Das Politische und das Peinliche

Das Foto, das unseren Wirtschaftsminister und Vizekanzler Philipp Rösler (FDP) zeigt, wie er in den USA Bild-Chefredakteur Kai Diekmann heftig umarmt, wirkt auf mehreren Ebenen verstörend. Zahlreiche Medien haben über die Bildungsreise Röslers ins Silicon Valley berichtet und auch das dpa-Foto zusammen mit dem Bild-Chef gezeigt. Viele meinen, dass das Foto die Nähe von Bild zu einigen Politikern entlarvt. Tatsache ist, dass das Foto beiden Beteiligten schadet.

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FDP-Kennerin und stern-Reporterin Laura Himmelreich analysierte das Foto für stern.de: “Zwei Männer fallen sich stürmisch in die Arme, sie lachen, zeigen ihre Zähne, sie umschließen sich fest, sie sehen so aus, als ob sie sich mögen. Eigentlich ein schönes Bild.” Äh, Nein. Es ist kein schönes Bild. Und wir sehen übrigens auch nicht zwei Männer, die ihre Zähne zeigen, da das Gesicht von Philipp Rösler von der Kamera abgewendet ist.
Himmelreich weiter: “Was man sieht, ist der Ausdruck einer politisch-publizistischen Win-Win-Situation.” Kaum eine andere Zeitung habe so positiv über den ansonsten viel kritisierten Rösler berichtet wie die Bild – die Extrem-Umarmung sei nun so etwas wie der Beleg für die tief sitzende Kumpanei zwischen dem mächtigen Chefredakteur und dem politischen Leichtgewicht Rösler.

In der Welt (die wie die Bild zum Axel Springer Konzern gehört) kommentiert Ulf Poschardt das Foto. Er nennt Diekmann einen “angenehmen Kollegen”, kommt aber auch nicht umhin angesichts des Fotos festzuhalten: “Die Körpersprache dieses Bildes, das am Tag danach auf nahezu allen Nachrichtenseiten des Landes gezeigt wird, dokumentiert allerdings eine Übernähe und eine emotionale Übertreibung, die viele Fragen aufwirft.” Wobei sich Poschardt hauptsächlich fragt, wer denn den Vizekanzler berät, da ihm, Poschardt, auch die Rösler-Fotos im hautengen Jogging-Dress in San Francisco verständlicherweise nicht sonderlich behagen. Da bekommt im Vergleich sogar Außenminister Guido Westerwelle mit seinem lächerlich hochgestellten Polo-Hemdkragen bessere Stil-Noten.

Wenn wir noch einen letztes Indiz dafür brauchen, dass mit diesem Foto etwas oberfaul ist, dann liefert dieses Indiz Kai Diekmann selbst. Er tritt die Flucht nach vorne an und twitterte: “Be careful! Once I am back in Germany, I am going to do that with and to everybody – everywhere!” Und packte gleich noch einen Link auf das Tumblr-Blog “Philipp Roesler worshipping Evil” dazu, das sich mit diversen Montagen über das Foto lustig macht.

Offenbar sieht sich Diekmann genötigt, den Buzz um das Foto mit Ironie runterzukochen. Nach dem Motto: Regt Euch nicht auf, ist alles halb so wild! Was aber regt so viele Leute an diesem Foto derart auf? Himmelreich und Poschardt haben da schon Recht. Das Foto zeugt von einer ungesunden Übernähe eines mächtigen Chefredakteurs zu einem Politiker. Es ist ein kleiner Tabubruch. Wir Bürger wollen eine saubere Trennung zwischen Politik und Presse, einen Cordon Sanitaire. Zwischen diese zwei Typen da auf dem Foto passt aber beim besten Willen kein Blatt Papier mehr.

Vielleicht war es Diekmanns bäriger Bart oder seine lustigen Armbändchen, die Rösler dazu verleiteten zu denken, er habe es hier mit einem Kumpel zu tun. Das darf er aber nicht denken. Es ist ganz und gar unvorstellbar, dass ein solches Foto mit welchem Chefredakteur auch immer und Angela Merkel, Peer Steinbrück, Horst Seehofer oder sonst einem A-Politiker entstanden wäre. Warum – weil diese Leute Profis sind. Polit-Profis wissen um die Wirkung von Fotos und meiden solche Kumpel-Situationen wie der Teufel das Weihwasser – mit Recht.

Umgekehrt kann es dem Chefredakteur Diekmann auch nicht schmecken, dass ihn der FDP-Chef und Vizekanzler so übertrieben dolle knuddelt. Diekmann ist intelligent und weiß ebenso, wie solche Fotos wirken. Die Artikel über die Bild-FDP-Kumpanei, die auf eine solche Aufnahme folgen, konnte er sich wahrscheinlich schon im Moment der Umarmung, als die Kameras blitzten ausmalen.

Dass Diekmann auf dem Bild wie ein gestandenes Mannsbild ausschaut und der ungelenke Herr Rösler mal wieder wirkt wie der Bubi-Azubi Praktikant verstärkt die seltsame Wirkung dieser Aufnahme noch. Über den Aspekt des Politischen tritt hier das ganz banal Peinliche. Rösler weiß sich hier schlicht und ergreifend nicht angemessen zu benehmen. Er verletzt unausgesprochene Regeln des sozialen Umgangs. Eine solche Umarmung wäre für ein Liebespaar angemessen oder für zwei wirklich enge und langjährige Freunde, die sich in privater Umgebung treffen. Nicht aber für einen Chefredakteur und einen Vizekanzler in der Öffentlichkeit.

Im Prinzip gibt es nur eine Erklärung für das Zustandekommen dieses Fotos: eine erschreckende und tief sitzende Unprofessionalität bei Philipp Rösler. Gut möglich, dass der FDP-Chef nach dieser Umarmung nicht mehr ganz so eifrig von der Bild bewienert wird, wie bisher. Wer so klammert, wie Philipp Rösler auf dem Foto, der wirkt wie ein Loser. Und mit Losern gibt sich keiner gerne ab. Am wenigsten die Bild.

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