richtige Qualität ist das Vorletzte, was Springer, Burda oder Gruner + Jahr wollen. Denn Qualität kostet Geld. 
Wenn die Auflage und die Anzeigenerlöse in den Keller gehen, könnte man ja auch mit noch besseren Geschichten kontern. Tut man nicht, weil die bessere Geschichte offenbar kein USP mehr ist. Denken zumindest die bei Burda. Der Satz „Wir hätten großes Interesse an der Geschichte, aber leider ist sie uns zu teuer“, kommt im Gespräch mit dem neuen Frauenmagazin Cover durchaus regelmäßig vor. Zu dumm auch, dass die Geschichte in Afghanistan spielt und nicht in München-Laim. Die Reisegeschichte über Argentinien soll der freie Kollege bitte aus seinen Erinnerungen herunterschreiben, er habe ja vor 15 Jahren einmal in Buenos Aires gelebt. Schöne neue Reporterwelt. Könnten wir zur Abwechslung so wie auf Wulff oder zu Guttenberg, auch mal auf Döpfner, Jäkel, Welte & Co. mit den Fingern zeigen, die einem derartigen Geschäftsgebaren das Wort reden? Wehren wir uns engagiert genug gegen diese Zustände? Und wenn nicht, warum nicht?
Lieber Michalis Pantelouris, natürlich hast du in Vielem Recht. Aber wenn schon ein Abgang durch die Hintertür, dann bitte mit Pauken und Trompeten. Als künftiger Olivenbauer kannst du auf das ungeschriebene Journalisten-Credo "Man sieht sich im Leben immer zweimal" doch liebend gern verzichten. Buona fortuna!

Thilo Komma-Pöllath, 42, ist seit 2006 selbstständig mit dem Redaktionsbüro KOMMA MEDIA in München. Er schreibt u.a. für die FAZ am Sonntag, SZ-Magazin, Playboy, Lufthansa und Audi Magazin.

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