„Die Überwachung ist überall“

Howard Rheingold lebte schon Mitte der 80er Jahre in einer Online-Community, dem legendären WELL. Die Erfindung des Begriffs "Virtual Community" wird dem Amerikaner sogar zugeschrieben. Im Interview spricht der Online-Pionier darüber, wie vor allem Kinder "net smart" werden können, wie Unternehmen umdenken und ihren Kunden plötzlich eine Stimme geben – und über den NSA-Skandal: "Ich kann nicht optimistisch zu Themen wie Privatsphäre, Technologie und Überwachung sein. Dafür ist es viel zu spät."

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Herr Rheingold, Sie sind ausgewiesener Experte für die Entwicklung der Sozialen Medien. Machen denn die Sozialen Medien die Welt sozialer?
Nicht automatisch. Es kommt darauf an, wie die Menschen dort kommunizieren. Wie sie miteinander umgehen, hängt auch davon ab, wie sie mit dem Netz insgesamt umgehen, was sie von den Strukturen des Internets wissen. Wenn sie unkritisch mit Informationen umgehen, aber relevanten Informationen keine Aufmerksamkeit schenken, wenn sie schlechtes Verhalten tolerieren, dann verschlechtern sich die Umgangsformen im Netz. Aber je mehr Menschen lernen, bedacht mit den Sozialen Medien umzugehen, Inhalte zu hinterfragen, höflich zu sein und anderen zu helfen, kann das Internet zu einem gesunden und wertvollen Ort werden.

Im Grunde müssen also die Menschen ihre eigene Verantwortung erkennen?
Ja, es ist eine Frage der Bildung.

Und wie erreicht man diese digitale Bildung?
Das große Problem ist, dass sich die Technologien viel schneller entwickeln als unsere Institutionen, vor allem unsere Bildungsstätten. Aus diesem Grund habe ich ein Buch geschrieben, Net Smart. Ich möchte den Leuten damit eine solide recherchierte Anleitung geben, wie sie sinnvoller kommunizieren können. Viele Lehrer und Schulleiter haben große Angst vor dem Internet. Vor den Gefahren und den schlimmen Seiten, die ja existieren. Daher wollen sie die Kinder am liebsten vom Internet fernhalten. Aber in meinen Augen kommt man nicht mit Verboten weiter, sondern nur dadurch, dass man den Kindern zeigt, wie man richtig mit dem Web umgeht. Das will ich den Lehrern vermitteln.

Was genau raten Sie in Ihrem Buch?
Ich habe fünf Kompetenzen formuliert, die man sich aneignen sollte: Aufmerksamkeit, Teilhabe, Zuammenarbeit, kritischer Konsum von Information ("crap detection") und Network Smarts.

Wie funktioniert die "crap detection"? Wie filtert man Spam heraus?
Man muss zunächst einmal verstehen, dass das Internet aus einer Menge falscher Informationen besteht. Dass man nicht jeder Information trauen darf, sondern immer nach der Quelle, dem Autor suchen muss. Dafür muss jeder ein bisschen investigativ vorgehen und lernen, kritisch zu denken. Das wichtigste ist, nicht einfach die Meinung von anderen zu übernehmen und sie unhinterfragt weiterzugeben.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung, dass Unternehmen die Sozialen Medien mehr und mehr als Werbefläche nutzen?
Die Sozialen Medien haben zu einem Paradigmenwechsel im Marketing geführt. Früher galt: Formuliere eine Botschaft und manipuliere die Wünsche der Menschen, so dass sie sich unwohl fühlen, wenn sie nicht deine Produkte kaufen. Unter diesem Paradigma hat Edward Bernays die PR erfunden und die moderne Werbung, wie wir sie heute kennen. Aber jetzt wandelt sich dieses Verständnis von Werbung. Unternehmen fangen an, auf das zu hören, was ihre Kunden ihnen sagen. Es entwickelt sich ein ganz neuer Begriff von Kundenservice. Online-Medien zu nutzen, heißt nicht, Botschaften herauszuschreien, sondern es heißt, Kunden eine Stimme zu geben und darauf zu hören, was sie sagen.

Die Sozialen Medien machen also auch Unternehmen sozialer?
Geh auf Twitter und du findest einen Haufen von Firmen, die einfach nur ihre Botschaften senden. Aber du findet auch Accounts, hinter denen offensichtlich Menschen stecken. Die mit anderen Menschen kommunizieren. Als Unternehmen geht es darum zu verstehen, welche Vorteile die Sozialen Medien haben, und sie richtig zu nutzen. Das heißt, nicht einfach nur Messages durchzudrücken, sondern zuzuhören und zu antworten. Am besten gleich auf drei verschiedenen Kanälen auf jegliche Frage einzugehen. Und auch auf Beschwerden.

Warum lassen Sie das gesamte Thema Privatsphäre in Ihrem Buch unerwähnt?
Wissen Sie, ich habe in den Jahren 1994/1995 eine Reihe von Kolumnen zum Thema Privatsphäre, Überwachung und den Einsatz neuer Technologien geschrieben. Googeln Sie mich mal, da finden Sie das alles. Ich wollte die Leute warnen und ihnen sagen, dass sie sich die Problematik bewusst machen müssen. Aber das hat niemanden interessiert. Heute schreien alle auf. Heute kommen die Fakten über die NSA und Datenüberwachung ans Licht. Nicht nur ich, viele haben damals schon davon gesprochen. Und sind heute frustiert, weil die Öffentlichkeit nicht zuhören wollte. Jetzt ist es viel zu spät, noch etwas zu unternehmen. Die Überwachung ist überall. Sie wird nicht abreißen. 

Aber sollte sich die Jugend, die heute im Netz unterwegs ist, diese Privatsphäre-Fragen nicht trotzdem stellen? Sollte ein gewisses Maß an Achtsamkeit in dieser Hinsicht nicht Teil der digitalen Bildung sein?
In meinem Buch mache ich durchaus klar, dass alles, was du ins Internet stellst, für immer dort bleiben wird. Es kann gesucht werden, mit deinem Namen in Verbindung gebracht, kopiert und weltweit verschickt werden. Jeder junger Mensch sollte sich Gedanken über seinen digitalen Fußabdruck machen. Aber ein viel größeres Problem sehe ich in der allgegenwärtigen Überwachung durch Kameras. Wer einen Tag durch London oder eine andere Großstadt läuft, wird von Hunderten von Kameras gefilmt. Auch in allen Läden hängen Kameras. Sie sind digital, können dein Gesicht erkennen. Und sie sind miteinander verbunden. Als dieses riesige Netzwerk errichtet wurde, hielten sich die Leute noch an die Illusion von Sicherheit und Bequemlichkeit. An die Gefahr eines Überwachungsstaats haben sie nicht gedacht, die Warnungen überhört.

Sie präsentieren sich auf Ihrer Website als überaus fröhlicher, optimistischer Mensch. Tragen auf all Ihren Fotos knallbunte Hemden und ein breites Lachen auf dem Gesicht. Können Sie angesichts dieser Entwicklungen optimistisch in die Zukunft sehen?
Ich unterscheide zwischen Optimismus und Hoffnung. Wie ich bereits sagte, war ich schon vor langer Zeit besorgt über all diese Entwicklungen. Ich kann nicht optimistisch zu Themen wie Privatsphäre, Technologie und Überwachung sein. Dafür ist es viel zu spät. Die Politiker haben noch nie genügend Rückgrat bewiesen, um auf dem politischen Level dagegen vorzugehen. Die Technologien werden immer allgegenwärtiger und zudringlicher. Schon vor 15 oder 20 Jahren hätte man reagieren müssen. Aber ich entscheide mich, hoffnungsvoll zu sein. Je mehr Menschen darüber Bescheid wissen, desto besser wird es. Außerdem gibt es ja auch sehr viele positive Entwicklungen im Netz. Menschen nutzen die Möglichkeit, zu kooperieren und Dinge gemeinsam zu tun. Das fängt bei friedlichen und demokratischen politischen Demonstrationen an und geht in Richtung einer „Share Economy“ und gemeinschaftlichen Konsum. Diesbezüglich bin ich sehr positiv gestimmt.

Wir haben das Interview mit Howard Rheingold mit freundlicher Erlaubnis von The Narrative übernommen, dem Storytelling-Blog von KircherBurkhardt.

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