Anzeige

Springers B.Z.: Zusammenlegen oder Sterben

Damals, wir schrieben das Jahr 2002, war es eine Sensation für die Branche. Und auch so etwas wie ein Tabubruch. Springer legte die Redaktionen von Welt und Berliner Morgenpost zusammen. "Projekt Alpha" nannte der Medienkonzern diese Fusion. Heute sind Zusammenlegungen eher die Regel: wer was Passendes hat, steckt es unter ein Dach, bzw. in eine Redaktion. Die Trauer um den Verlust der eigenständigen Redaktion der B.Z. ist verständlich, aber letztlich nur eine Übung in Nostalgie.

Anzeige

Was vor mehr als zehn Jahren in den Redaktionen von Welt und Berliner Morgenpost begann, vollzieht sich nun, auf kleinerer Ebene, bei B.Z. und Bild-Berlin. Mit etwas anderen Vorzeichen. Die Fusion von 2002 galt zunächst vor allem dem Erhalt der großen überregionalen Welt, die als einzelnes Blatt hohe Verluste produzierte. Die profitable regionale Morgenpost wirkte stabilisierend. Die Gemeinschaftsredaktion wurde um die Welt am Sonntag erweitert, heute werden aus einer Redaktion alle Produkte der "blauen Gruppe" gestemmt. Zuletzt wurde auch der Mantelteil des Hamburger Abendblatts eingemeindet.
Im aktuellen Fall schlüpft die regionale Boulevardzeitung B.Z., die noch auf eine verkaufte Auflage von knapp 130.000 Exemplaren am Tag kommt, unter das Dach von Bild. Zwar ist die B.Z.-Redaktion größer als die von Bild-Berlin – offizielle Zahlen gibt es nicht, doch ca. 100 B.Z.’lern stehen etwa die Hälfte Bild-Berlin-Leute gegenüber – doch von den Titeln betrachtet ist natürlich die Bild der Gigant, die B.Z. dessen kleiner Bruder. "Weniger als 50 Stellen", heißt es offiziell, sollen nun in dieser Gemeinschaftsredaktion, die bis Ende des Jahres zusammenwachsen soll, abgebaut werden. Das entspräche also einem knappen Drittel.
Das ist nicht gerade wenig – und wird nun die verantwortlichen Chefredakteure herausfordern, die publizistische Eigenständigkeit und das Profil der Blätter, vor allem das Profil der B.Z., zu bewahren. Kritiker der Fusion könnten auch sagen: "verteidigen", doch das sollte zumindest im Idealfall nicht der Sinn der Operation sein, die hier vorgenommen wird. Denn tatsächlich ist es ja nicht im Sinn des Verlags, die B.Z. so zu rasieren, dass sie in drei Jahren eine schlechte Kopie der Bild ist. Einen Marktführer macht man nicht platt, selbst wenn er kontinuierlich an Auflage verliert. Die anderen verlieren ja schließlich auch.
Ist es nun schlimm, dass die B.Z. mindestens ihre wirtschaftliche Eigenständigkeit bei Springer aufgeben muss? Mit großer Wahrscheinlichkeit lautet die Antwort: Nein, ist es nicht. Es werden Arbeitsplätze in der Print-Kernredaktion von B.Z. und Bild-Berlin wegfallen, das ist richtig. Doch hätte Springer die B.Z. am Kurfürstendamm alleine weiterwerkeln lassen, dann wäre sie in nur wenigen Jahren zu einer wandelnden Leiche geworden. Kosten runter, soweit wie möglich. Mit eigenen, bescheidenen technischen Lösungen weiterwurschteln, solange möglich. Das Blatt ist noch profitabel, da ließe sich noch eine ganze Strecke zurücklegen, bis die letzte Ausgabe gedruckt worden wäre. Unter dem Dach von Bild gibt es nun aber ganz neue Möglichkeiten, vor allem was die digitale Weiterentwicklung angeht.     
Zu optimistisch gedacht? Puristen sehen das sicherlich so. Doch Medien-Puristen, die auf der Formel "Eine Redaktion für einen Titel" beharren, entwickeln sich zu den Realitätsverweigerern der Medienbranche. Natürlich wäre es für jeden Journalisten, der sich einem Titel, einer Marke verschrieben hat, absolut wünschenswert, nicht in einer Gemeinschaftsredaktion mit anderen Journalisten zu landen. Doch wenn die Alternative lautet, dass ein Titel zwar seine formale Unabhängigkeit behält, in Wahrheit aber wegen eigener teurer Infrastrukturkosten nicht mehr in seine so unabhängige Redaktion investieren kann, dann steht auch der Journalist am Scheideweg.
Ist es also die Wahl zwischen Pest und Cholera? Vielleicht. Es ist kein Tag des Jubels für die Redaktion der B.Z. Der Umzug und die Fusion der Berlin-Redaktionen werden nicht einfach. Es wird immer die Frage bleiben: Hätte es auch anders gehen können? Doch ein Blick auf die Springer-Strategie des vergangenen Jahrzehnts zeigt, dass der Schritt unausweichlich war. Was bleibt ist, Springer und vor allem seinen Chef Mathias Döpfner an seinen Qualitätsmaßstäben zu messen. Denn dem Journalismus steht ja, wie Döpfner gerne betont, eine Art "goldenes Zeitalter" bevor.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige