„In unserer Branche sind Viele frustriert“

Es ist nur eine kleine Notiz, eigentlich. Der Journalist Michalis Pantelouris ist kein Journalist mehr. Vorerst nicht, und wenn es nach ihm geht, vielleicht auch nie mehr. Seit dem 1. August ist er Angestellter bei ArteFact, einer Direktvertriebsfirma für hochwertiges Olivenöl. Vor einigen Jahren hätten viele Kollegen vermutlich gesagt: Pantelouris hat sie nicht mehr alle. 2013 gibt es nur Gratulationen zum Umstieg. Pantelouris zu MEEDIA: "In unserer Branche sind viele Leute extrem frustriert."

Anzeige

Michalis Pantelouris war mal Redakteur bei Max, Chefreporter und Textchef bei FHM, Ressortleiter und Textchef bei GQ. Für Burda entwickelte er das Magazin Ivy, in dem es um nachhaltigen Konsum ging. Zuletzt war er Chefredakteur des Magazins "Wie Einfach", das von der Strommarke "E wie Einfach" finanziert wird. Pantelouris war in den vergangenen zwei Jahren Gast in vielen Talkshows, um über die Lage in Griechenland zu sprechen; der Deutsch-Grieche hat das Buch "Hände weg von Griechenland" geschrieben. Für zahlreiche Magazine hat der Journalist bereits kolumniert – er ist einer, der viel, schnell und unterhaltsam schreiben kann. Im September wird er 39 Jahre alt.
Eigentlich sieht so der Lebenslauf des mustergültigen Journalisten aus, der mal frei mal angestellt Texte schreibt, Konzepte entwickelt, Buchaufträge an Land zieht und zwischendurch in TV und Radio etwas darüber erzählt. Ein Blog hat dieser Idealtypus des modernen Journalisten natürlich auch. Mal bringt etwas viel Geld, anderes mal weniger, alles zahlt auf die Marke Pantelouris ein. Darum geht es, wenn es in der Branche heißt, Journalisten müssten "unternehmerisch" denken.
So hätte es vermutlich weitergehen können mit Pantelouris und den Medien. Doch seit wenigen Tagen arbeitet der Journalist für Conrad Bölicke, der den Olivenöl-Vertrieb ArteFakt betreibt und den Pantelouris als "den deutschen Olivenölpapst" bezeichnet. Pantelouris hat Bölicke vor anderthalb Jahren kennengelernt, als er über Olivenöl recherchierte – eine Geschichte ist in der aktuellen Ausgabe von Beef nachzulesen. Der Ansatz des "intellektuellen Unternehmers" Bölicke beeindruckte den Journalisten: "Die Art und Weise dieser Männer, mit der (ewigen) Krise ihrer Branche umzugehen. Sie machen die Dinge ganz einfach so, wie sie sein sollten: Sie stellen die höchste Qualität her, verbessern sich dabei trotzdem immer weiter und finden die Kunden, die tatsächlich bereit sind, für die ehrliche Qualität zu bezahlen."
Warum das bemerkenswert ist? Weil, so beschreibt es Pantelouris, Olivenöl ein "tolles, aber korruptes Produkt" sei, das, im Supermarkt gekauft, "zu 99,9 Prozent Dreck" sei. Bölicke und seine Mitstreiter sind überzeugt, dass es eine "Revolution" auf dem Olivenöl-Markt geben müsse, in den kommenden zehn Jahren. Denn bisher bekämen die Produzenten in der Regel 2,20 Euro für einen Liter, die Produktion eines "ehrlichen" Liters koste aber mindestens sechs bis sieben Euro. Zusammengefasst: es gibt da eine kleine Gruppe von Menschen, die das anspruchsvolle, aber von der Industrie bisher minderwertig verarbeitete Produkt Olivenöl besser machen wollen – für andere Menschen, die für gute Qualität gerne mehr bezahlen. Wer das möchte, kann hier eine schöne Analogie zur Lage des sogenannten "Qualitätsjournalismus" ziehen.
"Die Bedingungen dafür, Qualität im Journalismus herzustellen, werden immer schwieriger", sagt Pantelouris. "Ich höre im Journalismus nur noch von Leuten, die aussteigen wollen." Viele seien "extrem frustriert". Nicht nur die Freien, die schlecht bezahlt werden. Auch Festangestellte bei großen Magazinen (Anmerkung: denen es vielleicht viel zu gut geht). "Das System scheint Qualität immanent zu verhindern", sagt Pantelouris, Journalisten lebten zunehmend in einem Zustand der "Demütigung". Das Nachdenken über alternative Geschäftsmodelle, an dem auch er sich beteiligt hat, "frisst alle Energie". Eine Lösung habe er nicht parat, auch einen Traumjob gebe es aus seiner Sicht nicht mehr in der Branche zu ergattern. Hat es mit dem Alter zu tun?    
Als der Olivenölmann Bölicke ihn also "vor kurzer Zeit" gefragt habe, ob er für ihn und mit ihm arbeiten wolle – hat er zugesagt. Pantelouris spricht am Mobiltelefon aus Apulien, dort lassen sich Olivenöl-Produzenten, die mit Artefact zusammenarbeiten, gerade fortbilden. Nachher werde er in den Pool springen und gut essen. Er habe vor seinem 40. Geburtstag im kommenden Jahr eine Entscheidung getroffen: "Ich wollte etwas machen, was mich glücklich macht."
Ein so knapper wie starker Satz; für den Journalismus ein harter Satz. Nun ist es nicht so, dass die Branche untergeht, wenn ein Mann wie Pantelouris mal etwas anderes macht als Texte zu schreiben und Hefte zu entwickeln. Aber was passiert, wenn mehr findige, gut ausgebildete und leidenschaftliche Journalisten diesen Satz sagen – und die Antwort darauf nicht mehr in der Medienbranche finden? Also: Wie viele Journalisten machen die Medien noch glücklich? Wollen die Kollegen, die früher die besten Geschichten für Spiegel, Stern und Süddeutsche schreiben wollten, heute am liebsten nur noch raus?  
Pantelouris‘ Arbeit hat begonnen. Geschichten wird er, nun auf andere Art und Weise, weiter erzählen. Und die erste Geschichte – und vielleicht beste Werbung für seinen neuen Arbeitgeber – ist die seines Ausstiegs. 

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige