„NDR-Reaktion war Schuss ins Knie“

Sie gilt als Kritikerin aus den eigenen Reihen: In ihrer Doktorarbeit liefert NDR-Mitarbeiterin Anna Terschüren unter anderem den wissenschaftlichen Beleg für die Verfassungswidrigkeit des Rundfunkbeitrags. Außerdem erklärt sie, weshalb der öffentlich-rechtliche Rundfunk eigentlich keine Werbung bringen dürfe und Sponsoring die Sportvielfalt einschränke. Nun wird Terschüren den NDR verlassen. Im MEEDIA-Interview spricht sie über ihre Beweggründe und über Reaktionen auf Ihre Forschungen.

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Frau Terschüren, wie kommt man auf die Idee, sich in seiner Doktorarbeit mit dem eigenen Arbeitgeber anzulegen?
Ich habe mich ja nicht mit meinem Arbeitgeber angelegt, sondern kritisiere in der Arbeit das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem bzw. genauer seine Finanzierung und nicht den NDR im Speziellen. Das Thema fand ich einfach super spannend und bin völlig unbefangen an diese Arbeit herangegangen. Meinem Doktorvater gefiel es ebenfalls und so dachte ich mir: das mache ich jetzt. Das Thema ließ sich sehr gut angehen. Für eine interdisziplinäre Arbeit bot es sich auch ganz einfach an. Ich habe natürlich recht schnell gemerkt, dass der Rundfunkbeitrag so einige Tücken hat. Aber ich habe den Job und das Wissenschaftliche für mich nicht wirklich miteinander in Verbindung gebracht, beziehungsweise habe ich es einfach getrennt. Ich wusste aber, sollte es kritisch werden, würde ich dafür niemals meine Unabhängigkeit abgeben und immer auf Basis der wissenschaftlichen Ergebnisse weitermachen. Klar, am Ende wurde es deutlicher, dass es vielleicht mit Blick auf den NDR problematisch werden könnte.
Haben der NDR oder ihre direkten Vorgesetzen gewusst, über was Sie da geschrieben haben?
Klar, die waren informiert worüber ich geschrieben habe.
Wurde das Ihnen gegenüber mal angesprochen oder über die Sache diskutiert?
Wir haben inhaltlich schon mal miteinander darüber diskutiert, das war auch ganz spannend. 
Mit wem direkt war das?
Mit den verschiedensten Leuten.

Gab es nach Veröffentlichung der Arbeit mal Gespräche über die Ergebnisse?
Außerhalb meines direkten Umfeldes, nein.
Also auch keine Gespräche mit Intendanten?
Nein, keiner hat mich darauf angesprochen.
Woran könnte das liegen?
Das weiß ich nicht. Ich habe das immer wieder angeboten. 
Sie sind also sogar auf die Intendanten zugegangen?
Indirekt, ja. Wenn ich davon gehört habe, dass und wie jemand auf die Arbeit reagiert hat, habe ich meine Gesprächsbereitschaft – zumindest den Leuten gegenüber, über die ich so etwas mitbekommen habe – immer signalisiert. Aber es ist niemand auf mich zugegangen.
Haben Sie auch über die Reaktionen in der Intendanz etwas mitbekommen?
Der "Buschfunk" berichtete natürlich über die Reaktion von einigen. Also auch von Intendanten und Direktoren – aber das sind halt Gerüchte, bei denen man nicht weiß, wieviel dran ist.
Man hört heraus, dass sie sich ein Gespräch durchaus gewünscht hätten…
… wirklich eher erwartet. Klar hätte ich es spannend gefunden, mich mal mit ihnen über die Ergebnisse zu unterhalten. Vor allem war ich aber verwundert darüber, dass man es so totschweigt.
Die einzige offizielle Reaktion des NDR auf Ihre Arbeit war, dass es keine "neuen Erkenntnisse" gebe. Ist das nicht eigentlich schon ein Schuldeingeständnis?
Also das war ein Schuss ins eigene Knie, kann man natürlich nicht anders sagen. Nach dem Motto: "Der Rundfunkbeitrag ist eine verfassungswidrige Steuer, das ist ja nichts Neues" – also das ist natürlich schräg, wenn man es einfach so zugibt. Dieser Kommentar aber kam, als die Dissertation noch gar nicht veröffentlicht war. Die lag bislang nur meinen Gutachtern vor und niemand anderem. Auch nicht dem Spiegel, der ja zuerst berichtete, und auch nicht meinem Arbeitgeber. Also kannte niemand außerhalb der Uni und meiner Korrekturleser meine Dissertation. Und auf Basis der wenigen Sätze Berichterstattung des Spiegels so eine Meldung herauszugeben, ist natürlich ungeschickt.
Es wird vermutlich auch ihr Ziel gewesen sein, eine Diskussion mit ihrer Arbeit zu entfachen?
Die Diskussion findet ja durchaus statt. Es ist sicher auch wichtig, dass sie öffentlich geführt wird, weil meine Ergebnisse sicherlich relevant sind. Veränderungen führt man in solchen Bereichen allerdings von außen herbei – also durch die Rechtsprechung, auf Ebene der Politik bzw. durch den gesellschaftlichen Diskurs. Denn klar ist, es wird sich ja niemand freiwillig beschränken.
Und von innen heraus funktioniert das nicht?
Von dort aus kritisieren kann man natürlich, aber ich habe nicht den Eindruck, dass man an einer Veränderung mitwirken kann.
Um das System zu verändern bleibt also nur noch der rechtliche Weg?
Meinen Einblicken zufolge würde ich sagen: ja. Es geht im Falle des Rundfunkbeitrages sicherlich nur über die Rechtsprechung. Denn man wird seine eigene Finanzierungsquelle, die ja sehr angenehm ist, nicht in Frage stellen. Weshalb sollte man das auch tun? Was die Inhalte und Ähnliches betrifft, kann sicher auch ein gesellschaftlicher Druck Reformen auslösen.
Jetzt haben Sie zum 1. Oktober dieses Jahres Ihre Kündigung eingereicht. War das vor Fertigstellung ihrer Arbeit schon klar?
Den konkreten Entschluss habe ich irgendwann im Juni gefasst.
Also nach der Veröffentlichung der Ergebnisse?
Genau.
Das ist ein verdächtiger Zeitpunkt. Was sind die Gründe?
Also eines möchte ich klarstellen: Es hat mir niemand beim NDR nahe gelegt, dass es besser sei, zu gehen. Hätte sich, denke ich, auch niemand getraut. Ich selber habe feststellen müssen, dass es für mich dort einfach keine Perspektive gibt.

Sie waren quasi in einer Controlling-Tätigkeit. Inwiefern hatten Sie keine Perspektiven?
Nach den bisherigen Reaktionen, oder Nicht-Reaktionen, kann ich mir nicht vorstellen, dass ich im NDR große Chancen gehabt hätte, mich weiterzuentwickeln. Außerdem hätte ich natürlich zukünftig – wenn weiterhin dort – gerne an Strukturreformen oder Ähnlichem gearbeitet. Ich befürchte aber, das wäre nicht im beiderseitigen Interesse gewesen.
Wo können Sie sich denn weiterentwickeln?
Ich hätte Lust, nun endlich zu 100 Prozent in die Wissenschaft zu gehen.
Gibt es schon konkrete Pläne?
Es laufen Gespräche und es sieht ganz so aus, als hätte sich eine ideale Option ergeben.
Wohin es geht, wollen Sie aber nicht sagen?
Noch ist nichts in trockenen Tüchern, daher halte ich mich erst einmal zurück.

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