Traffic-Geheimnisse von Welt, SZ, FAZ & HB

Es sind die vier populärsten Online-Ableger deutscher Tageszeitungen: Die Welt, Süddeutsche.de, FAZ.net und Handelsblatt.com. Welt und Süddeutsche gehören mit Bild, Spiegel und Focus zudem zur Top 5 der Branche. Doch mit welchen Inhalten punktet das Quartett? Sind es ähnlich seriöse wie auf Papier? Oder holen die Zeitungen im Netz ihren Traffic mit Buntem? Und wie gelangen die Besucher auf die Websites? Via Google? Oder direkt als treuer Leser? MEEDIA hat dies und mehr untersucht.

Anzeige

Für unsere Analyse haben wir wie schon im erstenzweiten und dritten Teil der Serie die Daten von IVW und AGOF, vor allem aber auch die des Anbieters SimilarWeb herangezogen, da SimilarWeb eine hohe Detailtiefe bietet – und noch dazu eine gute Datenqualität. So lassen sich in der – kostenpflichtigen – Pro-Version des Tools z.B. auch die populärsten Artikel bzw. Seiten eines Angebots anschauen. Selbst bei einer vergleichsweise kleinen Website wie MEEDIA stimmen die Daten über die erfolgreichsten Artikel ziemlich genau mit der gemessenen Realität überein, sodass wir die Hochrechnungen von SimilarWeb erwähnen, ohne natürlich Gewähr für die tatsächliche Korrektheit bis ins kleinste Detail zu übernehmen.

Die Welt:

Das Springer-Angebot kam im Mai laut IVW auf 48,1 Mio. Visits – im aktuellen IVW-Nachrichten-Ranking belegt es Platz 4 hinter Bild.de, Spiegel Online und Focus Online. Bei der AGOF erreicht es derzeit 8,49 Mio. Unique User – auch das reicht für den vierten Platz. Allerdings lässt Die Welt bei IVW und AGOF diverse fremde Websites mitrechnen, so zählen Teile von immonet.de ebenso zum Angebot Die Welt wie die Musik-Angebote metal-hammer.de, rollingstone.de und musikexpress.de. Immerhin 85,7% der aktuellen Seitenabrufe kommen laut IVW aber von der Kern-Website welt.de.

Zöge man diese fremden Seiten ab, bliebe der Welt aber wohl dennoch der vierte Platz, denn auch im Ranking nach SimilarWeb-Daten belegt es hinter Bild, Spiegel und Focus diesen Platz. Ein deutlich überdurchschnittlicher Anteil des Welt-Traffics stammt dabei aus Suchmaschinen. Die Website, die zu den SEO-Königen der Branche gehört, erreichte in den Monaten März bis Mai 44% seiner Besucher via Google & Co. Nur 40,5% kamen direkt über Bookmarks oder Eingabe in die Browserzeile zur Welt, 12% über Links auf anderen Sites und 3% über die sozialen Netzwerke. Unter den Referrern führt deutlich Bild.de, dass umgerechnet für ca. 3% des Welt-Traffics verantwortlich sein dürfte, dahinter folgen die Website des Kopp Verlags, die Wikipedia und das islamfeindliche Blog "Politically Incorrect"

Bei den Inhalten ist Die Welt derzeit – sicher auch wegen des Google-Traffics – besonders erfolgreich mit dem Ressort Panorama. 2,22 Mio. Unique User errechnete die AGOF hier für den April. Dahinter folgen die Ressorts Geld (2,07 Mio.), Politik (1,77 Mio.) und Wirtschaft (1,75 Mio.). SimilarWeb sieht hingegen die Politik vorn, dahinter folgen Vermischtes (Panorama), Sport und Wirtschaft. Das muss sich nicht widersprechen, denn SimilarWeb weist den Anteil am Traffic aus. Besuchen weniger Leute also mehr Politik-Seiten zählt das hier mehr, als wenn viele Leute weniger Panorama-Seiten besuchen. Zudem gelten die SimilarWeb-Daten für drei Monate und nicht für einen.

Schaut man auf die erfolgreichsten Einzelseiten, so führt hier bei der Welt abgesehen von der Homepage und den Ressort-Aufmacherseiten das Sudoku-Spiel – eine Gemeinsamkeit zur Zeit. Ebenfalls stark: das Online-Spiel Farmerama und der IQ-Test. Bei den Einzelartikeln erreichte laut SimilarWeb in den vergangenen drei Monaten ein Text zum Aus des Filmportals movie2k den größten Traffic – auch das dürfte mit vielen Google-Suchen zu tun haben. Dahinter folgt ein Artikel zur "Generation Maybe", der in den sozialen Netzwerken extrem populär war, sowie Beiträge zum Büstenhalter und ein Buch über Sex in den arabischen Ländern. Auffällig ist, dass die Top-Geschichten der Welt oft nichts mit aktuellen Ereignissen zu tun haben, sondern eigene Themen vorn liegen. Der Themenmix ist dabei sehr uneinheitlich.

Süddeutsche.de

Auch die Süddeutsche lässt bei IVW und AGOF einige andere Websites mitzählen, darunter auch den Blog-Aggregator rivva, der allerdings nur für 0,1% der Süddeutsche-PIs verantwortlich ist, sowie die Münchner Abendzeitung, die 12,5% der Abrufe erreicht. Die Süddeutsche-Website selbst kommt auf 86% der Seitenabrufe des IVW-Angebots Süddeutsche.de. Insgesamt erreichte das Angebot im Mai 44,1 Mio. Visits und laut AGOF im April 7,03 Mio. Unique User – jeweils Platz 5 im Nachrichten-Ranking.

Süddeutsche.de gehört mit einem Anteil von 35% zwar nicht zu den SEO-Schwergewichten, es gibt aber auch zahlreiche News-Websites mit geringerem Suchmaschinen-Traffic-Anteil. Dennoch: Der größte Teil der Leser gehört zum Stammpublikum, das die Website direkt besucht. Fast 50% der Nutzer gelangen so auf Süddeutsche.de. 12% gelangen durch Links auf fremden Websites zur SZ – besonders viele über AOL.de, die Immobiliensuche nestoria und die Wikipedia.

Bei den Ressorts ist – nicht zuletzt wegen der Erfolge des FC Bayern – der Sport die Nummer 1 – bei AGOF und SimilarWeb gleichermaßen. Dahinter folgen bei der AGOF Politik, Wirtschaft und Regionales. Bei den Einzelseiten fällt zudem auf, dass Süddeutsche.de offenbar einen großen Traffic-Anteil durch zwei Tools erreicht: den "IQ Tester" und den "Führerschein-Prüfung Onlinetest". Die beiden Startseiten der Tests finden sich direkt hinter der Homepage auf den Plätzen 2 und 3 der erfolgreichsten Einzelseiten. Auch mit dem Mahjong-Spiel erzielt man laut SimilarWeb Erfolge.

Bei den erfolgreichsten Artikeln dominiert das Münchner Aufreger-Thema Nummer 1: die Steueraffäre um Uli Hoeneß. Drei der fünf SZ-Artikel mit dem größten Traffic hatten demnach mit diesem Thema zu tun, am erfolgreichsten war dabei "Vorbild a.D.". Außerdem noch in der Top 5 der vergangenen drei Monate: der Live-Ticker zum Champions-League-Spiel FC Bayern vs. FC Barcelona, sowie ein Artikel über einen Streit zwischen den rechten Bands Stahlgewitter und Frei.Wild.

Frankfurter Allgemeine:

Die FAZ lässt bei IVW und AGOF nichts wirklich Fremdes mitzählen, die Abrufe, die nicht von FAZ.net stammen, kommen hier höchstens von direkten Ablegern wie FAZjob.net oder FAZschule.net. Insgesamt erreichten die Frankfurter im Mai laut IVW 28,3 Mio. Visits, im April laut AGOF 3,78 Mio. Unique User. Bei der IVW liegt man damit auf Rang 8 der Nachrichten-Websites, bei der AGOF auf Platz 9 und die SimilarWeb-Daten führen zu Platz 11, da hier im Gegensatz zu IVW und AGOF auch tagesschau.de und Google News ausgewiesen werden.

Die FAZ kommt beim Suchmaschinen-Traffic nur auf einen Anteil von 30%, belegt  damit einen hinteren Rang im Nachrichten-Geschäft. Zu viel Wert auf SEO legt man in Frankfurt also offenbar nicht. Auf der anderen Seite verfügt man allerdings auch über einen recht hohen Anteil an Stammbesuchern – der direkte Traffic macht mehr als 56% aus. Von den rund 10%, die man von anderen Websites bekommt, stammt der größte Teil von der Wikipedia, dahinter sind auch hier das Blog "Politicaly Incorrect" und AOL.de weit oben.

Die erfolgreichsten FAZ-Ressorts sind derzeit laut AGOF die Finanzen (1,31 Mio. Unique User), sowie dahinter gleichauf Politik und Feuilleton mit 1,12 Mio. und die Wirtschaft mit 1,08 Mio. Vor allem die Stärke des Feuilletons ist im Vergleich zur Konkurrenz auffällig. Bei den stärksten Einzelseiten gibt es keine so große Spiele- und Test-Hits wie bei Welt und SZ. Zwar finden sich auch hier "crack it" oder "Mah-Jongg" weit vorn, allerdings erst hinter einer Reihe von Ressort-Aufmacherseiten und mit deutlich geringeren Traffic-Anteilen als z.B. der Führerschein-Test bei der Süddeutschen. Recht erfolgreich ist man zudem mit dem Börsenspiel und den "Bildern des Tages".

Erfolgreichster FAZ-Artikel der vergangenen drei Monate war laut SimilarWeb die kritische Auseinandersetzung mit "Germany’s next Topmodel", dahinter folgen eine EZB-Umfrage zur Vermögensverteilung im Euroraum, ein älterer Artikel über Lebensversicherungen, der offenbar via Google noch Traffic generiert, und ein Text zur neuen Partei AfD. Hier ist also ein klarer Wirtschafts-Schwerpunkt zu erkennen. Platz 5 geht dann aber auch bei der FAZ an ein Trash-Thema: an einen Bericht über das umstrittene Katja-Riemann-Interview im NDR.

Handelsblatt:

Einen noch größeren Wirtschafts-Schwerpunkt dürfte das Handelsblatt bei seinen Top-Themen erreichen. Zwar spielen auch hier die Ressorts Politik, Sport und Panorama eine Rolle, doch die Kernkompetenz der Zeitung liegt nunmal bei Wirtschaft und Finanzen. So weit die Theorie, die es nun zu überprüfen gilt. Zunächst die Eckdaten: Mit 16,9 Mio. Visits im Mai und 2,91 Mio. Unique Usern im April belegt das Handelsblatt in den Nachrichten-Rankings die Plätze 10 und 12, bei SimilarWeb kommt man auf Rang 13. 93% des IVW-Traffics entfällt dabei auf die Kern-Seite Handelsblatt.com, der Rest dürfte aus direkten Ablegern und Newslettern stammen. Relevante fremde Websites werden zumindest nicht mitgezählt.

Beim Thema SEO ist das Handelsblatt ähnlich aufgestellt wie die FAZ: Nur 29% des Traffics stammt von Google & Co, mehr als 55% der Nutzer besuchen die Website hingegen direkt, weitere 14% über Links auf anderen Seiten wie der des Kopp Verlags, onvista.de und hartgeld.com. In den sozialen Netzwerken kann das Handelsblatt mit einem Traffic-Anteil von 1,5% nicht sonderlich punkten, allerdings haben es hier Wirtschaftsthemen ohnehin schwer.

Der Blick auf die AGOF-Belegungseinheiten bestätigt die Vermutung, dass Wirtschafts- und Finanzthemen den großen Teil des Traffics ausmachen: Das Unternehmens-Ressort ist hier mit 1,12 Mio. Unique Usern die Nummer 1, dahinter folgen Finanzen (920.000), Politik (810.000) und Sport (400.000). Die erfolgreichsten Einzelseiten des Handelsblatts sind laut SimilarWeb die Aktienkurs-Übersicht, der "Handelsblatt-Ticker" und das Bundesliga-Tippspiel.

Viel Traffic macht das Handelsblatt auch mit Fotogalerien – etwa mit der zu "grandiosen Fehlprognosen", den "teuersten Chefs der Welt" und Promis in den Offshore-Leaks. Die erfolgreichsten Einzelartikel auf Handelsblatt.com waren in den vergangenen drei Monaten laut SimilarWeb ein Interview mit Dirk Müller, die Beichte eines ehemaligen Top-Finanzvermittlers und ein älteres Servicestück zum Thema Hauskauf.

Und was lernen wir nun aus all den Daten? Allzu viel Trash findet bei den großen Tageszeitungs-Websites nicht statt, dafür macht man viel Traffic mit IQ-Tests, Sudoku-Spielen oder Führerschein-Prüfungen. Aber auch auf Papier gehören ja die Sudokus und Kreuworträtsel zu den beliebtesten Inhalten der Blätter. Neben dem Journalismus natürlich.

MEEDIA gehört zur Verlagsgruppe Handelsblatt.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige