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Witzigkeit im Web: Satireseiten boomen

Lange Zeit war da die Online-Seite der Titanic - und nur die der Titanic. Wer auf Satire im Web aus war, der amüsierte sich über die geistigen Ergüsse der professionellen Spaßmacher aus Frankfurt. Doch mittlerweile ist das Web um einige Satire-Seiten reicher. Allen voran "Der Postillon" - die Seite wurde mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Ein neuer Mitstreiter um die Witzigkeit im Web ist die "Neue Rheinpresse". In den sozialen Medien finden die Seiten enorme Verbreitung.

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Auf den ersten Blick unterscheiden sich die Satire-Seiten kaum von ihren journalistischen Brüdern. Sie sind untergliedert in Ressorts: Politik, Wirtschaft und Sport. Sie imitieren Nachrichtenportale, nehmen aber gerne und häufig genau diese Seiten ins Visier. So machte diese Woche etwa der Postillon mit der Meldung “500. Medienbericht kritisiert Bushidos plumpen Versuch, in die Medien zu kommen” auf. Eine typische Satire-Story, bei der Aktuelles mit ein wenig Medienkritik vermischt wird. Hinter dem Postillon steckt Stefan Sichermann, ein Ex-Agenturmann, der die Seite seit 2008 in Eigenregie betreibt. Dafür gab es 2013 den Grimme-Preis – und das noch in der Kategorie “Information”. 
Der Erfolg des Satire-Portals scheint den Weg geebnet zu haben für andere. Seit Anfang des Jahres bringt die Neue Rheinpresse vermeintliche News bzw. "Nichtigkeiten" aus der “Region, Deutschland und der Welt”. Kostprobe: Schnürsenkel dürfen ab 2016 nicht mehr verkauft werden, weil die unangemessen lange Zeit, die das Binden der Schuhe kostet, nachhaltig das Bruttosozialprodukt schwächen würde. An anderer Stelle heißt es, der DGB fordere die Abschaffung des Montags, um der Unproduktivität der Deutschen entgegenzuwirken. Nun ja.
Die Leser scheinen jedenfalls Gefallen an der Satire im Netz zu finden. In den Social-Media-Charts von 10.000 Flies (von MEEDIA-Autor Jens Schröder) führen die Beiträge der Rheinpresse und des Postillon immer mal wieder das Tagesranking an, werden teilweise über 10.000 Mal geliked, geshared und retweeted. Das sind Zahlen, von denen manch journalistisches Angebot nur träumen kann.

Beide Seiten, Postillon wie Rheinpresse, haben etwas gemeinsam: Sie geben gerne zu, dass es sich den Artikeln und Bildern um Satire handelt. Die Rheinpresse schreibt hierzu: “Alles ist erfunden und erlogen, nichts stimmt. Alles dient der Belustigung. In erster Linie meiner. Wer es auch lustig findet, darf das. Wer das hier ernst nimmt, soll sich mal am Kopp packen.”
Auf der Seite Eltern-im-Netz.net findet sich kein solcher Disclaimer. Auf den ersten Blick geriert sich die Seite wie ein Ratgeber für Eltern, deren Kinder gerne und ausgiebig Computerspiele daddeln. Doch wer behutsame Pädagogik erwartet, wird schnell enttäuscht. Der Ton, in dem sensible Themen wie Außenseitertum von Online-Gamern oder Outing homosexueller Jugendlicher behandelt werden, ist derbe und diffamierend. “In der Schule selbst ist Sebastian ein Außenseiter”, heißt es in einem Artikel. “Genau wie die Amok-Killer fällt er im Unterricht nie auf, schreibt mittelmäßige bis schlechte Noten und hat keine Freunde. In manchen Kursen sitzt er sogar alleine an einem Tisch, weil die Klassenkameraden den langhaarigen Freak stets meiden.” 
Dass es sich bei "Eltern im Netz" um Satire handelt, wird spät, vielleicht zu spät deutlich. In dem Artikel “Geheimes Huren-Leben: Tochter auf Dating-Portal entdeckt” empfiehlt der Autor dem Vater einer frühreifen Tochter, sie zu Erziehungszwecken zu kidnappen und auf einem Feld auszusetzen. Ein weiteres Beispiel: Bei der Kommentarfunktion sollen Nutzer angeben, ob sie homosexuell sind oder nicht. Denn Kommentare von Homosexuelle könne man aus technischen Gründen nicht veröffentlichen. Angeblich sollen den Lesern auf dieser Seite ihre Vorurteile gegenüber Computerspielern und Homosexualität vorgehalten werden.

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Warum der Betreiber, der sich “Frank Torthoff” nennt, sein Angebot nicht als Satire kennzeichnet, ist unklar. Kritiker bemängeln, dass Leser die Texte durchaus ernst nehmen könnten. Dafür sprechen die teils heftigen Diskussionen unter den Texten. Denn die derbe Rhetorik ruft regelmäßig Proteste hervor. Unter dem zitierten "Killerspiele"-Text finden sich mittlerweile schon über 2.700 Kommentare, in denen die Jugendlichen und teilweise sogar deren Eltern den Autor in die Mangel nehmen. Der eigentliche Satire-Effekt verpufft. Immer wieder sorgte die Seite in der Vergangenheit für Proteststürme, wurde sogar von Hackern vom Netz genommen. Seit Kurzem ist das Angebot unter neuer Adresse wieder online.

Auf Nachfrage wollte sich "Torthoff", der im Impressum als Redaktionssitz Thailand angibt, telefonisch nicht äußern. Nachfragen könne man per Mail schicken. Doch auch darauf reagierte der Betreiber letztlich nicht.

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