Anzeige

Circa: „CNN für das mobile Zeitalter“

Die News-App Circa will das Lesen von Nachrichten über Smartphones einfacher machen. Artikel sind keine unveränderlichen Blöcke mehr, sondern in einzelne Fakten, Zitate und Daten zerlegte Info-Happen. Das US-Startup wurde bisher mit rund 1,6 Millionen Dollar finanziert, u.a. von Tumblr-Gründer David Karp. Kritiker sagen, Circa nehme die Informationen von anderen Medien und bereite sie nur anders auf. "Wir wollen das CNN des mobilen Zeitalters werden", sagt dagegen Circa-Gründungschef David Cohn im Gespräch mit MEEDIA.

Anzeige
Anzeige

Circa ist seit Herbst vergangenen Jahres als App verfügbar. Für das Startup arbeiten rund 13 redaktionelle Mitarbeiter, sagt Cohn, die teilweise auch in anderen Ländern als den USA arbeiten. Die App selber ist blitzsauber programmiert. Zum Einstieg gibt es bisher sechs Ressorts: Top Stories, USA, Politik, Welt, Technologie, Wissenschaft und Gesundheit.
Die Top-Story am Dienstag vormittag ist beispielsweise Edward Snowden. Der "Artikel" besteht aus mittlerweile elf Smartphone-Screens. Jeder Screen fasst eine Information zusammen; der muss auch nicht seitenfüllend sein oder kann beispielsweise ein Zitat enthalten. Jeder dieser Info-Happen hat einen Zeitstempel. So fängt die Snowden-Story mit einem am 22. Juni eingefügten Information an und wird um später zugefügte Info-Teile ergänzt. "Wir schreiben keine Artikel", sagt Cohn, "wir gestalten Storylines". Die Art und Weise, wie Circa Nachrichten aufbereite, verändere ein Paradigma. Circa sei halb Medien-, halb Technologieunternehmen.

Circa-Story über Edward Snowden

Circa schiebt sich zwischen klassische Medienangebote und News-Verbreitungsplattformen wie Twitter. Klassische Artikel sind die Circa-Storylines nicht mehr. Sie können sich je nach Veränderung der Nachrichtenlage erweitern oder anders zusammensetzen. Aber die sind auch mehr als die 140-Zeichen-Mitteilung. Cohn wehrt sich gegen die Klassifizierung von Circa als Aggregator. Kritiker der App sagen genau das: Die Redakteure des Startup bedienten sich bei den Beiträgen anderer, klassischer News-Dienste, und fassten die dort recherchierten Infos schlicht zusammen.
Cohn dagegen fühlt sich wohler mit dem Begriff des Kuratierens. "Dazu braucht es viel menschliche Intelligenz." Zudem überprüfe die Redaktion alle Fakten der Quellen, die man für eine Circa-Story verwende. Doch wenn der Circa-Ansatz das mobile Lesen von Nachrichten revolutionieren soll – können ihn dann nicht prinzipiell alle Medienredaktionen einfach kopieren und selber ein kuratiertes Angebot auf die Beine stellen? Da kann man viele Dinge falsch machen", sagt Cohn. "Es würde viele schlechte Kopien von Circa geben." Außerdem sei das Startup auf diesen Ansatz eingeschworen. Das wäre bei Imitaten von klassischen Medienunternehmen nicht so. Die hätten ja ihre klassischen Formate, die es zu verteidigen gälte.

Anzeige

"Fakten kann man nicht besitzen"
Und was ist mit dem Vorwurf, Circa "stehle" sich einfach alle Informationen zusammen? "Diese Kritik hat mit der Vorstellung zu tun, in unsere Stories werde keine Arbeit gesteckt", sagt Cohn. "Aber Fakten kann man nicht besitzen." Die Information beispielsweise, der syrische Staat besitze chemische Waffen, sei zuerst von der New York Times veröffentlicht worden. Doch nur zehn Minuten nach Veröffentlichung habe das Weiße Haus eben diese Information mitgeteilt. Für alle anderen Redaktionen, auch die von Circa, sei diese Information damit zum Allgemeingut geworden. Wahre originäre Nachrichten gäbe es dagegen nur selten – beispielsweise die Snowden-Recherche des Guardian.     
Es ist zu diesem frühen Zeitpunkt noch zu früh, ein abschließendes Urteil über Circa zu fällen. Conent-Klauer mit smarter App – oder News-Revolutionäre? Was das Angebot sicherlich schafft, ist das Denken über die Verarbeitung und Präsentation von Nachrichten in Medienunternehmen zu beschleunigen. Denn im rasant drehenden Newsfluss ist ein Dienst, der übersichtlich, schnell und verständlich die wichtigsten Fakten zu einem Thema darstellt, dazu Links und Zitate bietet, eine sehr hilfreiche Angelegenheit. Der Preis, den eher klassisch denkende Medienmacher zu zahlen haben, ist die Atomisierung von mitunter komplexen Sachverhalten – und das Ende eines fixen Anfangs und Endes. Doch nicht Circa hat diese Veränderung herausbeschworen, sondern das Web selber. Was früher nur Nachrichtenagenturen gemacht haben – erst die Breaking Story ganz kurz bringen, dann die Geschichte ergänzen, ein Update herausgeben und schließlich eine Zusammenfassung – müssen heute alle nachrichtengetriebenen Medien mehr oder weniger leisten.
"Wir haben nicht die Bedenken, die andere Medien bewegen"
40 bis 60 Themen werden täglich neu erstellt, sagt Cohn, dazu 60 bis 90 alte Geschichten auf einen neuen Stand gebracht. Der Output ist durchaus beachtlich, nun sollen weitere Ressorts zu den bestehenden sechs Kategorien dazukommen. Fremdsprachige Versionen seien zunächst nicht geplant. Worüber die Circa-Macher aber definitiv nachdächten, sei die Einführung von Werbeformaten. Geld von den Nutzern werde man auf absehbare Zeit aber nicht nehmen, höchstens für einzelne, spezielle Kategorien: "Wir wollen es vermeiden, die Menschen um Geld zu bitten." Für ein Angebot, das sich ohnehin mit dem Vorwurf konfrontiert sieht, Inhalte nicht selber zu generieren, ist das vermutlich eine weise Entscheidung. Andererseits: Bezahlt wird heute auch im Journalismus nicht mehr nur zwingend für Inhalte, sondern auch für einen smarten Service, für die Convenience.
Mit alternativen Journalismusformaten kennt sich Cohn aus, u.a. hat er Spot.us gegründet. Das Nonprofit-Startup fördert "community-funded reporting", also die Recherche und Veröffentlichung von Beiträgen, die mit den Spenden von Bürgern finanziert werden. Bei Jay Rosens Newsassignment.net hat Cohn als Redakteur gearbeitet, für Jeff Jarvis hat er Veranstaltungen zur Weiterentwicklung von kollaborativen Journalismusprojekten organisiert. "Wir sind keine Genies", sagt Cohn über Circa. "Aber wir haben nicht die Bedenken und Sorgen, die andere Medienunternehmen bewegen."

Das Gespräch mit David Cohn haben wir auf dem GEN News Summit in Paris geführt.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*