Was Medien von Buzzfeed lernen können

Buzzfeed ist ein Klick-Monster aus den USA, das von klassischen deutschen Medien noch viel zu sehr unterschätzt wird. Meist wird die Website mit lustigen Tierbildchen und Gaga-Content ohne Tiefgang in Verbindung gebracht. Das stimmt nicht so ganz. Buzzfeed experimentiert mit ernsthaftem Journalismus, beschäftigt mehr Redakteure als manche Tageszeitung und hat eine originäre Form des Online-Storytellings entwickelt, von dem alle Digital-Medien eine ganze Menge lernen können.

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Optischer Zugang zu Stories

Nehmen wir als Beispiel die Berichterstattung von Buzzfeed zum jüngsten Apple-Event, der Entwicklerkonferenz WWDC, bei der das neue iPhone-Betriebssystem iOS 7 vorgestellt wurde. Statt eines Textes und/oder Videos erzählt Buzzfeed die Story anhand von Bilder und animierten GIFs. Ein GIF ist ein Grafikformat, bei dem mehrere Einzelbilder in einer Datei gespeichert werden, so dass sich ein animiertes Bild ergibt. So sieht man Apple-CEO Tim Cook, wie er den Zeigefinger erhebt oder Ex-Vizepräsident Al Gore, wie er sich im Publikum amüsiert. Die GIFs werden garniert mit kurzen Sätzen, die entweder Informationen transportieren oder das gezeigte GIF (oft sarkastisch) kommentieren.

Online ist weder Print noch Video

All dies zusammengenommen ergibt eine ganz und gar eigene Form des digitalen Storytellings. Eine solche Buzzfeed-Story würde nicht als Text in einer Zeitung oder einem Magazin funktionieren und nicht als TV-Beitrag – sie funktioniert nur online.  Buzzfeed hat das Verwenden von animierten GIFS zu einer neuen Kunstform des digitalen Publizierens erhoben.

Die Kunst der digitalen Überschrift

Die erwähnte Story zu Apples WWDC war überschrieben mit der Titelzeile: “The Only Thing You Need To Read About Today’s Apple Event”. Nun stellen Sie sich mal vor, sie suchen bei Google nach dem Apple Event und stoßen auf einen Treffer, der da lautet “Das Einzige, was zu zum heutigen Apple Event lesen müssen”. Dass man da draufklickt, liegt schon fast in der menschlichen DNA. Und was soll man sagen: Buzzfeed liefert. Die Story zur Überschrift ist unterhaltsam, schnell konsumierbar, optisch interessant und liefert alle relevanten Fakten zum Event. Mittlerweile hat Buzzfeed diese Art, Zeilen zu machen, perfektioniert. Das Stück zum Launch-Event von Sonys Videospielkonsole Playstation 4 hatte einen fast identischen Titel: “The Only Thing You Need To Read About Sony’s PlayStation 4 Event”. Im Feuilleton wären solche Serien-Überschriften fehl am Platz, im Internet funktionieren sie, weil sie treffend sind und dem Leser vorher genau sagen, was ihn erwartet. Die Überschriften sind eine Art Mini-Inhaltsangabe des Artikels.

Leser-Interesse first

Buzzfeed orientiert sich knallhart an dem, was Leser interessiert. Buzzfeed-Chefredakteur Ben Smith sagte Poynter.org: “Gute Stories haben eine Menge Leser. Das trifft überall im Journalismus und zu jeder Zeit zu. Aber noch mehr Leute interessieren sich für Entertainment.” Buzzfeed investiert seit einiger Zeit zwar auch in politischen Journalismus. Rund 225 Leute arbeiten für BuzzFeed, davon ca. 80 für die Abteilung von Smith, die eher klassischen Journalismus betreibt. Aber Buzzfeed ist immer noch eine gewaltige Unterhaltungs-Maschine. Im Gespräch mit Poynter.org erklärte Smith, dass ein politisches Stück Hunderttausende Leser bei Buzzfeed erreichen kann – eine Tiergeschichte aber erreicht Millionen. Zum Beispiel die Story “The 40 Greatest Dog GIFs of all Time” sammelte allein über 3,7 Millionen Klicks ein und besteht dabei nur aus einer Reihe von lustigen, animierten Hunde-Bildchen.

Ernst machen mit dem Einbinden der Leser

Bei Buzzfeed werden viele Stories von der Belegschaft und Redaktion erstellt – ganz viele Ideen und Geschichten kommen aber auch von den Lesern. Jeder registrierte Leser bekommt automatisch eine eigene Seite bei Buzzfeed eingerichtet, auf der seine Beiträge, Kommentare oder sonstigen Aktivitäten gebündelt werden. Besonders eifrige Leser werden von der Redaktion mit virtuellen Auszeichnungen versehen. Leser können Artikel schlagwortartig per Knopfdruck kommentieren oder sogar kurze Video-Kommentare als animierte GIFs aufnehmen. Die Idee vom Ende der kommunikativen Einbahnstraße wird hier tatsächlich ernst genommen und gelebt.

Keine Angst vor Albernheiten

Kein Thema, kein Dreh ist den Buzzfeed-Machern zu albern oder zu abwegig. Ein Nutzer bei Reddit hat seinem Vater Fotos von Figuren aus der beliebten Fantasy-TV-Serie “Game of Thrones” gezeigt und notiert, wie sein Vater, ein nur oberflächlicher Kenner der Serie, die Figuren bezeichnet hat. Aus Daenerys Targaryen wurde so einfach das “blonde chick”. Die Überschrift erklärt exakt, was den Leser erwartet: “The Names Of ‘Game Of Thrones’ Characters According To Someone’s Dad”. Kein “seriöses” Medium, würde eine solche Story bringen. Für Fans der Serie, und das sind nicht wenige, hat so etwas durchaus Unterhaltungswert.

Respektlosigkeit

Buzzfeed schert sich wenig um einen guten Draht zu PR-Leuten. Als Buzzfeed nach der Superbowl-Halbzeitshow des Popstars Beyoncé eine Bilder-Story über die grimmigen Gesichtsausdrücke der Sängerin beim Tanzen brachte, beklagte sich Beyoncés Presse-Agentin über einige besonders unvorteilhafte Fotos und bat darum, diese doch bitte auszutauschen. Was macht Buzzfeed: Veröffentlicht die Mail, zeigt exakt die monierten Fotos nochmal und schreibt drüber: “Die ‘unvorteilhaften’ Fotos, von denen Beyoncés Presse-Agentin nicht wollte, dass Ihr sie seht”. Die schnellen 2 Millionen Klicks waren den Machern der Site offenbar mehr Wert, als ein guter Draht zum Management des Popstars.

Fazit

Natürlich soll und kann und darf nicht jede Nachrichten-Website und jedes Special-Interest-Medium anfangen, online lustige Hundebildchen in Serie zu veröffentlichen. Man kann aber von der Art und Weise, wie Buzzfeed scheinbar konventionelle Stories digital aufbereitet eine Menge lernen. Buzzfeed hat einen eigenen visuellen und inhaltlichen Stil etabliert, der den Info-Gehalt einer Story nicht schmälert, sie online aber oft interessanter und leichter konsumierbar macht.

Und Buzzfeed zeigt, dass man online für Respektlosigkeit gegenüber offiziellen Organen und das Achten des Leser-Interesses belohnt wird. Pro Monat erreicht die Website nach eigenen Angaben rund 25 Millionen Unique Visitors. Unterm Strich sind das gute Nachrichten für den Journalismus.

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