Das sagt die Branche zur Bezos Post

Der Verkauf der Washington Post an Jeff Bezos - ist das eine Niederlage oder ein Sieg für die Zeitungsbranche? Ausverkauf, Kapitulation - schreiben die einen. Die anderen suchen die positiven Effekte der Übernahme. Beginnt jetzt die Ära, in der Mäzenaten wie Bezos ein neues vergoldetes Zeitalter einleiten, in der diese in die "Infrastruktur der öffentlichen Intelligenz" investieren, wie Atlantic-Autor James Fallows hofft? Endgültige Antworten auf Bezos' Motive gibt es weder dies- noch jenseits des Atlantik.

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James Fallows, The Atlantic:
"Lasst uns hoffen, dass dieser Verkauf der Anfang einer Phase ist, in der die Günstlinge dieser vergoldeten Ära ihre Gewinne in die Infrastruktur der öffentlichen Intelligenz re-investieren. Wir hoffen, dass er einen Anfang bedeutet, weil wir wissen, dass er auch ein Ende ist."

David Remnick, The New Yorker:
Hätte Bill Gates die Post gekauft, wäre das Bild leichter zu entschlüsseln. Nachdem er Milliarden verdient hatte, machte sich Gates mit seiner Familie daran, zu überlegen, was er nun machen wollte, politisch, moralisch und überhaupt. Er wollte sein Geld in die Auslöschung von Krankheiten, Bildung und andere solche Dinge stecken. Der Endvierziger Bezos hat diese Lebensphase noch nicht erreicht. Er ist immer noch mit der Entwicklung seines Unternehmens beschäftigt. Sein Haupt-Nebeninteresse war das Investment in Blue Origin, die Raumfahrt-Startup-Firma, die mehr nach Richard Branson klingt als nach Donald Graham. Er investierte viele Millionen in eine Zehntausend-Jahre-Uhr….Warum er aber eine Viertelmilliarde Dollar in bar für eine Zeitung stecken sollte, das bleibt eine offene Frage.  

Greg Bensinger und Stu Woo, Wall Street Journal:
"Die Frage ist, was für ein Medienbesitzer der Milliardär, der eines der innovativsten Internetunternehmen gegründet hat, wird: ein William Randolph Hearst oder ein Warren Buffett?"

Roland Lindner, Frankfurter Allgemeine Zeitung:

"Damit kapitulieren nun auch die Grahams, eine der letzten großen amerikanischen Verlegerfamilien, vor den Herausforderungen des Zeitungsmarktes." Weiter analysiert der FAZ-Korrespondent: "Indessen ist Bezos berühmt für seine Nebenprojekte jenseits seines angestammten Amazon-Reviers, wie zum Beispiel das von ihm im Jahr 2000 gegründete Raumfahrtunternehmen Blue Origin."


Christoph Keese (mit dpa),
Der Presseschauder:
"Nun hat der Trend zum Kauf von Leitmedien durch reiche Einzelpersönlichkeiten den Westen endgültig überrollt. Führende Titel in Frankreich und Spanien gehören bereits seit einigen Jahren Nicht-Verlegern, die über eine Vielzahl branchenfremder Interessen verfügen. Die USA folgen dieser Entwicklung in rasanter Geschwindigkeit. Und das nun auch noch im Heiligtum der amerikanischen Presse: bei der Washington Post, dem Hort des investigativen Journalismus und publizistischer Heimat der Watergate-Enthüller Bob Woodward und Carl Bernstein."

Jan Friedmann, Spiegel Online:

Friedmann war dabei, als der Verleger Donald Graham den Mitarbeiter die Nachricht über den Verkauf verkündete: "Viele Zuhörer wischen sich Tränen aus den Augen, Graham selbst muss sich mehrfach fassen, um mit seiner Rede fortzufahren. Inhalt: Eine große Zeitungsdynastie verkauft den Kern ihres Unternehmens, weil sie sich nicht länger im Printgeschäft wirtschaftlich engagieren will. Für 250 Millionen Dollar, ausgerechnet an einen Internetunternehmer."

Eva C. Schweitzer, Zeit Online:
"Um eine engere Zusammenarbeit von Amazon mit Zeitungen geht Bezos schon seit Längerem nach. In einem Interview mit der Berliner Zeitung im vergangenen Jahr bemerkte Bezos, dass Leser zwar kein Geld für Zeitungen im Internet ausgäben – wohl aber für Zeitungen auf dem Tablet. Und: Sobald erst einmal die Übergangsphase vorbei sei, in der eine Zeitung sowohl gedruckt als auch für das Tablet produziert werde, entspanne sich die ökonomische Situation wieder. Spätestens in zwanzig Jahren, meinte Bezos, gebe es keine Print-Zeitungen mehr. Bis dahin muss er es nur noch schaffen, Apple aus dem Weg zu räumen, dann gehört ihm die Welt."

Karsten Lohmeyer, Lousypennies.de:
"Jeff Bezos kauft die Washington Post. Und plötzlich macht alles einen Sinn. Denn mit dem Amazon-Gründer wird ein Mann zum Zeitungsbesitzer, der nicht nur wie kein Zweiter die Digitalisierung versteht, sondern der auch die nötige Macht, das Geld und vor allem die Werkzeuge hat, den Medienwandel und die Tageszeitung von Morgen fast im Alleingang zu stemmen."

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