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Die Image-Frage bei Focus Online

Diese Woche hat ein Blogger aufgedeckt, dass bei Focus Online ein Gastautor mehrfach verdeckte PR in eigener Sache betrieben hat. Für ein Medium, das den Anspruch hat, Premium-Journalismus zu betreiben, eigentlich ein Image-GAU. Die Macher bei Focus Online sehen den Fall jedoch eher entspannt. Die entsprechenden Stellen wurden um Hinweise ergänzt, der PR-Berater darf weiter schreiben. Auch bei Facebook zieht Focus Online immer wieder Nutzer-Kritik auf sich. Hauptsache die Reichweite steigt.

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Tahssin Asfour ist Gründer und Betreiber einer PR-Agentur. Seit einiger Zeit schreibt er für Focus Online unentgeltlich Gast-Beiträge. In einigen Texten hat er Kunden seiner eigenen Agentur lobend erwähnt, ohne dabei freilich offenzulegen, dass da ein Interessenkonflikt besteht. Der Blogger Johannes Haupt hat die Sache schließlich in seinem Blog publik gemacht.

Für einen PR-Berater wie Asfour ist das wahrscheinlich normales Geschäft, nix dabei. Er bekommt eh kein Geld für seine Texte, da wird er ja wohl ein bisschen Werbung für seine Kunden machen dürfen. Für ein Medium wie Focus Online sollten andere Maßstäbe gelten. Die gelten auch, versichert Focus-Online-Chefredakteur Daniel Steil im Gespräch mit MEEDIA: "Uns ist ein Fehler unterlaufen. Das tut uns leid. Wir haben im Text sofort explizit kenntlich gemacht, dass der Gastautor für die von ihm erwähnte Firma arbeitet. Aber bereits vorher stand wie unter jedem unserer Gasttexte, wer der Autor ist und was er beruflich macht."

In der Tat stand unter dem Text, dass Asfour PR-Berater ist. Dass er in dem redaktionellen Beitrag seine eigenen Kunden belobhudelt, erfuhr man erst im Nachhinein. Steil schwört auf das so genannte Konzept der “Kontributoren”, vulgo: Gratis-Gastautoren. "Wir sind ein redaktionelles Qualitätsportal, das auf die journalistische Stärke von 60 festangestellten Mitarbeitern setzt und keine PR veröffentlicht. Gleichzeitig haben wir ein Gastautoren-Modell etabliert. Es ermöglicht uns, Texte von ausgewiesenen Experten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Sport und Kultur zu veröffentlichen. Eine große Bereicherung für unsere User."

In der Tat schreiben neben PR-Mann Asfour auch Leute wie der Historiker Michael Wolffsohn für Focus Online Gastbeiträge oder der Anwalt Michael Schweizer. Letzterer ist übrigens der Sohn von Burdas Hausjuristen und ehemaligen Rechts-Vorstand Robert Schweizer. PR-Mann Asfour ist mit bereits acht Texten aber einer der besonders fleißigen “Kontributoren” bei Focus Online. Dass man jemanden, der die Regeln der Trennung zwischen Werbung und Redaktion so deutlich verletzt, eventuell nicht weiterschreiben lassen sollte, ist für die Focus-Online-Macher keine Option. Das Versäumnis, den Interessenkonflikt deutlich zu machen, sei nur ein kleiner Fehler gewesen, heißt es.

Das Image von Focus Online könnte auch noch wegen anderer Aktionen leiden. So fällt das Online-Medium bei Facebook dadurch auf, das viele trashig gedrehte Geschichten in großer Zahl und Wiederholung veröffentlicht werden. Tomorrow Focus Media Geschäftsführer Oliver Eckert dazu: "Focus Online ist das am stärksten wachsende News-Portal in Deutschland. Wir wachsen, indem wir stetig nach Neuem streben und ganz nah an unseren Usern sind. Social Media ist ein wichtiger Bestandteil dieser Wachstumsstrategie. Mehrere hunderttausend Fans auf unseren Facebook-Kanälen sind für uns ein starkes Indiz der User-Zufriedenheit. Unser Anteil der Reichweite, die wir über Social Media generieren, ist in den vergangenen Monaten sprunghaft angestiegen. Wir gehen davon aus, dass wir im Bereich der News-Portale die prozentual höchste Social-Media-Reichweite haben."

Einen möglichen Erklärungsansatz für den Reichweiten-Erfolg von Focus Online im Social Web liefert das Beispiel der älteren Story “Hacker enthüllen: Emma Watson lässt sich für „Shades of Grey“-Verfilmung auspeitschen”. Als Focus Online den Anreißer bei Facebook veröffentlichte, verlinkte das Nachrichten-Medium auf eine elf Tage alte Story, die längst überholt war (Schauspielerin Watson hatte ihr Interesse an der Rolle zwischenzeitlich medienwirksam dementiert). Kein Einzelfall. Unter Stories wie “Liebe extrem: Die seltsamen Sex-Tricks der Tiere” sammeln sich regelmäßig wütende Kommentare von Nutzern. MEEDIA hat das Phänomen hier schon einmal in einem Artikel zusammengefasst. Wirklich alles Premium bei Focus Online?

Und noch mehr zum Thema Image: Neulich ließ die Focus Online Redaktion eine Mitarbeiterin den Stefan Raab Duschkopf im Video testen, was im Web für zahlreiche amüsierte Kommentare sorgte. Und dann war da noch die alte Geschichte, als Focus Online aus eine Spiegel-Titelgeschichte gleich mehrfach abgeschrieben hat. Wenn ein Klick-Erfolg winkt, ist man bei Focus Online wenig zimperlich. Hauptsache, die Reichweite steigt.

Die Tomorrow Focus AG wird demnächst die deutsche Ausgabe der Huffington Post starten, die mit Focus Online kooperieren soll. Die HuffPo ist auch bekannt für ihre  stark auf Reichweite hin optimierte Strategie. Dies Einstellung kann man haben, diese Strategie kann man verfolgen. Ob sich dies dann am Ende noch mit einem vollmundigen “Premium”-Anspruch in Einklang bringen lässt, das ist eine andere Frage. 

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