Sat.1 will Kampf mit RTL wieder aufnehmen

"Wir steigen in einen Wettbewerb mit RTL ein, den die so in dieser Form nicht gewohnt sind", sagt Nicolas Paalzow zur Zukunft von Sat.1. Eine lange Zeit sei "nichts Neues" passiert, gestand der seit knapp einem Jahr amtierende Senderchef bei der Jahres-Programmpräsentation der ProSiebenSat.1-Gruppe ein. Auf ein Jahr des Umbaus folge nun das Ziel, "Deutschlands schönstes Unterhaltungsfernsehen" zu machen. Ob das mit Cindy aus Marzahn und Oliver Pocher als "Big Brother"-Moderatoren gelingt, ist äußerst fraglich.

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Am Ende, als die Sender der ProSiebenSat.1-Gruppe ihre Programmhighlights für die neue Saison vorgestellt hatten, gab’s den neuen, von Stefan Raab ertüftelten Duschkopf als Präsent für die Gäste. Ein wenig wäre zu wünschen, die Programmchefs entwickelten einen solchen Erfindungsreichtum wie der größte Star der Sendergruppe, wenn es um die Entwicklung von neuen Formaten geht. Sitcoms, Kochen, Tanzen, Singen, Wildnis und Wohnen – das ist grob vereinfacht das Free-TV-Universum anno 2013.
Schon im vergangenen Jahr präsentierten bei der Leistungsschau von ProSieben, Sat.1 und Kabel Eins, sowie der künftig drei Spartensender, die jeweiligen Geschäftsführer die Markenwelten und die Highlights der kommenden Saison. Kein prominenter Moderator heizte die Stimmung an. Das sorgte für ein Weniger an guten Gags, aber auch für einen Hauch mehr Nüchternheit. Die einzige Show-Einlage war der Auftritt der Gewinnerin von "The Voice Kids" am Ende der Präsentation.
Das bedeutet natürlich nicht, dass die Senderchefs nun offen und ehrlich über die Probleme ihrer Programme sprachen. Da lief vieles "famos", "toll", "super", war "kreativ" und "spannend". Vor allem: alle Chefs "freuten sich total" über ihre neuen Schätzchen im Senderstall. Am ehrlichsten und optimistischsten zugleich war Sat.1-Chef Paalzow. Die Marktanteile seien noch nicht da, "wo wir sein wollen", zu lange habe es keine neuen Impulse gegeben. Als Paalzow den Sender übernahm, war eine klare Positionierung nicht mehr zu erkennen. Zum Zeitpunkt seines Antritts im Oktober 2012 lag der Marktanteil (Zielgruppe 14-49 Jahre) bei 9,9 Prozent, vor einem Jahr im Mai 2012 waren es noch 11 Prozent, im darauf folgenden Monat folgte ein Absturz auf 8,5 Prozent. Im vergangenen Mai waren es nun 9,2 Prozent. Zum Vergleich: Im Mai lag RTL bei einem Marktanteil von 13,9 Prozent.
Wohin soll es nun gehen? "Wir haben ein paar Stars gehen lassen. Nun wollen wir mehr Künstler zu Sat.1 holen", sagte Paalzow. Und meinte damit an diesem Abend im Hamburger "Cruise Center Altona" besonders Ilka Bessin, besser bekannt unter dem Namen Cindy aus Marzahn, die zuletzt nicht mehr bei "Wetten, dass…?" mitmachen durfte oder wollte. Gemeinsam mit Oliver Pocher, der die von den Quoten bisher durchwachsene Freitagabendshow "Alle auf den Kleinen" moderiert, soll Cindy nun unter anderem das "Promi Big Brother" präsentieren.
Im Jahr 2000 sagte Paalzow, damals Chef von ProSieben, gegenüber Spiegel Online, "Big Brother" genüge nicht dem "Premiumqualität"-Anspruch des Senders. Entsprechend sagt Paalzow heute, die Promi-Ausgabe der Reality-Show müsse "ganz anders als bei RTLII" aussehen. Mit anderen Worten: Weniger Trash. Dafür, so Paalzow, die "große fette Unterhaltungsshow". Für die es gleich in der ersten Saison den Grimme-Preis geben müsse. Ein Scherz war das offenbar nur halb. "Promi Big Brother" läuft im Herbst zwei Wochen lang täglich.
Was gibt es sonst Neues in der Sendergruppe, die deren Chef Jürgen Hörner als beste Unterhaltungssender der Republik positionieren will?
Sat.1:
Nicolas Paalzow will mehr eigenproduzierte Fiction machen und zur "ersten Adresse" werden. Zwei neue Serien werden derzeit produziert, davon eine mit Diana Amft als "Josy – Allein unter Bullen". Auch TV-Events im Stil von "Der Minister" sollen weiter produziert werden: "Wir trauen uns auch an schwierige Stoffe". Im Herbst ist die Kochshow "The Taste" zu sehen, eine Art kulinarisches "Voice of Germany". In der Jury sitzen u.a. Tim Mälzer und Frank Rosin.

ProSieben:
Senderchef Wolfgang Link stellte kurz das neue Projekt von Michael Bully Herbig vor – eine Sitcom nach US-Vorbild mit Live-Publikum. Die Rückkehr von Herbig beweise, dass ProSieben die "Heimat der Stars" sei. Sendergesicht Nummer Eins, Stefan Raab, wird sich u.a. der Bundestagswahl widmen. Erste Ausschnitte waren von "Fashion Hero" zu sehen, der neuen Castingshow mit Claudia Schiffer, die Link als "Lichtgestalt" sieht. Modedesigner werden in der Sendung um die Gunst einer Jury kämpfen, aber auch den Einkäufern von Karstadt und Co. ihre Kreationen zu verkaufen versuchen. Zu sehen ist auch die Stephen King-Serie "Under the Dome". Ebenfalls neu: "Reality Queens auf Safari". Der Marktanteil von ProSieben lag im Mai bei 11,6 Prozent.

Kabel Eins:
"So sieht’s aus" lautet der neue Claim des Senders, den Katja Hofem seit 177 Tagen führt. "Es funktioniert alles", jubelte Hofem ein wenig übertrieben. Neu im Programm kommen etwa "Mein Lokal, Dein Lokal" und "Mein Zuhause, Dein Zuhause". Beide Sendungen sind Variationen auf das "Promi-Dinner" von Vox – fünf Kandidaten wetteifern eine Woche um den Titel des besten Restaurant oder des schönsten Hauses. Für "Endstation Wildnis" werden "renitente Teenager" (Pressetext) in ein Dorf nach Brasilien geschickt, um dort ehrenamtlich zu arbeiten. Beim "Junior-Chef" übernehmen Kinder den Betrieb ihrer Eltern. In "Die Wildnis und ich" schlägt sich ein Abenteurer durch Afrika. Kabel Eins lag im Mai bei einem Marktanteil von 5,6 Prozent.

Sixx, Sat.1 Gold:
Beide Sender sind auf Frauen als Zielgruppe zugeschnitten. Sixx hat die neue Sendergruppen-Kernzielgruppe von 14 bis 39 bereits verinnerlicht. Der Marktanteil von derzeit 1,9 Prozent soll noch gesteigert werden, u.a. mit der Wiederholung von "Ally McBeal" und neuen Vampir-Serien. Sat.1-Gold, zugeschnitten auf ältere Frauen zwischen 49 und 64, will den Anteil an Eigenproduktionen erhöhen und mit Schlager-Content punkten.

ProSieben Maxx:
"Deutschland ist im internationalen Vergleich ein unterentwickelter TV-Markt", sagt Jürgen Hörner, der Chef von ProSiebenSat.1 TV Deutschland. Unterentwickelt, das heißt: Alle Anbieter wollen neue Nischensender platzieren, die sich an immer spitzere Zielgruppen richten. Die "eine" Zielgruppe gibt’s nicht mehr, die Fragmentierung hat längst eingesetzt. Maxx startet nun im Herbst und ist für Männer zwischen 30 und 59 konzipiert. U.a. zu sehen sind US-Serien wie "Episodes" (neu) und "Stargate" (alt). Die technische Reichweite soll zum Start bei 60 Prozent liegen.

Thomas Ebeling, der Vorstandsvorsitzende der ProSiebenSat.1 Media AG, war am Mittwochabend in Hamburg nicht dabei. Ebeling lädt am Donnerstag zu einem "Symposium für Wählermobilisierung" nach Berlin ein. Man muss ja schließlich auch etwas fürs Image tun. Das von Ebeling vor einiger Zeit ausgegebene Ziel, auf 30 Prozent Marktanteil zu kommen, ist zumindest mit den drei Kernsendern wohl nicht mehr möglich. Die richtig großen Stars waren in Hamburg nicht dabei, die Stimmung war eher verhalten, wenn auch nicht schlecht. Ebelings Senderchefs sind, wie es Nicolas Paalzow etwas reserviert formulierte, "guten Mutes". Immerhin. 

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