Anzeige

„Die können mich ruhig teeren und federn“

Am vergangenen Dienstag verschickte der Bayerische Journalistenverband BJV eine Pressemitteilung, in der eine "Zerschlagung" des Nordbayerischen Kuriers angeprangert wird. Für den Verlag zähle nicht Vielfalt, "sondern alleine Rendite und Profit". Im Gespräch mit MEEDIA äußert sich Geschäftsführer Michael Rümmele zu den Vorwürfen. An der BJV-Mitteilung sei "nichts richtig". Das Beispiel illustriert das Tauziehen um den Status Quo von Redakteuren zwischen Gewerkschaften und Verlagen.

Anzeige

Michael Rümmele nimmt kein Blatt vor den Mund. "Die können mich ruhig öffentlich teeren und federn", sagt er über die Kritiker seiner Strategie für den Nordbayerischen Kurier. Denn er ist überzeugt, dass diese richtig ist – und dass jetzt die Weichen für die Zukunft der Zeitungsverlage gestellt werden. In den nächsten Jahren werde einiges zu lesen sein über Zeitungen, die schließen oder verkauft werden müssen. Der Nordbayerische Kurier mit Sitz in Bayreuth, Auflage etwa 35.000 Exemplare, soll nicht zu denen gehören.
Geplant, aber noch nicht endgültig beschlossen, sei eine Ausgliederung von Gesellschaften sowie deren Überführung in rechtlich eigenständige Firmen unter dem Dach der Nordbayerische Kurier GmbH. Die Redakteure des Verlags, die bisher in vier verschiedenen Unternehmen tätig waren – Zeitungsredakteure, Mantelredakteure, Anzeigenblatt-Redakteure und Online-Redakteure – würden dann künftig in einer einzigen Gesellschaft beschäftigt. Den Flächentarifvertrag sieht Rümmele nicht mehr als Option. Dieser spiegele nicht mehr die Realitäten des Marktes und der demographischen Entwicklung der Region. Dem Betriebsrat habe Rümmele frühzeitig signalisiert, er wolle bei der Umsetzung der Struktur eng mit dessen Vertretern zusammenarbeiten.
Jutta Müller, die Geschäftsführerin des BJV, sagt gegenüber MEEDIA, die Gewerkschaften seien nicht informiert gewesen, der Verlag habe einseitig Fakten geschaffen. Ziel sei "ausschließlich, Kosten und Personal einzusparen", heißt es in einer Pressemitteilung. Dem entgegen steht die Aussage Rümmeles, in den vergangenen drei Jahren sei das Personal in der Redaktion sogar aufgestockt worden. Man habe "in Menschen investiert". Diese Aussage Rümmeles bestätigt Chefredakteur Joachim Braun gegenüber MEEDIA. Der Verlag richte sich laut Rümmele derzeit auf die Arbeit für digitale Kanäle aus – da müsse man die Mitarbeiter mitnehmen und auch junge Mitarbeiter für sich gewinnen. Rümmele: "Die brauchen wir. Die Tageszeitung als Arbeitgeber ist doch schon unsexy genug."
Auslöser für den Unmut bei Gewerkschaft und Betriebsrat ist vermutlich, dass Michael Rümmele in Abstimmung mit dem Betriebsrat in einen Haustarifvertrag wechseln möchte. Vor diesem Schritt scheuen die Arbeitnehmervertreter vermutlich auch zurück, weil sie damit einen Teil ihrer Klientel verärgern würden. In den Haustarifvertrag würde nämlich vermutlich eine leistungsbezogene Komponente einfließen. Solche Anreizsysteme sind nichts für jedermann oder –frau. Ein Dilemma für die Gewerkschaft: Sie beschützt nach Tarif bezahlte Redakteure, stellt sich mit ihrem möglichen Nein zum Haustarifvertrag aber auch gegen eine bessere Bezahlung von nicht-tarifgebundenen Mitarbeitern, beispielsweise Online-Redakteuren.

Jutta Müller sagt, der Fall des Flächentarifvertrags setze eine "Spirale nach unten" in Gang und sei der falsche Weg. Wenn überhaupt, müsse der Kurier den Flächentarifvertrag in einem neuen Haustarifvertrag anerkennen. Die geplante "Aufsplitterung" sei ein in negativer Hinsicht "bewährtes Verfahren", aus dem Tarif zu flüchten. Niemand hindere einen Verlag zudem daran, bisher nicht tarifgebundene Mitarbeiter besser zu bezahlen. Eine Zusammenlegung von Redakteuren in einer Gesellschaft sei per se weder schlecht noch gut. Aber in solchen Konstrukten sei es natürlich auch möglich, Personal abzubauen. 
Der Verlag arbeitet laut Rümmele profitabel. 2011 erzielten die Bayreuther laut Bundesanzeiger einen Gewinn von 2,2 Millionen Euro bei einem Umsatz von gut 25 Millionen Euro. Der Veränderungsprozess beim Kurier und bei anderen Verlagen müsse beginnen, sagt Rümmele. Bereits jetzt "zwicke" es im Werbemarkt. Zudem täten sich Löcher in der Leserschaft auf, vor allem bei den 14- bis 29-Jährigen. Rümmele: "Da können Sie sich ausrechnen, wo wir 2030 stehen." Die Ausgangslage müsse man den Mitarbeitern frühzeitig mitteilen.
"Ich werde nach heutigem Stand in fünf Jahren und sechs Monaten meinen letzten Arbeitstag haben", sagt Rümmele. "Ich könnte also jetzt die Füße hochlegen. Aber das will ich nicht. Denn ich weiß, was da kommt." Michael Rümmele spricht mit offenem Visier – und sagt unbequeme Wahrheiten, die so mancher Kollege in der Branche möglicherweise nur ungern hört oder zur Kenntnis nimmt. Schon gar nicht Gewerkschaftsvertreter, die zu beschäftigt sind mit der Verteidigung eines Status Quo, der für junge Journalisten ohnehin nur noch eine Fiktion ist.
Freilich ist nicht jede Umstrukturierung in einem Verlagshaus eine mutige und wegweisende Strategie. In einem Haus aber, in dem von einem Chefredakteur wie Joachim Braun, der als Verfechter eines lokalen Qualitätskurses einen so mutigen wie unbequemen Kurs fährt, kein böses Wort über die Pläne der Geschäftsführung zu hören ist – dort sollten die Vertreter von Betriebsrat und BJV vielleicht erst einmal zuhören, bevor sie mit brachial klingenden Pressemitteilungen Kollegen und Branche aufbringen. Für den 10. Juli ist nun ein Termin für ein klärendes Gespräch angesetzt.       

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige