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Springer/Funke: der Graben in den Köpfen

In den vielen Reaktionen auf den großen Springer/Funke-Deal, bei dem die Axel Springer AG ihre Regionalzeitungen, TV- und Frauenzeitschriften an die Funke Mediengruppe verkauft, zeigt sich auch der große Graben, der innerhalb der Medienbranche verläuft. Auf der einen Seite des Grabens stehen junge Digitale, die den Deal als richtungsweisend eher begrüßen. Auf der anderen Seite stehen die alten Printler, die den Abgesang auf den Journalismus anstimmen. Aber ganz so einfach ist es auch wieder nicht ...

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Oliver Stock, Chefredakteur von handelsblatt.com twitterte nach Bekanntwerden des Springer/Funke-Deals: “Wir Journalisten sind Zwitterwesen: Bei anderen den Wandel fordern, aber selbst verharren. #Springer macht es richtig und wandelt sich.”

Dagegen kommentierte Print-Redakteur Markus Brauck bei Spiegel Online: “Der Chef von Europas größtem Zeitungshaus glaubt nicht mehr an das eigene Produkt. Glaubt nicht mehr an eine Zukunft für die meisten seiner Redaktionen, glaubt nicht mehr daran, dass Journalismus auf lange Sicht noch profitabel sein kann.“

Hier stehen sich zwei Meinungen von zwei Onlinern gegenüber, die verschiedener nicht sein könnten. Das ist symptomatisch für viele Kommentare zum Springer/Funke-Deal. Auf der einen Seite wird applaudiert (vielleicht noch mit der einen oder anderen Anmerkung, dass der Verkauf für die Hamburger Springer-Mitarbeiter alles andere als angenehm ist). Auf der anderen Seite wird der Deal verdammt und der Axel Springer AG wird abgesprochen, dass das Unternehmen noch ein Verlag ist.

Dabei muss Springer das gar niemand absprechen. CEO Mathias Döpfner ließ die Bezeichnung “Verlag” schon vor langer Zeit aus dem Unternehmensnamen tilgen. Genauso wie Apple seinerzeit den Begriff “Computer” aus dem Namen gestrichen hat. Beide Vorgänge sind vergleichbar und ähnlich symbolträchtig. Springer will nicht auf das verlegen von Zeitungen und Magazinen festgelegt werden. Apple wollte nicht auf das Herstellen von Computern festgelegt werden. Apple wandelte sich vom Computer-Hersteller zum Unterhaltungselektronik- und Smartphone-Konzern. Springer wandelt sich vom Verlag hin zu einem digitalen Inhalte- und Vermarktungsunternehmen.

Im Falle von Springer müssen viele Mitarbeiter nun auf die harte Tour lernen, dass Symbole sehr handfeste Folgen haben können.

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Was aber sagt uns dieses geteilte Stimmungsbild in der Branche? Hier stehen sich nun mit Springer und Funke zwei Modelle gegenüber, zwei Entwürfe über die Zukunft der Medien. Die Funke-Gruppe hat in ihre interne Info-Mail an die Mitarbeiter ein ausdrückliches Bekenntnis hineingeschrieben: “Wir glauben an Print – in enger Verbindung mit Digital!” Das ist die typische Argumentation der Verlage alten Zuschnitts. Das Digitale kommt dabei stets erst im zweiten Teil des Glaubens-Bekenntnisses – als eine Anhängsel. Print steht zuerst. Print first.

Bei Springer haben sie das komplett auf den Kopf gestellt. Das Unternehmen redet nicht nur vom digitalen Wandel, sondern praktiziert ihn. Und das geht nicht ohne Trennungsschmerzen ab. Web-Guru Jeff Jarvis, der schon vor langer Zeit überspitzt forderte, die Verlage sollten ihre Druckmaschinen abschalten, wird vermutlich Beifall klatschen. Klar bringt Springer auf absehbare Zeit Bild und Welt auch noch als Print-Ausgabe heraus und bei Funke tüfteln sie an Online-Angeboten. Aber die Bottom-Line ist: Springer glaubt zuerst ans Digitale, Funke glaubt zuerst an Print.

Und so wie diese beiden Häuser ihre unternehmerischen Glaubensbekenntnisse formulieren, positionieren sich auch die Journalisten. Die einen sind bereit, sich dem digitalen Wandel zu stellen, haben vielleicht auch schon die eigenen Lebensentwürfe dementsprechend eingerichtet. Andere setzen darauf, dass es für sie schon noch reichen wird, dass ihr Unternehmen noch so zehn Jahre durchhält. Das hört man in der Tat öfter: “Für mich wird’s hoffentlich noch reichen.” Menschlich verständlich aber – wie der Fall Springer zeigt – möglicherweise zu kurzsichtig gedacht.

Interessant ist, dass der große Graben keineswegs trennscharf zwischen Print- und Online-Redaktionen verläuft. Das obige Beispiel des SpOn-Kommentars zeigt, dass auch in Online-Medien konservative Ansichten veröffentlicht werden können. Genauso gibt es gewiss Print-Redakteure, die dem Wandel gegenüber aufgeschlossener gegenüberstehen, als mancher Digital-Kollege. Selbst unter Bloggern und so genannten Digital Natives gibt es einige, die nun plötzlich das allzu rüde Über-Bord-Werfen der Traditionen bei Springer beklagen und eine schlimme Journalismus-Dämmerung am Horizont erkennen wollen.

Der große Graben verläuft gar nicht zwischen Digital- und Printmedien. Er verläuft mitten in unseren Köpfen.

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