Snowden: vom Informanten zur Witzfigur

Seit Tagen spielt der Prism-Whistleblower Edward Snowden mit der US-Regierung Verstecken. Unterstützung bekommt er von Wikileaks-Gründer Julian Assange und Russlands Präsident Wladimir Putin. Die Medien scheinen längst den Überblick verloren zu haben. Während vermeintliche News ungefiltert weitergegeben werden, macht sich das Web zunehmend über die Sache lustig - der eigentliche Skandal um die Daten-Abfischaktion Prism des US-Geheimdienstes NSA verblasst.

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Haben Sie Edward Snowden in den vergangenen Tagen gesehen? Nein? Wir meinen diesen Whistleblower, der gegenüber dem Guardian und der Washington Post auspackte und sich seitdem in Hong-Kong aufhielt, nach Ecuador fliehen will, aber vorher einen Zwischenstopp in Kuba macht. Oder war es Russland? Fakt ist: Es war lange wenig bekannt über den wahren Aufenthaltsort des Mannes, der pikante Details über ein umfangreiches Datenüberwachungsprogramm der US-Behörden an die Presse weitergab. Erst am Dienstag bestätigte Russlands Präsident Putin, dass sich der Ex-Geheimdienstler im Transitbereich des Moskauer Flughafens aufhalte. Bilder, die das belegen, gibt es nicht. Dennoch verbreiten Medien beinahe stündlich neue Details zur Sache, von denen sich viele im Nachhinein als falsch erwiesen.

Vom Mythos zum Meme
So war Snowden nicht, wie von etlichen Newsportalen berichtet, schon auf dem Weg nach Kuba oder Ecuador. Das hielt aber einige Medien nicht davon ab, Vertreter in ein Flugzeug zu setzen, das von Moskau nach Havannah abheben und den Journalisten die Möglichkeit geben sollte, Snowden während seiner Flucht zu interviewen. Wie sich herausstellte, war der Whistleblower nicht an Bord, als die Maschine mit den Journalisten abhob. Keine weiteren Bilder, keine weiteren Statements von einer der meistgesuchten Personen? Und dennoch jede Menge Berichterstattung, die über den Verbleib von Snowden spekuliert? Das ist der Stoff, aus dem sich Mythen bilden.
Und so scheint vor allem im Web aus dem Mann Snowden eine Art Witzfigur zu werden, über die man sich auch köstlich amüsiert. Die Empörung darüber, dass US-Behörden die weltweite Internetkommunikation überwachen, ist einem Plauderstündchen gewichen. Viele Akteure verbreiten Halbwissen, das auf Hörensagen beruht, wiederum andere kommentieren dies. Teilweise recht zotig.

"Wo ist er? Wen kümmert’s?"
Das ist keine ungewöhnliche Reaktion auf mediale Großereignisse. Ob bei 9/11, der Suche nach Osama bin Laden oder der Jagd auf Wikileaks-Gründer Julian Assange: Fehlen in der öffentlichen Diskussion wichtige Fakten zum Sachverhalt, reagieren Menschen auf diesen Zustand meist mit Mythenbildung. Immerhin entbehrt es in der Causa Snowden nicht einer gewissen Ironie, dass die US-Regierung trotz der ihr laut Prism zur Verfügung stehenden technischen Ressourcen nicht in der Lage war, den Geheimnisverräter dingfest zu machen.

So ruft man im Web schon zu Rätselspielen auf. André Vatter fragt zu einem Suchbild: “Wo steckt Snowden? Trotz weltweitem Zugriff auf Surfhistorien, Chats, Mail-Konten und Telefonaten gelingt es dem US-amerikanischen FBI nicht, den fiesen Plauder-Möpp aufzuspüren. Könnt ihr den Agenten helfen?” Andere Nutzer sehen US-Präsident Barack Obama und Snowden in einer modernen Version der Gaunerkomödie “Catch me if you can”. Das Musikmagazin Intro will ihn passenderweise schon im Video des Neunziger-Jahre-Hits “Informer” von Snow ausgemacht haben. Die YouTube-Rap News lassen ein recht amateurhaft kostümiertes Snowden-Double zu denselben Klängen rappen.

Die Washington Post geht sogar soweit zu fragen, ob Snowden überhaupt existiert. Schließlich sei die Story von dem Hacker mit der Model-Freundin, die über Pole-Dancing bloggen würde, doch reichlich unrealistisch. Vielmehr sei die Aktion ein Ablenkungsmanöver der NSA. So würde die Menschen nur noch über Edward Snowden reden, nicht aber den eigentlichen Skandal: die großangelegte Überwachgung von Internetnutzern weltweit. Buchautor und Web-Experte Jeff Jarvis greift dieses Argument auf und fragt: “Wo ist er? Wen kümmert’s? Uns sollte das nicht kümmern. Oder zumindest sollten wir uns darüber nicht die meisten Gedanken machen.” Vielmehr solle man eine Debatte über Privatsphäre und Sicherheit führen.
Tatsächlich finden sich bei Google News rund 26 Millionen Einträge zum Überwachungsprogramm Prism. Zu Edward Snowden allerdings 965 Millionen. Kein Wunder, bietet die Story doch alles, was es braucht: bekannte Protagonisten wie Assange, Ecuadors Präsident Rafael Correa, Russlands Präsident Putin. Außerdem den typischen David-gegen-Goliath-Konflikt am Beispiel des einsamen Hackers, der gegen Big Brother rebelliert – abgerundet von einer gehörigen Portion Ungewissheit über das Schicksal des Informanten, die noch Grundlage für viele weitere Schlagzeilen und Spekulationen sein dürfte.

News-Portale und Nachrichtensendungen werden von der Jagd nach Snowden noch lange zehren. Die Person hinter dem Whistelblower tritt dabei zunehmend in den Hintergrund. Was bleibt, ist eine medial inszenierte Schnitzeljagd. Der eigentliche Skandal, Prism, gerät dabei immer mehr in Vergessenheit.

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