Spiegel-Multistory: das verlorene Endspiel

Es ist immer ein zweischneidiges Schwert: Einer der Betroffenen der Printkrise analysiert die Printkrise. "Breaking News" nennt der Spiegel sein opulentes, 24-seitiges Multimedia-Special, das in der iPad-App um zehn Minuten Video-Interview-Material aufgewertet wurde. Renommierte Print- und Online-Chefredakteure und FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher ringen um eine Einschätzung der Lage, bleiben am Ende jedoch einen Weg aus der Krise schuldig, weil den Königsweg schlicht keiner kennt.

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Es gibt wieder mal akuten Gesprächsbedarf. Dass die Printbranche, allen voran die Tageszeitung, in einer schweren Krise steckt, ist nichts Neues. Neue Dynamik bekam die Entwicklung indes vorvergangene Woche, als sich Axel Springer zur viel beachteten Trennung von seinen regionalen Tageszeitungen entschlossen hatte. Ein Zeichen, ein Zeichen, raunte man in der Branche.

Da passte es, dass Spiegel-Veteran Cordt Schnibben ohnehin gerade „in den letzten Wochen durch acht Redaktionen gezogen ist, um mit Chefredakteuren darüber zu sprechen, wie sie den Wandel erleben, den ihre Zeitungen durchmachen“, wie Schnibben selbst als Hintergrundbericht im SPIEGELblog schreibt.

Zehnminütige Interview-Schnipsel als Bonusmaterial auf der iPad-App

Herausgekommen ist eine schon im Vorfeld viel beachtete Multi-Story, für die die Spiegel-Redakteure mit Brigitte Fehrle (Berliner Zeitung), Arno Makowsky (Abendzeitung München), Stefan Plöchinger (Süddeutsche.de), Wolfgang Krach, Lorenz Maroldt und Stephan-Andreas Casdorff (Tagesspiegel), Jan-Eric Peters (Welt) und Frank Schirrmacher (FAZ) sprachen.

Die iPad-App bietet neben visualisierten Absturzkurven der Verkaufszahlen regionaler Tageszeitungen als Bonusmaterial rund zehn Minuten Video-Interview-Schnipsel, unterteilt in sechs Segmente zu je etwa 90 bis 120 Sekunden. Die O-Töne bieten, vorsichtig formuliert, wenig Neues. Es ist wie so oft auf diversen Talkrunden und Konferenzen: Die proaktive Selbstinszenierung geht oft über eine vertiefende Analyse. Und zum gefühlt tausendsten Mal bekommt man zu hören, dass es wohl ein Fehler war, in jenen wilden Anfangstagen die berühmten "Qualitätsinhalte" kostenlos ins Netz zu stellen.

Frank Schirrmacher: "Giganten wie Google wollen geistige Arbeit ausbeuten"

"Sie können von mir als Chefredakteurin nicht erwarten, dass ich ein derart pessimistisches Szenario (wie in den USA) auf Deutschland übertrage", gibt Brigitte Fehrle von der Berliner Zeitung eine erfrischend ehrliche Antwort zur Zukunft der Branche, obgleich sie im nächsten Atemzug zu bedenken gibt: "Aber wenn es so wäre, dann gäbe es die Zeitung nicht mehr."

Auch FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hadert mit den aktuellen Rahmenbedingungen des Printjournalismus, an denen die Kostenloskultur im Web und Google einen maßgeblichen Anteil haben: "Das Internet ist eine Ökonomie – und zwar eine Ökonomie, die nach ziemlich harten Regeln funktioniert. Das Netz ist ein klassisch neoliberaler Markt", folgert Schirrmacher. "Giganten wie Google wollen geistige Arbeit ausbeuten zum Vorteil ihres Gewinns."

Jan-Eric Peters: "Versuchen, die Geschichten digital zu denken und später zu drucken"

Entsprechend schwer hat es die Tageszeitung heute, deren Relevanz Schirrmacher mit der schönen Metapher verteidigt, sie sei "at her best ein Leuchtturm.  Sie ist ein Papier gewordener Biorhythmus ". Tagespiegel-Chefredakteur Andreas Casdorff pflichtet bei: "Die Zeitung ist ein Kulturgut." Für SZ-Vizechef Wolfgang Krach liegt der Wert der Tageszeitung unterdessen "in der exklusiven Nachricht, in der Einordnung, in der Leselust." Das Erzählen müsse einfach besser sein als in den Online-Medien.

Da dürfte Jan-Eric Peters von der Welt-Gruppe vehement widersprechen. Springers überregionale Tageszeitung setzt bekanntermaßen seit nun schon sieben Jahren auf die Devise "online first": "Wir versuchen die Geschichten digital zu denken und in der Zeitung später zu drucken, nachdem sie online erschienen sind", macht der Welt-Chef seine Digitaldevise deutlich.

SZ Online-Chef Plöchinger: "Jetzt in der zweiten, spannenden Phase"

Für den Online-Chefredakteur der SZ, Stefan Plöchinger, ist die Print-Krise dann auch eigentlich eine Chance: "Wir sind jetzt in der zweiten Phase, die gerade ganz spannend ist", verströmt der frühere Spiegel Online-Redakteur Aufbruchsstimmung. Man kennt den Tenor aus diversen Elefantenrunden wie zuletzt auf der re:publica – doch der Königsweg eines nachhaltigen Erlösmodells fehlt weiterhin.

So klingt die durchaus lesenswerte und fraglos kurzweilige Spiegel-Story ein bisschen wie eine Talkrunde nach einem haushoch verlorenen WM-Endspiel: Man war zwar weit gekommen, deshalb nun die Fallhöhe, doch wie man es in Zukunft besser machen könne, bleibt weitgehend unbeantwortet.

Was dafür hängen bleibt, ist die Einsicht, dass der Printabsturz nicht zuletzt mit der Emanzipation des Lesers im Netz der unbegrenzten Möglichkeiten zusammenhängt: "Das Internet spinnt eine Gegenöffentlichkeit zu den klassischen Medien, indem es sie plündert, ihnen Kontrolle und den Heiligenschein raubt; es zwingt Print-Medien, ihre Zeitungen und Zeitschriften nicht mehr wie Care-Pakete über den Lesern abzuwerfen: Das Netz macht aus Lesern Gesprächspartner, Korrektoren, Inspirateure – und Nervensägen, Intriganten, Hetzer", bilanziert der Spiegel.  Diesen Aspekt der Verschiebung der Kräfteverhältnisse vom passiven Print- zum aktiven Online-Leser haben zu viele Blattmacher alter Schule schlicht verschlafen.

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