Schulhof Twitter: digitale Phrasendrescher

Twitterer sind mitteilsame Menschen, die zu allem und jedem immer etwas zu sagen haben. Wenn sie nicht gerade dem Fanboytum huldigen und ihr großes Idol mit 10.000 Followern retweeten, verfallen sie gerne ins große Phrasendreschen. Warum? Aus Gründen. Weil sie's können. Hach! So wie früher Jugendsprache durch ihren Code die Gruppen-Zugehörigkeit definierte, so ist das heute in der Social Media-Szene mit der Twittersprache. Ein Überblick über die größten Nervereien in 140 Zeichen.

Anzeige

Twitterer sind mitteilsame Menschen, die zu allem und jedem immer etwas zu sagen haben. Wenn sie nicht gerade dem Fanboytum huldigen und ihr großes Idol mit 10.000 Followern retweeten, verfallen sie gerne ins große Phrasendreschen. Warum? Aus Gründen. Weil’s sie können. Hach! So wie früher Jugendsprache durch ihren Code die Gruppen-Zugehörigkeit definierte, so ist das heute in der Social Media-Szene mit der Twittersprache. Ein Überblick über die größten Nervereien in 140 Zeichen. 

Man stelle sich den Twitterer als mitteilsamen Menschen vor. Zu sagen hat er eigentlich immer was, ob passend oder nicht, gefragt oder nicht: Erst twittern, dann denken – so klingt das oft. Man kennt das von früher, aus der Schule: "Ich, ich, ich", fiepste es da in der ersten Reihe, die Ärmchen kerzengerade emporgereckt. Hauptsache der Klasse klarmachen, dass man Bescheid weiß.     

Seitdem das Smartphone im Alltag Einzug gehalten hat, haben die notorisch Mitteilsamen einen neuen Kanal gefunden. Auf dem 140-Zeichen-Dienst Twitter kann der Welt ungehemmt und ungezügelt mitgeteilt werden, was so abgeht. Der frühere Klassenstreber schlüpft in die Rolle des Nachrichtensprechers: "Ich, ich, ich weiß es zuerst!" Beispielsweise der Flugzeugabsturz in San Francisco wurde bis zum Geht-Nicht-Mehr retweetet.

Immer, wenn sich eine Tragödie ereignet, fühlen sich unzählige Twitterer bemüßigt, der Welt mitzuteilen, dass sie a.) unglaublich gut informiert sind und b.) gerade pflichtbewusst trauern – der #rip-Reflex macht im Hashtag-Zeitalter als Automatismus die Runde. 

Retweet-Wunsch-Verdacht: Gagschreiber-Casting für Harald-Schmidt auf Twitter

Auch gern genommen: Memes fast zwanghaft wiederkäuen, als wäre Twitter ein Gagschreiber-Casting für die Harald-Schmidt-Show. Immer öfter wird in der großen Sehnsucht nach öffentlicher Anerkennung getwittert – es besteht notorischer Retweet-Wunsch-Verdacht. Das Leben in der #filterbubble hat vielen Twitterern längst Pawlowsche Reflexe antrainiert – über das #neuland wird so kollektiv gegrölt und zum #aufschrei gruppendynamsich angesetzt.

Und sonst so? Es werden Phrasen gedroschen, dass sich die 140 Zeichen biegen. Warum das so ist? Wieder weist die gute, alte Schulzeit den Weg: Wie auf dem Schulhof bilden sich auch bei Twitter Gruppen heraus.

Auch auf 140 Zeichen gilt es, den coolen Typen zu folgen, die Trends setzen. Sascha Lobo, Mario Sixtus, Johnny Haeusler oder Thomas Knüwer sind die deutschen Twitter-Popstars. Typische Helden der Plattform sind beispielsweise der @vergraemer ("Eigentlich wäre ich schon eine Hilfe, aber ich helfe antizyklisch"), das @haekelschwein („Ich bin nach dem Kochen immer schon froh, wenn alle tragenden Wände noch stehen“) oder @schlenzalot („Eine Stadt, die niemals schläft, hat sicher tierische Augenringe“).
 
Das Verfolger-Problem: Ein harter Kampf um jeden Follower

Das Problem: Was den Top-Twitterern gelingt, scheitert bei 10.000 Verfolgern, die so gerne wie ihre Idole klingen würden, oft genug furios. Doch man will schließlich irgendwie dazugehören. Also wird retweetet, was die Timeline an Alpha-Twitterern hergibt – vielleicht fällt ja am Ende auch ein bisschen Glanz auf einen selbst, zumindest aber ein neuer Follower ab. Denn es ist ein harter Kampf um jeden Follower.

Nachdem er seine Twitter-Vorbilder über Jahre genau studiert hat, beginnt der Durchschnittstwitter-Nutzer ein bisschen zu klingen wie seine Idole. Die tollen Twitter-Phrasen werden schließlich zu Bekenntnissen der Zugehörigkeit zu einer Peer-Group – so wie das auch über Modelabels früher wie heute funktioniert, etwa Lacoste- und Ralph Lauren-Polohemdchen und Diesel- oder Stüssy-Jeans. Das klingt dann so:

Und alle so: Yeah!
Ihr versteht mich.
Kann man machen.
In diesem Internet.
Ich will das nicht.
Was fehlt.
Was ich gut kann.
Onlyin(Stadtnameeinsetzen).com
Hach.
Und ihr so?

Social Media: Eine Branche im großen Phrasen-Kanon #ausgruenden

Und wenn dann wieder etwas passiert in der Weltgeschichte, gegen das die Großen Stellung bezogen haben, folgt der Gruppen-Reflex: „Nicht meine Regierung“, lautet die politische Lieblingsfloskel pseudoaktiver Twitterer, die Position beziehen – in Zeiten der Merkelschen Dauerregierung geht das eigentlich immer. Und auch Obama ist nicht immer mehr "Mein Präsident", siehe NSA und Prism. Dabei war der Mann doch mal so saucool wie Jay-Z. 
 
Allerdings: Wer seinen Twitter-Stream einmal näher verfolgt, wird schnell feststellen, dass sich selbst die großen Meinungsmacher, Social Media-Stars und PR-Berater immer wieder im selben Phrasen-Kreis drehen. So wie früher Jugendsprache durch ihren Code die Gruppen-Zugehörigkeit definierte, so ist das heute auch in der Social Media-Szene mit der Twittersprache.

In diesem Sinne:

Aus Gründen!
Weil sie’s können!
Flippste völlig aus!

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige