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Funke, der Konzern von Springers Gnaden

In diesen Tagen kaufen Milliardäre wie Warren Buffett und Jeff Bezos Zeitungen. Pressefreiheit schmückt, wenn man selbst für sie sorgen kann. Umso erstaunlicher ist, dass in Deutschland eine Regionalzeitungsgruppe aus Essen größten Appetit auf Druckwerke hat und fast eine Milliarde – die man im Übrigen nicht hat – ausgibt für Objekte, die Axel Springer selig etwas bedeuteten, nicht aber Axel Springer 2013. Deutschland ist noch dabei, den Deal zu verarbeiten. Und mancher entdeckt, dass es keine ganz normale Transaktion ist.

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So soll es eine Rückkaufoption Springers auf die beiden Zeitungen geben. Stimmt das, würden womöglich die Kaufleute aus Essen ein bisschen Kostenrechnung betreiben, und schon sind die Blätter wieder weg. Springers "Welt" wiederum könnte als eine Art "dpa für Freunde“ auch die ganzen Blätter im Funke-Reich bedienen, sie also mit überregionalen Themen aus Politik, Kultur, Sport und Wirtschaft versorgen. Geteiltes Leid ist halbes Leid.
An den übernommenen Zeitschriften dagegen dürfte Hauptgesellschafterin Petra Grotkamp, geborene Funke, noch länger Freude haben. Springer hat solche Journale schon seit längerem nicht mehr geschätzt, es war journalistische Bückware. Im Ruhrgebiet aber sitzt mit Manfred Braun einer, der gar nicht genug Zeitschriften haben kann, die er verbindet und verschraubt, so wie er es im Hamburger Verlag des Heinz Bauer gelernt hat. Braun will der bessere Bauer sein. Das macht tatendurstig.
Christian Nienhaus wiederum hat ein Herz für Zeitungen, schließlich hat er sich lange mit der profitablen „Bild“-Gruppe abgegeben (damals Hamburg). Nienhaus ist bei Springer unglücklich geworden, weil er nicht in den Vorstand kam, so geht die Saga, und nun kann auch er sich beweisen. Nienhaus will der bessere Springer sein.
Das ist also schon mal ein auffälliger Befund: Zwei altgediente Branchenhäuptlinge, die es von Essen aus ihren früheren Stämmen zeigen wollen. Die aber hinnehmen müssen, dass da auf einmal ein ganz anderer in der Geschäftsführung für das große Ganze spricht: Thomas Ziegler, einst im Krämerreich der Metro AG groß geworden. Und im Aufsichtsrat thront Martin Kall, früher entschlossener Chef des Schweizer Medienkonzerns Tamedia – ein Harvard-Absolvent, der für Kall-Schläge aller Art berüchtigt ist.
Die Schlachtordnung der Funkes steht, aber so richtig Glanz will noch nicht aufkommen. Dafür wirkt das Ganze zu sehr, als entstehe ein Medienkonzern von Springers Gnaden. In zwei gemeinsamen Firmen wollen die Partner möglichst viel Erlöse mit Anzeigen und im Vertrieb machen, das Sagen hat dabei Springer. Und dass der Deal überhaupt zustande kam, hat ja auch mit generösen Zahlungszielen zu tun, die Springer gewährt und einem üppigen Verkäuferdarlehen ihrerseits. Als Hauptfinanzier der Funkes tritt wiederum die Bankengruppe Unicredit auf, deren Aufsichtsratschef zufällig so heißt wie der nette sizilianische Aufsichtsratschef von Springer, Giuseppe Vita. Natürlich wusste und weiß Vita offiziell von nichts. Gerücht ist auch, dass die Deutsche Bank in Essen erst mit der Sache beschäftigt war, dann aber ablehnte, weil man ja mit den Erben Kirchs streitet und es da auch um Springer geht.
In den alten großen Zeiten der WAZ hatten sie bei Springer tatsächlich Angst vor den Renditekünstlern aus dem Ruhrgebiet. Damals gab es noch zwei Gesellschafterfamilien – neben den Funkes die Brosts -, und Petras Mann Günter Grotkamp zog im Verbund mit Brost-Adoptivsohn Erich Schumann tiefe Furchen. Diese Ackermänner hatten 2002 so viel Geld, dass sie aus dem Erbe des fallierten Leo Kirch dessen 40-Prozent-Anteil am Springer Verlag hätten kaufen können. Und weil sie das Haus umschlichen, warnten die "Bild"-Strategen im Stil höherer Feuilletons, dass die Unternehmenskulturen nun wirklich nicht zu vereinen sein. "Die Verlegerin Friede Springer hat erklärt, dass die WAZ nicht zu uns passt", hieß die Nachricht aus Berlin. Ende der Durchsage.  
Vor zwei Jahren dann wollte sich Springer-Chef Mathias Döpfner auf einmal am liebsten selbst am Reich des Bösen beteiligen und den Anteil der Brosts übernehmen. Im Portfolio-Geschäft sitzt das Geld nun mal locker. Die Anteile   übernahm jedoch bekanntlich Petra Grotkamp für viel Geld. Und jetzt spielt sie wie ihre Vorgänger auf Angriff und braucht Hilfe, die Springer gerne gewährt. Und Unicredit hat als Sicherheiten Zeitungen und Zeitschriften.
Nun ist die mit Döpfners Vitaminpräparaten aufgepäppelte Funke-Gruppe in der Pflicht. Sie muss zeigen, dass Print noch funktioniert. Dass die Zeitung lebt. Dass Döpfners Digitalträume Zeit brauchen. Wenn es scheitern sollte an der Ruhr, klopft ja womöglich Jeff Bezos an oder Larry Page oder Mark Zuckerberg. Das Motto in Essen dieser Tage: Vielleicht ist noch ein Spender da.    

Hans-Jürgen Jakobs ist Chefredakteur des Handelsblatt. MEEDIA gehört zur Verlagsgruppe Handelsblatt.

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