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Wenn sich Wahlkampf selbst parodiert

Jugend-Organisationen der Parteien wollen immer ein wenig schriller sein als die Alten. Mitunter treibt das im Wahlkampf seltsame Blüten. Etwa, wenn die Jungen Liberalen (FDP) und die Junge Union gemeinsam eine Gaga-Aktion gegen den Veggie Day anzetteln und bei Facebook publizieren. Das “Protest-Grillen” der Jung-Politiker überschritt die Grenzen zur Selbst-Parodie derart deutlich, dass sogar die Spaßguerilla der internationalen Hedonisten sich die Aktion zu eigen machte.

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Die Bilder, die die Junge Union und die FDP im Sozialen Netzwerk Facebook einstellten, sehen aus, als habe die Titanic-Redaktion eine ihrer berüchtigten Fake-Aktionen abgespult. Junge blonde Frauen sprechen in TV-Mikros, selbstgemalte Plakate werden hochgehalten, die Aufschriften tragen wie “Burgerrechte stärken”,  “Mein Bauch gehört mir” oder auch “Kantine ohne Fleisch ist wie K(ü)nast”. Am Rande eines Fotos sieht man einen Grill-Aktivisten in schwarzem Anzug, mit Fliege und zurückgegelten Haaren, der Würste in die Kameras hält und auch mal reinbeißt. Wer weiß, vielleicht hat sich doch ein Mitarbeiter der “heute show” oder ein Hedonist unter die Protestler gemischt?

Ein Satiriker wie Martin Sonneborn, der mit seiner Anti-Partei-Partei “Die Partei” den Polit-Betrieb veräppelt, hätte eine solche Aktion wohl nicht anders in Szene gesetzt. Das Verstörende ist: der Gaga-Grill-Protest war echt. Die Junge Union bestätigt telefonisch, dass sie tatsächlich gemeinsam mit den Jungen Liberalen vor der Parteizentrale der Grünen in Berlin protestiert hat.

Aber worum geht es dabei überhaupt? Anfang der Woche brachte die Bild eine grotesk verzerrte Geschichte darüber, dass die Grünen angeblich an einem Tag in der Woche Fleischgerichte in Kantinen verbieten lassen wollen. Dabei war von einem “Verbot” nie de Rede. Schon seit Jahren steht im Parteiprogramm der Grünen die Anregung, dass ein fleischloser Tag in Kantinen als Vorbildfunktion sinnvoll wäre.

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Die übergeigte Bild-Story in bester FDP-Tonalität setzte eine mediale Flutwelle in Gang. Zeitungen kommentierten über das “böse Fleisch”, tagelang wurde unter dem Hashtag #veggieday über das angeblich Anti-Fleisch-Gesetz im Netz debattiert und gewitzelt. Die Grill-Protestaktion der Jungen Liberalen und Jung-Unionisten wurde dankbar von der Spaß-Guerilla “Hedonist International” aufgegriffen. Auf ihrer Website tun die Hedonisten so, als sei der Protest eine von ihnen durchgeführte Fake-Aktion gewesen: “Als FDPler und Jungliberale verkleidet, gelang es Aktivistinnen und Aktivisten vor der Parteizentrale der Grünen sowohl Polizei wie auch die zahlreich erschienene Hauptstadtpresse zum Narren zu halten.”

Eine Paola Zentura, Sprecherin der Berliner Hedonisten-Sektion wird mit den Worten zitiert: "Die Schwierigkeit der Aktion bestand darin, in Outfit und Duktus die klassischen FDP-Anhänger zu mimen." Der Witz dabei ist natürlich, dass der Grill-Protest wirklich von der FDP-Jugendorganisation veranstaltet wurde …

Es gab mal eine Werbe-Weisheit, nach der es keine schlechte PR gibt, weil jede Form von Aufmerksamkeit letztlich gut ist. Wenn man die Aufmerksamkeit allerdings nur dadurch erzeugt, dass man zur Fleisch gewordenen Parodie seiner Sache mutiert, dann geht so ein PR-Schuss aber auch mal nach hinten los.

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