Cindy a. Marzahn, das dicke Missverständnis

Die Komikerin Ilka Bessin alias Cindy aus Marzahn wird nicht mehr bei der nächsten “Wetten dass..?”-Staffel dabei sein. Nach Medien-Spekulationen, hat die “Plattenbau-Prinzessin” dies auf ihrer Website verkündet. Die Begründung - “keine Zeit” - klingt schwer nach Ausrede. Vielleicht haben ZDF und Cindy gemerkt, dass sie nicht zueinander passen. Die Besetzung der Komikerin als Assistentin von Markus Lanz war ein Missverständnis. Genauso wie die Annahme, Cindy aus Marzahn sei komisch.

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Auf dem Papier liest sich die Cindy-Story wie ein modernes Medien-Märchen. Laut Wikipedia ist sie die Tochter eines Lastwagenfahrers und einer Näherin. Sie absolvierte eine Lehre im VEB Wälzlagerwerk Luckenwalde zur Köchin und Hotelfachfrau. Nach der deutschen Wiedervereinigung bewarb sie sich 2004 beim Quatsch Comedy Club in Berlin – als Kellnerin. Statt des Verantwortlichen für den Service hatte sie aus Versehen Einen am Telefon, der für das Buchen der Showacts zuständig war. Spontan wurde sie eingeladen, bei einem Talent-Wettbewerb des Quatsch-Comedy-Clubs mitzumachen. Eine Karriere nahm ihren Lauf.

Spätestens seit die New York Times Cindy aus Marzahn einen langen Artikel in der Samstagsausgabe widmete (“An Accidental Comedian of the People”, etwa: “Eine zufällige Komikerin des Volkes”) gilt Cindy aus Marzahn nicht nur als erfolgreich, sondern als hip. Warum ist das so? Ihr erstes großes Bühnenprogramm “Schizophren – Ich wollte ’ne Prinzessin sein” spielte sie noch vor Plattenbau-Kulisse. Leit-Thema waren die Ansichten und Probleme der so genannten Unterschicht, der die Kunstfigur Cindy aus Marzahn – übergewichtig und geschmacklos gekleidet – Gesicht und Stimme gab. Das Thema traf einen Nerv, auch wenn die Umsetzung auf der Bühne eher derb als komisch war (Zitat: “Wenn wir bei Aldi einkaufen waren, hat er mir immer hinterhergebrüllt: Ey, die fette Pissnelke. Beweg deinen Arsch.”).

Beim zweiten Bühnenprogramm erkennt man bereits die Transformation von der Trash-Prinzessin zum Medien-Maskottchen. Bei “Nicht jeder Prinz kommt uff’m Pferd” waren die Plattenbauten in der Kulisse einem Barbie-Schloss gewichen. Eine Orgie in rosa. Cindy selbst trug nicht länger zu enge Hosen und Shirts, sondern den samtigen rosa Jogging-Anzug, der mittlerweile ihre Uniform ist. Nicht mehr so provokativ abstoßend – mehr kuschelig. Das alte Outfit war authentisch – der rosa Jogginganzug ist das nicht mehr. Die derbe, dicke Cindy wurde im Eiltempo nach oben durchgereicht. In den Mainstream.

Plötzlich hat sie eine eigene TV-Show, füllt die Hallen, hält eine Laudatio beim Bambi. Unterschicht – det war einmal. Und schließlich: Assistentin von Markus Lanz bei “Wetten dass..?”. Hier wurde Cindy aus Marzahn offenbar gebucht, um den optisch größtmöglichen Kontrast zur früheren Gottschalk-Assistentin Michelle Hunziker zu bieten. Beim ZDF fanden sie das wahrscheinlich komisch genug. Dabei wird neben ihrer Leibesfülle und ihrem absurden Jogging-Anzug übersehen, dass Cindy aus Marzahn einfach nicht komisch ist. Auf der Bühne benutzt sie abgegriffene Witzchen unter der Gürtellinie, um Lacher zu erzeugen (“Neulich hat eener Sex mit mir jemacht und hat jemeent: Is jenau so. als wenne die Bockwurst durche Turnhalle schmeisst.”)

Cindy aus Marzahn kann sagen, was sie will – Leute lachen. Guck mal die Dicke mit den komischen Haaren im Jogging-Anzug. Haha. Ob Ilka Bessin – wenn sie ihre Cindy-Haare abgenommen und ihre Cindy-Rüstung abgelegt hat – sich nicht auch manchmal wundert, warum die Leute da lachen? Einiges deutet darauf hin, dass Ilka Bessin diese Mechanik bewusst bedient. Zum Beispiel wenn sie zu Ihrem Wechsel von RTL zu Sat.1 via Pressemitteilung verlauten lässt: "Die Kohlrouladen in der Sat.1-Kantine haben mich überzeugt." Oder wenn sie jetzt zu ihrem Abgang bei “Wetten dass..?” auf ihrer Website schreibt: “Ich werde Herrn Lanz und das Team sehr vermissen und auch die 4 bis 8 Schüsseln Bulettensalat, die immer in meiner Garderobe standen.” Die Dicke hat “Kohlrouladen” und “Bulettensalat” gesagt. Publikum lacht. Haha. So einfach. So billig.

Dass Ilka Bessin diese Knöpfe drückt und die Maschine bedient, so lange sie läuft, kann man ihr nicht vorwerfen. Aber diese Cindy aus Marzahn, die sie erfunden hat, die ist keine lustige Dicke. Das ist eine tragische Figur. Insofern ist es richtig, dass Cindy aus Marzahn bei “Wetten dass..?” aufhört, bevor das Publikum das merkt.

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