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Reporter-Netzwerk Jol: die verpasste Chance

Branchenübergreifende Business-Netzwerke wie Xing oder LinkedIn sind mittlerweile Alltag im Internet. Seit einiger Zeit befinden sich auch brancheninterne Netzwerke auf dem Vormarsch. Erst kürzlich investierte Microsoft-Gründer Bill Gates in das Wissenschaftler-Netzwerk Researchgate.com. Vergangenen Monat ging ein solches Netzwerk auch für Journalisten online. Jol Social will Reporter weltweit miteinander verknüpfen. Doch es hapert zum Start an der Technik.

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Seit dem Launch am 19. Juni haben sich – nach eigenen Angaben – bisher über 1.000 Journalisten aus 65 Ländern bei Jol Social eingeschrieben, an dem Project-Director Jerome Perlman und seine Entwickler rund ein Jahr gearbeitet haben.
Besonders dem Design der Seite hätte noch ein bisschen mehr Zeit allerdings nicht geschadet: Die Startseite des Netzwerkes wirkt nicht einladend. Farbgebung und Kacheldesign versprühen 90er-Jahre-Flair. Trotz der Weitläufigkeit der Startseite ist der Begrüßungstext in einen kleinen Kasten gequetscht. Wer den Text lesen will, muss sogar scrollen.

Zum zweifelhaften ersten Eindruck trägt auch ein Trailer-Video bei. Der Zweieinhalb-Minüter soll verdeutlichen, wie sehr Journalisten vom Netzwerken miteinander profitieren können. Das Problem: Die Visualisierung ist erschütternd unmodern. Die Zeiten, in Journalisten mit drei Zentimeter dicken Klapp-Handys telefonieren (kein Smartphone!) oder Newsrooms mit Röhrenfernsehern ausgestattet waren, sind allemal vorbei. Spätestens bei der Visualisierung der Aufgabe "das Unentdeckte entdecken" – ein Alien, das den rechten Arm in die Luft streckt – beginnt man zu überlegen, ob man sich das mit der Registrierung nicht doch nochmal überlegen sollte …
Auch im Innern wirkt Jol Social nicht ausgereift. Der Aufbau gleicht zwar anderen Netzwerken wie Xing oder auch Facebook. Doch die Usability deutlich schlechter als bei den großen Vorbildern. Am oberen Rand der Seite befindet sich die Navigation mit Verlinkung auf Home-Seite, Gruppen, Kontakte, Nachrichten und Anwendungen. Daneben die wohl wichtigste Funktion in einem Netzwerk: die Suche. Doch hier werden vermutlich die meisten Nutzer scheitern. Möglich ist nur die Suche nach Namen und somit gezielt nach Personen – was die eigentliche Funktion von Jol Social, nämlich neue Kontakte aufzubauen, erschwert bis unmöglich macht. Wer nach einer bestimmten Art von Kontakten sucht, beispielsweise Politik- oder Lokaljournalisten aus einer bestimmten Region, kommt hier nicht weiter.

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Laut Perelman soll Jol Social mehr werden als ein weiteres Netzwerk, über das man sich verbinden kann. "Jol Social ist auch ein Tool, um sich selbst zu promoten", so Gründer Perelman. "Ein Netzwerk, in dem alle Mitglieder die gleichen Sitten teilen." Andere Netzwerke wie LinkedIn mögen vielleicht ermöglichen, "Visitenkarten" auszutauschen oder Informationen zu teilen. Aber es sei zu beachten, dass es immer mehr freie Journalisten gebe, erklärt Perelman. "Und für sie ist es notwendig, sich in einem Kollektiv zusammenzufinden, um Informationen und Erfahrungen auszutauschen, aber weiterhin unabhängig zu bleiben." Um sich von bestehenden Business-Netzwerken abzugrenzen, sollen Tools sorgen. So sollen sich Journalisten in einem virtuellen Raum treffen können, um gemeinschaftlich an Texten zu arbeiten und ihre eigenen Projekte in einem "content market place" zum Verkauf anbieten. Zusätzlich plane Jol Social Kooperationen mit "ausgewählten Partnern", die Mitgliedern Vorteile bieten sollen. Klingt alles ziemlich nach Wolkenkuckucksheim.
Anders als die meisten Social Media-Plattformen muss man für Jol Social auch noch in die Tasche greifen – und zwar ganz schön tief. Zehn Euro pro Monat soll eine Mitgliedschaft kosten, die nur über ein Jahr hinweg abgeschlossen werden kann. Wer sich aber bis Dezember anmeldet, bekommt ein halbes Jahr auf’s Haus.
Angeblich gibt es Jol Social in zehn verschiedenen Sprachen. Aktuell lässt sich allerdings nur zwischen Französisch und Englisch wählen. Ein Netzwerk, das darauf ausgelegt ist, sich gezielt international zu vernetzen, hat gewiss seine Reize und könnte besonders für Auslandsreporter von Nutzen sein. Zumindest in der derzeitigen Aufmachung ist JolSocial aber eine verpasste Chance.

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