SZ.de erfüllt Recherche-Aufträge der Leser

Die Online-Redaktion der Süddeutschen Zeitung will sich gegenüber ihren Lesern öffnen und startet ab sofort ein neues Format, in dem sie auf Anregung der Nutzer hin bestimmte Themen bearbeitet. "In unserem neuen Format 'die Recherche' machen wir, was Sie wollen, und setzen dabei auf Ihre Mitarbeit". Das gesamte Vorgehen der Reporter soll dabei in einem speziellen Rechercheblog protokolliert werden. Das Konzept der Süddeutschen erinnert dabei an das Liquid Democracy-Projekt des Zeit Magazins.

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Beim Open Journalism-Projekt lässt SZ.de den Lesern freie Hand. Welche der vorgeschlagenen Themen tatsächlich recherchiert werden, entscheiden nicht die Journalisten, sondern die Leser via Abstimmung. Die Redaktion behält allerdings die Kontrolle über die Frage, welche Vorschläge es grundsätzlich ins Voting schaffen. Aus allen eingehenden Vorschlägen wollen die Münchener den Nutzern jeweils drei zur Wahl stellen. Das gewählte Thema soll dann bis zum Folgemonat recherchiert werden. "Unsere Autoren werden mit Experten und Betroffenen sprechen, Daten beschaffen und aufbereiten, Archive und das Netz durchstöbern", schreibt sueddeutsche.de. Die ersten drei Themen stehen bereits zur Wahl.
Das Projekt will nicht nur auf Themenvorschläge der Leser setzen, sondern auch auf ihre direkte Mitarbeit. "Auch in dieser Phase freuen wir uns über Hinweise, Tipps und Anregungen. Vielleicht kennen Sie den richtigen Ansprechpartner? Oder halten einen Aspekt für besonders wichtig, der bisher immer zu kurz gekommen ist? Oder Sie schreiben uns Ihre eigenen Gedanken und Erfahrungen zum Thema." Anders als man es bei ähnlichen Leserreporter-Projekten kennt, wollen die Münchner die Beiträge der Leser honorieren und veröffentlichen.
"Wir wollen Ihnen mit ‚die Recherche‘ guten Journalismus bieten, der auf Sie hört und je nach Thema in die Tiefe und/oder Breite geht; mehr, als es im Alltagsgeschäft oder einer Online-Redaktion in der Regel möglich ist." Vorerst soll das Projekt auf "einige" Monate angelegt sein.

Das Zeit Magazin experimentierte bereits mit einem ganz ähnlichen Projekt. Mithilfe des Berliner Vereins Liquid Democracy e. V und einer Software baute das Magazin vor fast genau einem Jahr eine Web-Plattform, über die Leser Themen vorschlagen, diskutieren und bewerten konnten. Fünf Wochen lang konnte jeder seine Vorschläge auf der Site Adhocracy zur Abstimmung stellen. Insgesamt kamen 450 Themen-Vorschläge zusammen. Erst nach Abschluss der Abstimmung begann auch bei den Berlinern die klassische Redaktionsarbeit. "Uns hat das Experiment inspiriert", sagte damals der Chefredakteur Christoph Amend und kündigte eine Fortsetzung ein. Im gewissen Sinne passiert das jetzt bei Süddeutsche.de.

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