ZDFneo: Mit dem Samsonite durch Eritrea

Sechs Menschen, die in Deutschland leben, reisen in Krisengebiete und versuchen, zurück nach Deutschland zu kommen. Wie richtige Flüchtlinge, die Krieg und Verfolgung hinter sich lassen wollen, sollen sie sich aus dem Elend in das Wohlstandsland kämpfen. Ohne Geld, ohne Handy, ohne Hilfe – auch ohne Niveau? Ist die vierteilige Serie ein ernst zu nehmender Versuch, das Leid der Flüchtlinge nachzuempfinden? Oder ist "Auf der Flucht" nur eine als Doku getarnte Geschmacklosigkeit gegenüber richtigen Flüchtlingen?

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Worum geht’s bei "Auf der Flucht – das Experiment"? Sechs Protagonisten, aufgeteilt in zwei Teams – "Route Afrika" und "Route Nah-Ost" – sollen eine Flucht aus einem Krisengebiet nachstellen, unter Realbedingungen. In vier mal 45 Minuten soll gezeigt werden, wie es sich anfühlt, seine Heimat, seinen Besitz und oft auch einen Teil der Familie zurück zu lassen. Begleitet werden die sechs Flüchtlingsdarsteller von einem Krisenjournalisten.
Das Team "Route Afrika" besteht aus Mirja Du Mont, bekannt durch Ehemann Sky Du Mont, Streetworkerin Songül Cetinkaya und Nazi-Aussteiger Kevin Müller. Team "Route Nah-Ost" setzt sich zusammen aus Musiker Stephan Weidner, Ex-Bassist von den Böhsen Onkelz, Bloggerin Katrin Weiland, sie wird aus dem Off als Sarrazin-Fan vorgestellt, und Ex-Bundeswehrsoldat Johannes Clair.
Begleitet werden die Teams von dem Journalisten und Nahost-Experten Daniel Gerlach. Von ihm ist in den ersten Episoden nicht viel zu sehen. Gerlach wirkt ein wenig wie Dr. Bob aus dem Dschungelcamp. Hier und da ein bisschen erklären – und schon ist er wieder weg.
Bevor es in die unwirtliche Ferne geht, übernachten die Teams in verschiedenen Asylheimen. Dann wird auch noch der Ernstfall geprobt: Bundeswehrsoldaten mit Auslandserfahrung simulieren auf einem Trainingsgelände eine Entführung mit den Flüchtlingen in spe. Fazit der Übung: Unter Jutesäcken lässt sich schlecht atmen.
Danach geht es dann quer durch die größten Flüchtlingsauffanglager Europas. "Route Afrika" findet sich erst einmal in Rom wieder, "Route Nah-Ost" in Athen. In beiden Flüchtlingslagern herrschen unmenschliche Zustände. Für unsere sechs Flüchtlinge-auf-Zeit ist das alles absolut neu. Nie gesehen, kaum etwas darüber gehört. Als "Route Afrika" vor dem nicht-staatlichen Flüchtlingslager in Rom steht, streiten der Nazi-Aussteiger und die Street Workerin erst einmal über die Frage, woher die Flüchtlinge Kleidung, Spielzeug und Handys bekommen. 
Überhaupt wird gerne gezankt, sind die Team-Konstellationen doch gewollt unglücklich gewählt. Vermutlich trennt die sechs TV-Probanden mehr voneinander, als sechs richtige Flüchtlinge beispielsweise aus Eritrea unterscheidet. Die richtigen Flüchtlinge haben ein gemeinsames Ziel, die Darsteller haben in Wahrheit gar nichts zu verlieren. Noch nicht einmal einen Ruf. Klar ist: Hier wurden Klischees gecastet, wie in einer RTL- oder ProSieben-Show. Die naive Du Mont, das Ex-Nazi-Weichei, die voll krasse Street Workerin, der gechillte Bassist, der übereifrige Fallschirmjäger und die Bloggerin, die durch ihre Meinung und Kleidung aus der Rolle fällt.
Was ZDFneo mit der Serie zeigen oder beweisen will, bleibt unklar. Statt um das Experiment Flucht geht es hauptsählich um kleinliche Streitereien, die dem behaupteten Anliegen der Serie unwürdig sind. Zudem ist die Sendung sehr dramatisch in Szene gesetzt: Die Schnitte sind schnell, dramatische dräut Musik  immer und überall, die Off-Stimme strotzt vor Ernsthaftigkeit. Würde man die Szenen mit Schlagermusik untermalen und die Kommentare aus dem Off klängen ironischer, könnte es sich um eine Trash-Reality-TV-Sendung handeln.
Nur leider meint ZDFneo diese "Dokumentation" komplett ernst. Sie verrennt sich in Absurditäten. Das fängt schon damit an, dass die Protagonisten mit Hartschalenkoffer und Bass-Gitarre durch die Gegend tingeln. Wie soll der Flüchtling von heute sonst auch reisen. In Folge 3 und 4 geht es mit dem Menschenschlepper-LKW durch die Türkei und mit dem Schlauchboot über das Mittelmeer. Das eigentliche Fazit hat Songül Cetinkaya formuliert: "Ich glaube, wir können das nie nachempfinden, was die Flüchtlinge durchmachen. Das werden wir nie nachempfinden können…" Ob der Aufwand für diese Erkenntnis gerechtfertigt ist, darf bezweifelt werden.

Donnerstags, 22.15 Uhr in ZDFneo
Zusammenfassung am 04./05. September um 23.45 Uhr im ZDF

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