Jeff Bezos: Knallharter Macher sucht Relevanz

Der Nachhall auf die 250 Millionen Dollar schwere Übernahme der Washington Post war enorm. Wer sich eingehender mit dem Post-Käufer Jeff Bezos beschäftigt, weiß, dass der Amazon-Gründer vor aggressiven Wetten nicht zurückschreckt. Nach einem Ausflug in den Weltraum folgt nun also das Investment in gesellschaftliche Relevanz. Journalismus scheint zur neuen Leidenschaft von Bezos zu werden - zuvor hatte er bereits in das Portal Business Insider Geld gesteckt.

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Der Nachhall auf die 250 Millionen Dollar schwere Übernahme der Washington Post war enorm. Wer sich eingehender mit dem Post-Käufer Jeff Bezos beschäftigt, weiß, dass der Amazon-Gründer vor aggressiven Wetten nicht zurückschreckt. Nach einem Ausflug in den Weltraum folgt nun also das Investment in gesellschaftliche Relevanz. Journalismus scheint zur neuen Leidenschaft von bezos zu werden – zuvor hatte er bereits in das Portal Business Insider Geld gesteckt. 

Es gibt diesen reflexartigen Vergleich, der alle drei Monate bei Verkündung der neuen Quartalszahlen wieder auftaucht: Amazon ist das Anti-Apple. Während die Wall Street das Zahlenwerk des iPhone-Herstellers so kritisch beäugt wie bei wohl keinem anderen Konzern, kann sich Amazon offenkundig alles erlauben. Gewinne? Völlig egal!

Doch der erste Eindruck täuscht. Amazons scheinbarer Freifahrtschein an der Börse ist einem einfachen Umstand geschuldet: Die Wall Street frisst dem Konzernchef des inzwischen nach Google zweitwertvollsten Internetunternehmens förmlich aus der Hand. Jeff Bezos ist Amazon – fast so sehr wie Steve Jobs Apple war.

"Jeff Bezos ist der Sam Walton unserer Zeit"

Der inzwischen 49-jährige Amerikaner ist ein Unternehmer vom Schlage der mythisch verklärten Industriellen, die die USA im 19. und 20. Jahrhundert groß gemacht haben. Bezos verkörpert den amerikanischen Traum wie ein Henry Ford oder Walt Disney: ein Weltunternehmen aufzubauen, das langfristig Bestand hat.

"Jeff Bezos ist der Sam Walton unserer Zeit", wagte CNBC-Marktkommentator James Cramer schon den Vergleich mit dem legendären Walmart-Gründer. Mehr Ehre geht kaum: Der US-Einzelhändler Walmart ist das mit Abstand umsatzstärkste Unternehmen der Welt.

Um erst gar nicht falsche Vorstellungen aufkommen zu lassen, hat Bezos zum IPO von Amazon 1997 in seinem Schreiben an potenzielle Aktionäre klargemacht: "Es geht alles um die Langfristigkeit." 16 Jahre später hat sich an diesem Mission Statement bei Amazon nichts geändert.

Börsenstar Amazon: Bezos spricht die Sprache der Wall Street

Bemerkenswerterweise hat die notorisch ungeduldige Wall Street damit kein Problem: Das liegt nicht zuletzt daran, dass Bezos wie wohl kein zweiter CEO eines Tech-Unternehmens die Sprache des Financial Districts  spricht. Tatsächlich begann Bezos seine Karriere an der Wall Street und hat sich seine ersten Sporen im computerwissenschaftlichen Bereich bei Bankers Trust und einem Hedgefonds verdient.

Die Erfahrungen hatten bleibenden Wert, als Bezos 1994 Amazon gründete: Der 49-Jährige aus dem US-Bundesstaat New Mexiko weiß ganz genau, welche Reize er setzen muss, damit ihm Analysten und Anleger die 67. Verfehlung der Gewinnerwartungen verzeihen: Alles, was zählt, ist langfristiges Wachstum – Dreimonatsbilanzen sind da nichts als eine Fußnote in der Erfolgsstory.

Glücksfall Bezos: Beinharter Manager fürs Digitalzeitalter

Insofern ist Bezos das Beste, was der Washington Post passieren konnte. Das Beste, weil es wohl aktuell keinen zweiten Internet-Unternehmer vom Schlage Bezos’ gibt, der die Gesetze der New Economy besser versteht und die Post ins Digital-Zeitalter führen kann – ein Schritt, der ohnehin unumkehrbar gewesen wäre.   

Gleichzeitig sollte sich die Belegschaft nichts vormachen: Als stiller Mäzen im Hintergrund dürfte Bezos nicht auftreten. Bei Amazon hat er nachgewiesen, dass er bereit ist, dem unternehmerischen Erfolg alles unterzuordnen. Wenn harte Einschnitte nötig werden, ist Bezos der Manager, der sie ohne mit der Wimper zu zucken auch vornimmt. Die notorische Gute-Laune-Lache täuscht: Bezos ist ein knallharter Macher, kein Zauderer.

Gehälter für ein Jahr garantiert

640 Journalisten arbeiten aktuell noch bei der Washington Post – in glanzvolleren Dekaden war die Summe mal vierstellig. Dass die Kopfzahl auch bei konsequenter Digitalisierung inklusive nach unten angepasster Gehälter kaum zu halten ist, lehrt die jüngere Branchenentwicklung.    

Ein Jahr lang soll es an nichts mangeln, erklärte Bezos sofort: Die Gehälter sollen in den ersten zwölf Monaten nicht angetastet werden, verpflichtete sich Bezos in der Vertragsunterzeichnung. Was danach passiert, steht in den Sternen: "Wir werden experimentieren müssen", teilte Bezos der Belegschaft im Antrittsschreiben mit. Man weiß: Experimente haben einen offenen Ausgang an sich.

Gerade ein Prozent des Gesamtvermögens investiert

Die gute Nachricht für die Washington Post: Im Gegensatz zur Funke-Gruppe, deren Kaufpreis der überregionalen Springer-Zeitung im Angesicht des Bezos-Buyouts der Post nun noch erstaunlicher erscheint, muss der Internet-Milliardär nicht den spitzen Bleistift ansetzen. Jeff Bezos ist nach Forbes-Angaben mit einem Gesamtvermögen von 25 Milliarden Dollar der neunzehntreichste Mann der Welt.

Er ist in Dimensionen vorgestoßen, in denen selbst Apple-Gründer Steve Jobs, der Zeit seines Lebens ein ambivalentes Verhältnis zu Aktienoptionen hatte, nie ankam. 250 Millionen Dollar für die Washington Post sind mithin nichts als die viel zitierten Peanuts – es ist ein Prozent seines Gesamtvermögens.

Bezos kauft sich gesellschaftliche Relevanz

In anderen Worten: Es ist die Größenordnung, die der Durchschnittsverdiener für ein neues MacBook einsetzt – oder ein Multimillionär für einen Oldtimer. In beiden Fällen beschert das Investment seinem Käufer neben dem eigentlichen Nutzen einen netten Zusatzeffekt: Es verleiht seinem Käufer Glanz.

Nicht anders geht es Bezos mit dem Kauf der Washington Post: Nachdem er Amazon zum zweitwertvollsten Internetkonzern der Welt gemacht hat, dafür aber eher an der Börse gefeiert und in der Presse für die Arbeitsbedingungen kritisiert wird, die bei dem weltgrößten Online-Einzelhändler herrschen sollen, kauft sich Bezos nun für ein 1 Prozent seines Vermögens etwas, für das er bei Amazon noch länger, viel länger hätte arbeiten müssen: gesellschaftliche Relevanz. "Die Washington Post-Übernahme war kein Business Deal – es war ein kulturelles Statement", befand etwa der Guardian.

Exklusive  Hobbys: 10.000-Jahre-Uhr, Weltall-Flüge, Apollo 11-Bergung

Wer die atemberaubende Karriere des früheren Wall Streeters eingehend verfolgt hat, wundert sich nicht: Wie alle erfolgreichen Manager hat es Bezos immer verstanden, den nächsten Schritt – und noch wichtiger: das nächste Investment – zu machen. Amazon ist fraglos das Lebenswerk des studierten Computerwissenschaftlers.

Im nächsten Jahr nun aber wird Bezos 50. Er kann Amazon noch die nächsten 10 oder – wie es Larry Ellison bei Oracle vormacht – sogar 20 Jahre führen, aber es muss ja spannend bleiben. Larry Ellisons zweite große Passion neben Oracle ist das Segeln. Es sieht so aus, als habe Bezos unterdessen seine zweite Leidenschaft entdeckt: den Journalismus.

Gerade mal vier Monate ist es her, dass Bezos ein überraschendes  Millionen Dollar-Investment in das aufstrebende Blogkonglomerat Business Insider des früheren Internetaktienanalysten Henry Blodget tätigte. Es klang seinerzeit wie ein um Tage verspäteter Aprilscherz.

Heute wissen wir es besser. Bezos scheint es mit seinen Ambitionen im Journalismus ernst zu meinen. Und das ist nicht mal alles: Es gibt noch andere hochfliegende Pläne. Da ist etwa "Die Uhr des langen Jetzt" ("The Clock of the Long Now"), die tief unter der Erde in einem Bergstollen in Texas für die nächsten 10.000 Jahre die Zeit zeigen soll – Bezos hat sich den Spaß mal 42 Millionen Dollar kosten lassen.

Dann ist da die Raumfahrt.  2005 wurde Bezos Investment in das private Raumfahrtunternehmen Blue Origin bekannt, das er schließlich ganz übernahm. Ziel: private Weltraumreisen zu ermöglichen. Wie vernarrt Bezos offenkundig  in die Raumfahrt ist, beweist ein anderes kostspieliges Abenteuer: So finanzierte Bezos die Bergungsexpedition der legendären Apollo 11 in bis zu 4800 Metern Tiefe. Vor zwei Wochen konnten immerhin schon mal die  zwei Raketentriebwerke geborgen werden.   

Wetteifern der Super-Unternehmer: Jeff Bezos und Elon Musk

Es gibt in diesen Tagen im Silicon Valley wohl nur einen anderen Internet-Unternehmer vom Schlage  Bezos’: den früheren Paypal-Gründer Elon Musk, der mit dem Tesla das vermeintliche Auto der Zukunft gebaut hat und sich nebenbei schon wieder in andere Sphären aufgeschwungen hat – bis 2020 soll es auf den Mars gehen. Vielleicht möchte Musk Bezos ja dabei mitnehmen.

Es gibt dieses alte Wayne Gretzy-Bonmot, das Steve Jobs gerne zitierte: "Ich skate nicht dahin, wo der Puck ist, sondern, wo er sein wird." Jeff Bezos stünde es inzwischen genauso gut zu Gesicht.   

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