„Ein verlegerischer Offenbarungseid“

In einem Aspekt des Springer-Funke-Deals sind sich fast alle Kommentatoren einig: Das Medienhaus kappt einen Teil seiner Wurzeln. In der weiteren Bewertung gehen die Meinungen allerdings auseinander. In der FAZ schreibt Michael Hanfeld „Für die Anbieter von Qualitätsjournalismus muss der Absprung kein schlechtes Zeichen sein. Das Handelsblatt analysiert allerdings auch, dass mit dem Deal „Döpfners Verlässlichkeit gelitten hat“. Eine besonders griffige Headline lieferte die taz: „Rumms!“

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Sönke Iwersen, Hans-Jürgen Jakobs, Miriam Schröder, Kirsten Ludowig, Silke Kersting, Handelsblatt: „An den publizistischen Flaggschiffen Bild und Welt will Döpfner festhalten. Sie würden ‚auch sehr langfristig unverzichtbarer Kern des Unternehmens Axel Springer bleiben‘. Doch Döpfners Verlässlichkeit hat gelitten. Schließlich habe er 2006 bei der Verlagerung von Bild in die Hauptstadt gesagt: ‚Berlin wird der Sitz des Verlages, unsere Heimat ist Hamburg‘, erinnert sich Menso Heyl, von 2001 bis 2008 Chefredakteur des Abendblatts. Dafür habe Döpfner damals viel Applaus bekommen. ‚Nun ist der Verlag wohl heimatlos‘."

Michael Hanfeld, FAZ: „Springer gibt „Print“ auf und verabschiedet sich langsam aber sicher von dem damit verbundenen Journalismus. Denn „Bild“ und „Welt“ existieren zwar noch auf dem Papier, beugen sich aber längst dem Diktat „online first“. Aus dieser Losung dürfte über kurz oder lang „online von A bis Z“ werden.“

Henning Peitsmeier, FAZ: „Mathias Döpfner besitzt die Gabe, Dinge schönzureden, die nicht schön sind. Zumindest nicht für Betroffene seines Handelns“. Weiter schreibt Henning Peitsmeier: „Döpfner begnügt sich nicht damit, den Springer-Konzern binnen eines Jahrzehnts so zu verändern, wie keiner seiner Vorgänger, einschließlich des Gründungsvaters selbst, es sich je getraut hätte. Döpfner sieht sich gar in der Tradition Springers handelnd, wenn er wagemutig in die Digitalisierung investiert.“

In der Süddeutschen Zeitung beschäftigen sich Hans Leyendecker , Caspar Busse und Bernd Dörries  unter anderem mit der Funke-Gruppe: „Dass der geplante Kauf nicht bekannt wurde, ist so untypisch für den Essener Konzern wie das Zustandekommen überhaupt. Als die beiden Familienstämme noch existierten, sagte immer einer Nein. Woher stammt das viele Geld für den Kauf? Für die Funkes war es nicht einfach, den Kaufpreis in Höhe von 500 Millionen Euro für den Brost-Anteil zu stemmen. Die Banken, die Kredite geben mussten, schauen genau auf das Verlegergewese in Essen, aber das Geld für den Kauf der Springer-Blätter kommt nicht aus einer Familienkasse, sondern aus der Konzernkasse – und die soll immer noch sehr gut gefüllt sein.“

In der taz beschäftigt sich Konrad Litschko mit dem Verkauf der Berliner Morgenpost: „Markenkern der Morgenpost ist vor allem die breite Kiezberichterstattung – was ihr bisweilen das Image des Provinziellen verpasste und den Rufnamen „Mottenpost“. Zuletzt versuchte die MoPo beides abzuschütteln, warb in Kinospots mit jungen Tätowierten und Multikulti-Berlinern für sich. Unter den Qualitätsblättern dieser Stadt bedient sie aber weiter die konservative Leserschaft. In Leitartikeln sprach sie sich zuletzt gegen Rekommunalisierung aus und sah Berlin „mit der CDU auf einem guten Weg“.“
Markus Brauck, Spiegel Online: "Seit heute ist das alles anders. Seit heute ist klar: Der Chef von Europas größtem Zeitungshaus glaubt nicht mehr an das eigene Produkt. Glaubt nicht mehr an eine Zukunft für die meisten seiner Redaktionen, glaubt nicht mehr daran, dass Journalismus auf lange Sicht noch profitabel sein kann.“
Peter Turi, Turi2.de: „Der Verkauf renditeschwacher Printobjekte mag alternativlos sein, Döpfners Entscheidung richtig und konsequent. Aber nur, wenn man sie nur unter dem Aspekt von Rendite, Aktienkurs und Shareholder Value betrachtet. Der Weg eines Verlegers, der Weg eines Axel Springer, wäre ein anderer gewesen“
Franziska Bluhm, Wiwo.de: „Der Verkauf der Titel ist vor allem eins: konsequent. Er zeigt, wie ernst es der Konzern, der sich bereits in den vergangenen Jahren von einem klassischen Verlag zu einem Medienhaus gewandelt hat, mit der Digitalisierung meint“. Die Chefredakteurin von Wiwo.de sieht einen tiefgreifenden Wandel der Unternehmenskultur beim Medienhaus. „Konzernweit sucht Springer derzeit nach 150 IT-Spezialisten. In Anzeigen macht Bild Jagd auf „Visionäre, Macher und Medien-Revolutionäre“, die mehr Ideen als Apple-Designikone Jony Ive und die Start-up-Millionäre Samwers haben. Die Vision von Bild-Chefredakteur Kai Diekmann: flachere Hierarchien und mehr Techniker in der Redaktion.

Bülend Ürük, Newsroom.de: „Der Tag, an dem vor allem Printobjekte den Käufer wechseln, ist ein schlechter Tag für die zarten Online-Innovationen in Essen. Erstaunlich ist auch, dass Familie Grotkamp Geldgeber gefunden hat, die ihnen die Übernahme finanzieren. Zumal die Bedingungen der Banken, um den Brost-Anteil zu übernehmen, schon schwer zu erfüllen waren – ob Gesellschaftervertrag oder Vinkulierung der Anteile.“

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