Zeit-Chef Esser stellt sich Honorar-Debatte

Der Zeit-Verlag vermeldet Rekordumsätze - soll aber seine freien Autoren nicht entsprechend am erwirtschafteten Gewinn beteiligen. Diesem Vorwurf musste sich Geschäftsführer Rainer Esser im taz-Interview mit Silke Burmester stellen. Ein 10.000-Zeichen-Interview werde nur mit 500 Euro honoriert, 120 Euro für ein Onlinestück sind für Burmester "Bangladesch". Kein anderer Verlag investiere so viel in die Redaktion, hielt Esser dagegen. Entgegen dem Branchentrend habe man die Honorare nicht gekürzt.

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Für die Wochenendausgabe der taz interviewte Burmester, die selber für die Wochenzeitung schreibt, den Zeit-Geschäftsführer und wollte dabei vor allem eines wissen: Warum erhöht der Verlag trotz steigender Gewinne nicht auch die Honorare für seine freien Autoren? Essers Antwort: In den vergangenen Jahre seien sowohl die Redaktion ausgebaut als auch die Ausgaben für Spesen, Gehälter und Pauschalen erhöht worden.

Burmester ließ nicht locker: Mit 500 Euro für durchschnittlich drei Tage Arbeit oder 120 Euro für einen 8.000-Zeichen-Text auf Zeit Online stünden die Rahmenbedingungen im krassen Widerspruch zum Image als einem Titel, der im Blatt über die "Generation Praktikum" berichte. Die von Burmester genannten Summen seien "Mindesthonorare", stellte Esser darauf klar, die "häufig" überschritten würden. Einen Vergleich, den Burmester zu den Produktionsbedingungen in der Textilindustrie von Bangladesch zog, wollte Esser nicht gelten lassen: "Was in Bangladesch passiert, ist so kritisch und menschenverachtend, dass es in diesem Zusammenhang zynisch und unpassend ist."
 
Ein weiterer Vorwurf: Tempus Corporate, der Corporate-Publishing-Arm des Zeit-Verlages, habe bei einem Titel von einer Ausgabe zur nächsten das Mitarbeiter-Honorar um ein Viertel gesenkt. Der CP-Markt sei extrem umkämpft, entgegnete Esser: "Aber besser, wir starten ein neues Geschäft und zahlen Preise, die nicht jedermann gefallen, als dass wir überhaupt nichts machen und niemandem in dieser bedrängten Branche etwas zahlen können." 

Auf die Frage, ob er einer (nur mal angenommenen) Forderung von Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo nach mehr Budget für die Freien nachkommen würde, antwortete Esser, das Thema "bewege" auch ihn sehr. Aber: "Einfach zu sagen, hier sind ein paar Millionen mehr, so stellt sich Klein Erna die Verantwortung eines Zeitungsgeschäftsführers vor." Die Retourkutsche von Burmester: "Dann dankt Klein Erna dem Onkel für das Gespräch."

Burmester ist auch Mitglied im Freischreiber-Verband, der sich u.a. für die angemessene Bezahlung von Freien stark macht. Der Verband twitterte im Nachgang zum Interview, Burmester habe das Interview mit dem "Zeit-Kostendrücker" "für uns alle" geführt. Das Thema der Freien-Honorare bleibt ein scharfes Schwert.

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