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„Bild Plus ist wie Trabi Plus“

Cordt Schnibben hat den Glauben verloren, dass Verleger den Journalismus zu einer neuen Blüte führen. Zu vielen Irrtümern seien Verleger in den vergangenen zwanzig Jahren aufgesessen, sagte er bei der Netzwerk Recherche-Konferenz. Ein neuer Irrtum: "Paywalls sind die Lösung". Das Bezahlmodell Bild Plus sei so ähnlich wie ein Trabi Plus mit Flügeltüren – "miefiger Journalismus, der immer noch riecht wie ein Trabi". Große Hoffnungen setzt der Spiegel-Mann unverändert in die Weiterentwicklung des Tablet-Journalismus.

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Schnibben, lange Jahre einer der Starreporter des Nachrichtenmagazins, hat sich beim Spiegel früh mit den neuen Möglichkeiten des Tablets für Journalisten beschäftigt. 45 Prozent der Nutzer könnten sich vorstellen, in Zukunft Journalismus nur noch digital zu konsumieren, zitierte er eine der zahlreichen vielversprechenden Statistiken zur Zukunft der Tablets. Darum brauche es bessere Inhalte, die dann wiederum von Lesern und Zuschauern bezahlt würden. Kreativ müsse sich der Journalist verhalten, nicht ablehnend.
Viele Dinge, die Schnibben über die Zunft sagte, dürften bei den Zuhörern der Netzwerk Recherche-Jahreskonferenz gut angekommen sein: Journalimus müsse sich öffnen, der Leser ist ein Korrektiv und im Zweifel besser informiert als ein Tageszeitungsredakteur, Redaktionen müssten multimedial recherchieren, ihre Artikel aufbrechen, Journalisten wiederum sollten verlegerischer denken. Erzählerische Vorbilder wie "The Atavist" nannte Schnibben, Storify bereite ihm Vergnügen. Bottom line: Das print-Produkt reiche nicht mehr – und als Print-Journalist sprach Schnibben auch zu seinen Zuhörern. Für Digital-Afficionados mag vieles, was er sagte, nicht neu gewesen sein, der Kaste der vor allem schreibenden Print-Kollegen ist der Spiegel-Mann voraus.
In den Verlagsabteilungen sucht Schnibben aber keine Antworten mehr. Die verschleuderten lieber Abo-Prämien und produzierten Uhren-Specials. Zu den Irrtümern der Vergangenheit zählten die Annahmen "Das Internet ist nur eine Mode", "Online-Journalismus ist nur Marketing für Print" und "Kostenloser Journalismus hilft uns". Etwa diffus blieb dann aber seine Einstellung zu Bezahlmodellen im Netz – einerseits ein Irrtum und Bild Plus nur ein aufgemotzter Trabi, andererseits muss auch digitaler Journalismus bezahlt werden.
Die Frage, wie gut Journalismus sein muss, damit er auch von Kritikern als bezahlwürdig eingestuft wird – sie lässt sich vermutlich nur individuell beantworten. Lokalzeitungen empfahl Schnibben im Übrigen, vor allem auf das Smartphone zu setzen, Wochenzeitungen sollten sich dagegen vor allem an das Tablet halten.  

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