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NSA-Affäre: das Schweigen der Talker

Whistleblower Edward Snowden ist auf den Titelseiten der aktuellen Ausgaben von Zeit und Spiegel. Die Tagespresse und Online-Medien quellen über vor Berichten zur Überwachungsaffäre des US-Geheimdienstes NSA. Maybrit Illner machte die Affäre zum Thema, der ARD-”Presseclub” und sogar “1 gegen 1” bei Sat.1. Nur auf einer Medienbaustelle herrscht Ruhe zum Thema der Stunde: bei den ARD-Talkshows. Günther Jauch, Frank Plasberg und Co. reden lieber über Schlaglöcher und Rente.

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Die Themenwahl des ARD-Vorzeige-Talkers Günther Jauch vom gestrigen Sonntag sorgte bereits im Vorfeld für reichlich Unmutsbezeugungen in den üblichen Kanälen im Internet. Statt über die NSA-Überwachungsaffäre (oder sonst ein aktuelles politisches Thema), debattierte Jauch u.a. mit Verkehrsminister Ramsauer (CSU), ADAC-Präsident Peter Meyer und Sportmoderator Werner Hansch über kaputte Straße: “Die Schlagloch-Republik”. Offenbar hatte Jemand in der Redaktion “Sommerloch” befohlen – egal wie die nachrichtliche Großwetterlage in der Realität aussieht.

Auch Frank Plasberg lässt das Thema der Stunde in seiner heutigen “Hart aber fair”-Ausgabe lieber mal liegen und widmet sich dem Klassiker “Rente erst mit 70 – wer will denn sowas?” Antwort: Niemand. Aber gut, dass man mal wieder drüber redet. Als Gast ist u.a. der omnipräsente Günter Wallraff geladen. Wahrscheinlich kommt diese “Hart aber fair”-Sendung aus Köln, da hat es der Wallraff nicht weit zum Studio und die Redaktion hat nicht so viel zu tun.

Auch die vergangen Ausgaben der beiden Talkshows ignorierten das Thema Prism und NSA-Abhörskandal weiträumig. Vergangene Woche talkte Jauch – bereits erkennbar im Sommerloch-Modus – über das “Billiglohnland Deutschland”. Plasberg talkte u.a. mit SZ-Doc Werner Bartens (noch so ein Lieblingsgast) über “Pillen, Vorsorge, Gentest – Ist Gesundheit programmierbar?” Gesundheit vielleicht nicht, zeitlosen Themen mit erwartbaren Immer-mal-wieder-da-Gästen schon.

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Und die Talk-Damen? Lebensgefühl-Besprecherin Sandra Maischberger ist seit 21. Mai nicht mehr auf Sendung, die nächste Ausgabe “Menschen bei Maischberger” ist erst für 30. Juli angekündigt. Das Thema Prism ging an ihr also gnädig vorbei. Wobei man fairerweise festhalten muss, dass sich “Menschen bei Maischberger” traditionell eher allgemeinen Gesellschaftsthemen widmet. Nicht so “Anne Will”. Sie macht um harten Polit-Stoff keinen Bogen und scheut sich mit ihrer Redaktion auch nicht, am späten Mittwochabend immer wieder auch sperrige Themen zu beackern: Zum Beispiel die Drohnen-Affäre des Verteidigungsministers oder vergangene Woche die Proteste in der Türkei. Um den Datenskandal machte zwar auch die “Anne Will”-Redaktion einen Bogen, immerhin wurden in der Sendung andere relevante Themen besprochen.

Gerade bei “Günther Jauch” und “Hart aber fair” lässt sich eine zunehmende Boulevardisierung der Themenwahl beobachten. Die jüngsten Themen bei “Günther Jauch”: “Lohnsklaven und Menschenschinder – verkommen wir zum Billiglohnland?”, “Auslaufmodell Hausfrau – wie funktioniert Familie heute?”, “Billigkleidung aus Bangladesch – sind wir schuld am Tod der Näherinnen?”, “Patientenfalle Krankenhaus – unnötige OPs für satte Gewinne?”, “Notendruck, Sitzenbleiben – weg mit der alten Schule?”. Die jüngsten Themen bei “Hart aber fair”: “Pillen, Vorsorge, Gentest – ist Gesundheit programmierbar?”, ”Mutig oder dreist – wen treffen die Steuerpläne der Parteien?”, “Die Flut in Deutschland – Nur Laune oder Rache der Natur?”, “Festgeldkonto schlägt Echte Liebe – was lehrt uns der Bayernsieg?”

“Günther Jauch” sollte einmal der Vorzeige-Polit-Talk der ARD am Sonntagabend werden. “Hart aber fair” war einmal die spannendste politische Talkshow im deutschen Fernsehen. Beide Sendungen leiden inhaltlich massiv darunter, dass sie zeitlich direkt aufeinander folgen. Bei “Günther Jauch” kommen handwerkliche Mängel hinzu. Vielleicht wird das besser, wenn in der kommenden Saison die Zahl der ARD-Talks auf vier reduziert wird. Vielleicht.

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