Die Tränen von Claudia und Peer

Die Medienbilder vom Wochenende waren einmal die tränengasüberströmte Grünen-Politikerin Claudia Roth, die während der Unruhen in der Türkei von der dortigen Polizei attackiert wurde. Und dann der von seiner Frau zu Tränen gerührte SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück auf dem Parteikonvent. Warum bleiben nun diese beiden unterschiedlichen Bilder im Meer des Hintergrund-Rauschens haften? Weil sie Gefühle bedienen - der Rohstoff aus dem Medien Aufmerksamkeit destillieren.

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Die Neuigkeit, dass Claudia Roth in der Türkei von der dortigen Polizei mit Tränengas attackiert wurde, lässt aufmerken. Dabei gab es auch vorher schon zigfach Nachrichten über die Übergriffe der Erdogan-Regierung, die Polizeikräfte gegen Demonstranten in Istanbul marschieren lässt. All diese Berichte drohen im endlosen Grundrauschen aber unterzugehen. Wir shoppen gemütlich oder sitzen sonntags in einem Café. Ausnahmsweise scheint die Sonne. Irgendwo läuft ein Fernseher. Bilder wehen herüber, wie weiße Panzer mit Wasser in eine gesichtslose Menge an Demonstranten schießen. Schlimm, aber was soll man machen? Eiskaffee ausschlürfen und die Rechnung bitte. Aufstehen und spazierengehen. Alles normal.

Aber dann Claudia Roth. Da hat es eine “erwischt”, die wir kennen – wenn auch nur aus den Medien. Die fröhliche, nervige Frau aus der “ultimativen Chart-Show”, die frühere Managerin von “Ton, Steine, Scherben” (muss immer kommen, wenn von Claudia Roth die Rede ist). Das Interesse ist kurzzeitig geweckt, wir fühlen uns betroffen. Wir fühlen irgendwas. Die Medien wittern das. Sofort werden Interviews angefragt und selbstverständlich – Claudia Roth! –  gewährt. In der Zeit, bei Phoenix, mutmaßlich in der einen oder anderen Talkshow, vielleicht auch bei Bunte. Frau Roth hat da keine Berührungsängste.

Die anderen Tränen vom Wochenende waren anders. In einem Akt der Verzweiflung hat die SPD Gertrud Steinbrück, die Ehefrau ihres glücklosen Kanzlerkandidaten, auf die Bühne geholt, um den privaten Peer zu zeigen. Das hat geklappt. Frau Steinbrück präsentierte sich – Juhu! – authentisch und bodenständig. Klar, die hat auch nicht die Medien und den Hühnerhaufen von SPD-Parteiapparat am Hals. Und nachdem sie so erzählte wie schlimm diese Medienschelte für ihren Mann sei, der ja doch nur das Beste wolle usw, da stockte dem Kandidaten, der ja auch Ehemann ist und Mensch, die Stimme. Er rang mit der Fassung, schien eine Träne zu verdrücken.

Da erhoben sich die Delegierten und spendeten fleißig Applaus. Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel, der zuvor keine Gelegenheit ausgelassen hatte, seinem Kandidaten Knüppel zwischen die Beine zu werfen, war plötzlich ganz kuschelig gestimmt. Gelegentlich gebe es in der “Ehe” zwischen ihm und dem Kandidaten “auch Reibereien", scherzte Gabriel. Aber Reibung erzeuge ja auch Wärme. Das war natürlich eine große Schmierenkomödie und das ziemlich genaue Gegenteil von dem Auftritt Gertrud Steinbrücks, also komplett verlogen und unauthentisch. So sind sie halt, die Polit-Profis. Wie die Medien, wittern auch sie es, wenn das echte Gefühl anklopft und beißen sofort zu. Bei der SPD haben sie sich hinterher womöglich beglückwünscht zur Super-Idee, Frau Steinbrück auf die Bühne zu holen. Da war der Kandidat endlich mal richtig hemmungslos menschlich und emotional. Was da sonst noch gesagt wurde, irgendwas mit gratis Krippenplätzen Wahl-Blabla – wen juckt’s? Aber hastenichgesehn: Der Kandidat hat geweint!

Echte Gefühle sind dieser seltene Rohstoff, der noch ein bisschen  Rest-Aufmerksamkeit garantiert in diesem permanenten Hintergrundrauschen. Da schickt dann auch der superseriöse “Ereigniskanal” Phoenix zur Feier des Tages eine aufgeregte Pressemitteilung raus, dass man auch ein Tränengas-Interview mit Claudia Roth hat. Und die Aufnahme wie Peer Steinbrück mit den Tränen kämpft ist wahrscheinlich das ikonenhafte Sinn-Bild für diesen Wahlkampf.

Was lernen wir? Medien sind versessen auf Bilder und Emotionen. Wir, das Publikum, sind auch versessen auf Bilder und Emotionen. Politiker sind versessen auf Bilder und Emotionen. Das Andere geht unter im Rauschen.

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