Glass: Wow oder Hans Guck-in-die-Luft?

Das ultimative Gadget oder nur ein neues Einfallstor für die datenhungrige NSA? Die Zukunft der tragbaren Technik oder nur ein überflüssiges Accessoire für das Smartphone? An Google Glass scheiden sich von Beginn an die Geister. MEEDIA konnte die Datenbrille einem ersten Test unterziehen. Was spricht für den Erfolg des Brillencomputers? Und warum steht Google mit seinem neuen Gadget trotzdem noch ein steiniger Weg bevor? Ein Pro & Contra.

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Pro:

+ Der Wow-Faktor
: Wenn man die Brille einmal auf der Nase hat, kann man nicht anders als ein kurzes “Wow” oder “Cool” auszusprechen. Ohne das Smartphone aus der Tasche zu holen, hat man plötzlich ein Display im erweiterten Blickfeld, dessen Technik auf die eigene Stimme hört. Man fühlt sich automatisch an Geordi von “Star Trek” erinnert, der über seinen Visor allerlei Zusatzinformationen angezeigt bekommt.

+ Die Unaufdringlichkeit: So üppig die Datenbrille auf den ersten Blick ausschaut: Als Träger spürt man sie kaum. Das Gestell ist extrem biegsam und wirkt gleichzeit robust. Nichts wackelt oder wirkt schlecht verarbeitet. Das Display, eine vergleichsweise winzige Fläche in einem Glasquader über dem rechten Auge, stört nicht. Wer sich mit seinem Gegenüber einfach nur unterhalten will, wird nicht von den Einblendungen gestört. Will man diese sehen, muss man leicht nach rechts oben blicken.

+ Die Geschwindigkeit: Auch wenn das aktuelle Google Glass noch eine Vorab-Entwicklerversion ist, funktioniert diese doch ziemlich reibungslos. Navigiert man per Wischgeste am rechten Brillenbügel durch die Menüs, passiert der Wechsel ohne lästige Ruckler. Per Sprachbefehl schießt Glass Bilder oder dreht Videos. Auch hier kommt es nicht zu störenden Verzögerungen.

+ Die Spracheingabe: Wer mit den ersten Spracheingabe-Versuchen unter früheren Windows-Versionen aufgewachsen ist, hat immer noch eine leichte Abneigung, mit der Technik zu sprechen. Apples Sprachassistentin Siri hat hier zwar schon Pionierarbeit geleistet, aber trotzdem nervt es, wenn das iPhone aus “Facebook” plötzlich “Fratze Buck” macht. Im ersten Kurztest verstand Glass die Befehle und Sucheingaben tadellos. Dem Entwicklerstatus der Hardware ist geschuldet, dass die Befehle noch in englischer Sprache erfolgen müssen. Dennoch: Die Tatsache, auf einer Radtour nicht nur die Navigation im Blickfeld zu haben, sondern über seine Brille auch gleichzeitig im Web nach einem Restaurant im 50 Kilometer entfernten Ziel zu suchen und anrufen zu können, hat Charme. Endlich hat man die Hände frei.

+ Foto-Faktor: Noch nie war es leichter, fix ein Foto zu machen. Ein verbaler Befehl, und schon hält die Brille das eigene Sichtfeld im Bild fest. Mit einer weiteren Ansage lässt sich das Foto sofort bei Twitter posten oder via Mail verschicken. Selbst kurze Videos von maximal zehn Sekunden sind möglich.

Contra:

– Der “Filmst du mich gerade”-Effekt: Auch wenn die Debatte um Glass in den vergangenen Wochen und Monaten ordentlich übergeigt war, lassen sich einige Privacy-Bedenken nachvollziehen. Blickt ein Glass-Träger in die eigene Richtung, ist man auf den ersten Blick nicht sicher, ob man gefilmt wird oder nicht. Einen roten Aufnahmeknopf wie bei großen Kameras gibt es nicht, wie ein eine Helmkamera GoPro sieht das Gadget auch nicht aus. Es ist ein Brille mit integrierter Kamera. Google deutet praktisch einen Alltagsgegenstand um, das weckt Bedenken. Aber: Um ein Video aufzunehmen, braucht es bislang den Sprachbefehl “Ok, Google…Record a Video.” Das ist nicht zu überhören, wenn man dem Träger gegenüber steht.

Der “Hans Guck-in-die-Luft-Effekt: Glass ist zwar “always on”, blendet aber nicht permanent ein Menü ein. Das kann der Nutzer entweder per Touchgeste am Bügel aufrufen oder aber den Kopf um ca. 30 Grad zurückneigen. Gerade dieser zweite Modus sieht mitunter recht affig aus. “Hans Guck-in-die-Luft” kommt einem automatisch in den Sinn. Wer nicht mit dem Märchen aufgewachsen ist, dürfte sich an die Szenen im Kultfilm “Leon, der Profi” erinnert fühlen, in denen Gary Oldman als DEA-Agent Norman Stansfield auf ungewöhnliche Weise Pillen einwirft. Aber was wären die Alternativen? Kopfschütteln? Nicken? Wackeldackel?

Die Akkulaufzeit: Auch wenn wir im Test nicht die Möglichkeit hatten, das Gerät an seine Grenzen zu bringen – lange hält der Akku der Entwicklerversion nicht. Nach durchschnittlich zweieinhalb Stunden muss die Datenbrille wieder an den Strom. Damit ist sie noch weit davon entfernt, zum täglichen Begleiter zu avancieren. Bei Smartphones ist die Industrie bei durchschnittlicher Nutzung bei einer Laufzeit von einem Tag angekommen. Da muss Google auch hin, sonst bleibt die smarte Brille nur ein Gag.

Der Brillenträger-Brillen-Effekt: Für Menschen, die auf Sehhilfen angewiesen sind, ist Google Glass keine echte Freude. Der einfache Grund: Man sieht nicht viel. Das soll sich bis zum Marktstart noch ändern. Sicher ist dies allerdings nicht. Über einer optische Brille lässt sich Glass nicht tragen. Möglicherweise müssten Brillenträger erst einmal auf Kontaktlinsen zurückgreifen, um Google Glass nutzen zu können.

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