Gruner + Jahr – das Haus ohne Idee

Als Gruner + Jahr im März die miese Bilanz fürs vergangene Jahr 2012 vorlegte, schien das Motto zu sein: Grausamkeiten auf den Tisch und schnell wieder nach vorne blicken. Einstellung der FTD, rote Zahlen, lahmendes Auslandsgeschäft - abhaken und weiter. Jetzt zeigt sich: der Schrecken am Baumwall ist noch nicht zu Ende. 200 Stellen sollen in den kommenden fünf Jahren abgebaut werden, schreibt das Handelsblatt. Hinter der Schrumpfkur ist keine Strategie erkennbar, keine Idee. Bisher ist da nur Leere.

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Binnen fünf Jahren will Vorstandschefin Julia Jäkel laut Handelsblatt in Deutschland 200 Arbeitsplätze abbauen. Italien wird womöglich ganz aufgegeben. Aus unrentablen osteuropäischen Märkten will man sich zurückziehen, Engagements in Serbien und Kroatien stehen zur Disposition. Wenn überhaupt, wird nur noch in Frankreich ausgebaut. G+J als der deutsche Verlage mit dem besten und aussichtsreichsten  Auslandsgeschäft – das war einmal.

Um die sagenumwobenen Wachstumsmärkte China und Indien will sich offenbar Bertelsmann-Vorstandschef und Gruner-Aufsichtsrat Thomas Rabe lieber selbst kümmern. Ebenso um das als lukrativ angesehene Geschäft mit Business-Informationen. Die Botschaft lautet: Vorstandschefin Julia Jäkel darf in der Heimat Stellen abbauen und das Schrumpfkonzert orchestrieren, um Neugeschäft kümmert sich der Mr. Wachstum von der Konzernmutter. Der einst stolze Verlag Gruner + Jahr – was ist nur aus ihm geworden …

Gespart werden muss überall und blenden wir das Auslandsgeschäft mal einen Moment aus. Was kommt? Wie stellt sich Julia Jäkel die Zukunft ihres Verlages in Deutschland vor? Es kann doch nicht damit getan sein, dass der stern ein bisschen hübscher gemacht wird und die Gala einen neuen Chef bekommt. Auf der aktuellen Mitarbeiterversammlung hat Jäkel laut Handelsblatt gesagt: "Wir orientieren uns nicht an kurzfristigen Kostenspareffekten." Und:  "Gruner + Jahr wird ein führendes Haus der Inhalte bleiben – auch in einer digitalen Welt." Aber wie? Das ist die Frage: Wie soll das gehen? Wo sind Ideen, wo ist eine erkennbare Strategie?

Bei der Vorstellung der Horror-Bilanz 2012 sagte Jäkel, G+J solle "schneller", "besser", "effizienter" und "digitaler" werden. Was man halt so sagt als Managerin. Die Innovationsgeschwindigkeit soll erhöht werden. Mit weniger Leuten sollen in kürzeren Abständen mehr neue Produkte entwickelt werden. Und gespart werden soll natürlich auch. Weniger Geld, weniger Leute, mehr und bessere Produkte. Glaubt wirklich jemand, dass das klappt?
Digitaler wollen sie natürlich auch werden am Baumwall. Das wollen alle, bzw. manche sind es schon. Axel Springer und Burda verdienen mittlerweile deutlich mehr Geld mit Digitalgeschäften als G+J. Aber nicht mit journalistischen Produkten, wird in Hamburg dann gerne eingeworfen. Stimmt. Springer macht sein Geld online vor allem mit Rubrikenanzeigen und Vermarktung. Burda betreibt eine Partnerbörse, verkauft Reisen und Heimtierbedarf online. Diese im Kern unjournalistischen Digital-Erlöse geben den Häusern aber eine gewisse finanzielle Sicherheit bei der digitalen Transformation des Mediengeschäfts. Man muss kein Freund sein, der Strategien von Burda und Springer. Aber die beiden Häuser haben wenigstens eine Strategie, an der man sich abarbeiten kann.

Übrigens: Kurz nachdem Julia Jäkel bei der Bilanz verkündet hatte, das G+J das führende Content-Haus werde oder bleibe, hat sich der Verlag an einem Online-Shop für Kinderbekleidung beteiligt. Passt halt gut zu den “Communities of Interest”. Schon wieder so ein Buzzword. Will heißen: Weil G+J Eltern und Nido verlegt, passt ein Web-Laden für Kinderklamotten gut dazu. Aber warum denn? Gerade Eltern wurde von Frau Jäkel bei der Anhörung der Medienvertreter vor dem Rechtsausschuss des Bundestags buchstäblich hochgehalten als Hort der journalistischen Unabhängigkeit. Warum beteiligt man sich dann bei einem Laden, der Produkte verkauft, über die man ansonsten total unabhängig berichten will?
Andere Verlage in Deutschland haben sich positioniert. Springer vorneweg will das führende digitale Medienhaus werden und setzt online auf Paid Content. Burda predigt, dass sich Handelsunternehmen und Medien annähern, setzt online auf E-Commerce und will digitale Reichweite ohne Bezahl-Inhalte steigern. Das mag man im Einzelfall loben oder kritisieren – es handelt sich jedenfalls um erkennbare Strategien. Was aber ist die Strategie, die Idee von Gruner + Jahr? Irgendwas mit Content. Irgendwas mit Communities. Man will viele neue Produkte. Die sollen toll sein, aber auch schön billig. Das riecht nach Verzweiflung.

Nach der miesen Bilanz 2012 und der schmerzhaften Auflösung der Wirtschaftspresse wäre es an der Zeit gewesen, positive Signale zu senden, Hoffnung zu geben. Stattdessen: Stellenabbau, Auslandsschrumpfkur. Was kommt nach dem Sparen? Wohin soll das Sparen führen? Da ist bisher aus dem Hause Gruner + Jahr außer flotten Sprüchen erschreckend wenig zu hören. Eigentlich gar nichts. Im Herbst, so ist nun zu lesen, soll die Umstrukturierung endlich anlaufen. Es wird allerhöchste Zeit.
MEEDIA gehört zur Verlagsgruppe Handelsblatt

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