(Ex-)Facebook-Freunde in der Midlife-Krise

Über Jahre war Facebook alternativlos das eine große soziale Netzwerk, auf das sich alle einigen konnten - oder mussten. In war, wer drin war. Das ist Geschichte. Facebook im Jahr 2013 weist die Symptome einer mittelmäßigen Ehe in der Mitte des Lebens auf: Es geht nicht mehr so richtig mit, aber auch noch nicht ohne. Eher lustlos posten Facebooker dieser Tage ihre Urlaubsbilder und berichten von Nervereien mit dem ersten Kind. Interessieren tut es immer wenige(r). Entfreunden ist inzwischen auch eine Option geworden.

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Über Jahre war Facebook alternativlos das eine große soziale Netzwerk, auf das sich alle einigen konnten – oder mussten. In war, wer drin war. Das ist Geschichte. Facebook im Jahr 2013 weist die Symptome einer mittelmäßigen Ehe in der Mitte des Lebens auf: Es geht nicht mehr so richtig mit, aber auch noch nicht ohne. Eher lustlos posten Facebooker dieser Tage ihre Urlaubsbilder und berichten von Nervereien mit dem ersten Kind. Interessieren tut es immer weniger. Entfreunden ist inzwischen auch eine Option geworden.

Die Lebensmitte ist schon eine verflixte Epoche: Es wird Bilanz gezogen, alles kommt auf den Prüfstand. Was war gut, was weniger, was kann man noch erwarten, was geht nicht mehr. Facebook wird im nächsten Jahr tatsächlich schon zehn und ist damit im Internet-Zeitalter längst ein Urgestein geworden.

Die Aufbruchsstimmung der ersten fünf Jahre, als Facebook das heißeste Ding auf dem Planeten war, ist längst verflogen. Facebook ist erwachsen geworden und hat sich mit der Börse verheiratet – die Hochzeit ging mit Pauken und Trompeten daneben. Eine Liebesheirat war ohnehin etwas anderes, eine gute Ehe erst recht – aber eine extrem schöne Tochter hat Facebook mit Instagram inzwischen immerhin bekommen. Auch wenn sich die Facebook-Aktie vom heillos überteuerten Börsengang nie erholt hat und auch vielleicht nie mehr erholen wird, gehört Mark Zuckerbergs einstige Studentenfirma längst zum Establishment des Internets.

Schales Dating 2.0 mit Graph Search

Es gab einmal eine Zeit, da war es ein Ritterschlag, auf Facebook miteinander befreundet zu sein. Die Coolen waren da. Warst du mit ihnen befreundet, warst du dabei. Und Flirten war auch eine Option. A bisserl was ging immer. Das war 2008 der Fall.

Ein halbes Jahrzehnt später geht es, dank Graph Search auch wieder mehr, doch wie alle Dinge, die man nach fünf Jahren wieder tut, wirken sie wie ein billiger Abklatsch. Wer will, kann etwa suchen nach: "Single females from Hamburg, Germany who live in Hamburg, Germany and like StrandPauli" – und sich ein Dienstagabend-Date im Beachclub bei Facebook organisieren. Hat den Charme eines Filialleiters, der es aus nostalgischen Gründen in der Midlife-Krise noch mal in der Studenten-Bar versucht.

Facebook 2013: Die neue Indifferenz

Ansonsten macht sich in diesen Tagen immer öfter die große Langeweile im weltgrößten Social Network breit. Facebook hat so oft an seinem Algorithmus und Updates herumgefeilt, dass ich aufgegeben habe, mich zu empören. Mir ist inzwischen relativ egal, wer was von mir auf Facebook sieht – im Zweifelsfall war, ist oder wird eh alles öffentlich. Und wenn mir ein Moment wichtig ist, wird er bei Instagram gepostet und fließt eben bei Facebook ein.

Die neue Indifferenz geht offenbar nicht nur mir so. Alles ist irgendwie bei Facebook weniger geworden, selbst wenn Mark Zuckerberg auf der nächsten Pressekonferenz das Gegenteil behauptet – zumindest weniger in meiner Wahrnehmung. Von den  Neuigkeiten meiner Freunde bekomme ich immer weniger mit – oder Facebook hat mich ausgefiltert oder filtert mich aus. Ein Strandkorb-Bild von der Ostsee am Wochenende taucht in meinem Stream auf, auf dem Smartphone eines Facebook-Freundes zeitgleich aber nicht. Warum sollte ich es dann posten, wenn es nur noch von den Freunden mit der größten Interaktion zeitversetzt gesehen wird?  

Who defriended me ist das neue Are you interested

Entsprechend gehen die Likes zurück, die Kommentare werden weniger. Und auch die Freunde selbst werden rarer. Als mir gestern auffiel, wie meine Freundesanzahl eine gerade Marke unterschritten hat, habe ich Nachforschungen angestellt: Who defriended me heißt die passende Stalker-App, die verloren gegangene Freunde aufspürt – das Are you interested des Jahres 2013. Während man 2008 nicht genug Freunde haben konnte und neue Freundschaften rund und den Erdball schloss, geht der Trend 2013 zum Entfreunden.

Normalerweise verschweigt Facebook einem ja auf sehr amerikanische Weise den Freundesverlust. Verloren gegangen ist diesmal eine Social Media-Bekannte, kennengelernt vor eineinhalb Jahren auf dem Geburtstag einer Freundin. Ich überlege, ob mich das ärgern soll. Bei ehrlicher Betrachtung macht die Entfreundung durchaus Sinn: Ich hatte zu der Facebook-Freundin seitdem nie wirklich Kontakt, abgesehen von der herzlichen Rivalität zum BVB, ihrem Lieblingsverein, das dann aber über Twitter. Dort indes: Kein Entfolgen, auch nicht auf LinkedIn, Xing.

Die Freunde werden nervig

Ich stelle fest: Diese Entfreundung auf Facebook ist keine Ausnahme. Eine frühere Kollegin aus einer Agentur, mit der es mal vor Jahren einen realen Kontakt über ein gemeinsames Projekt gab – zack, auch weg. Ist mir bis dahin nicht aufgefallen, wie vieles andere auf Facebook schleichend auch nicht mehr. Ich frage mich, wie das wohl in der Realität wäre, wenn man sich zufällig über den Weg laufen würde: Würde man dem Ex-Facebook-Freund auf das Entfreunden ansprechen? Oder würde man ihm oder ihr schlicht aus dem Weg gehen? Hätte das Folgen oder wäre es schlicht egal?

Doch es gibt noch mehr Verluste zu beklagen. Ein Ex-Kollege schließt sein Facebook-Profil und erklärt auf Nachfrage, er wolle schlicht mehr Zeit mit seinem neugeborenen Kind verbringen als mit den virtuellen Pseudofreunden. Ein anderer Ex-Kollege postet unterdessen nach der Geburt des royalen Babys um 2 Uhr nachts eine englische Flagge und den Willkommensgruß: "Welcome to the World, little Boy".

Das mag der obligatorische Post zur Nacht sein, gleichzeitig interessiert mich das nicht so sonderlich. Eine andere Facebook-Freundin hat offenkundig Dauer-Oberwasser und postet seit Monaten nur noch, wie toll alles bei ihr laufe: Das Hach-Yeah-Flippstevölligaus-Leben. Und Ihr so? Muss ich das liken oder mitjubeln? Die Interaktion geht seitdem gegen null. Eine andere Facebook-Bekanntschaft zelebriert unterdessen ihr neues Leben als Ober-Piratin im Wahlkampf. Nicht meine Partei, nervt mich auch. Doch genauso wird es wohl auch Facebook-Freunden gehen, wenn sie meine Supersommer-33-Grad-Reise-Pool-Strand-Bilder sehen, die ihnen irgendwann auf die Nerven gehen. Ich beginne zu verstehen…

Facebook-Freundschaften zu beenden, ist auch eine Option

So geht es wohl nach einiger Zeit: Freunde, ob real oder virtuell, fangen irgendwann an zu nerven. Das ist der Lauf der Welt: Man zieht Bilanz, ordnet neu, sortiert aus – und wird selektiver. Und das ist auch die neue Facebook-Realität – eine Realität, wie man sie aus der Mitte des Lebens kennt.

Der Unterschied zu den vorangegangenen Jahren: Die Schwelle zum virtuellen Schlussstrich unter die virtuelle Freundschaft ist gesunken. Was vor zwei, drei Jahren noch ein echter Affront war, ist 2013 das neue normal. Facebook-Freundschaften zu beenden, ist grundsätzlich auch eine Option.

Facebook selbst zu beenden, indes noch nicht. So wie eine schlechte Ehe, die sich in der Midlife-Krise durchlaviert, geht es mit Facebook. Das Beste liegt offenkundig hinter einem, aber zum Eingeständnis, dass es vorbei ist, dass es ein Leben nach Facebook geben könnte, reicht es noch nicht. In der Zwischenzeit beschäftigt man sich eben mehr mit der hoffnungsvollen Tochter, mit Instagram.

Und mit der Frage, ob man die nervigen Facebook-Freunde deswegen nun auch entfreunden sollte. Es erscheint ungewohnt, mindestens aber unhöflich. Oder ist es am Ende einfach falsche Höflichkeit?

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