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Brender: „Schächter hatte damals Schiss“

Es war ein denkwürdiger Abend, der 18. September 2005. Im öffentlich-rechtlichen TV lief die Elefantenrunde nach der Bundestagswahl. Nikolaus Brender und Hartmann von der Tann, die damaligen Chefredakteure von ZDF und ARD, lieferten sich mit dem Noch-Kanzler Gerhard Schröder ein Wortgefecht. Das Magazin Cicero bat die beiden Journalisten nun zu einer Rückschau. Erkenntnis: Ohne die Sendung wäre Angela Merkel vielleicht nicht Kanzlerin geworden. Und ZDF-Intendant Schächter habe "richtig Schiss" gehabt.

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Wer sich nicht mehr so genau an die Sendung erinnern kann, die in die Annalen der TV-Elefantenrunden einging, kurz die Handlung: Gerhard Schröder, bis zu diesem Zeitpunkt noch Kanzler, war siegesgewiss und angriffslustig ins TV-Studio gekommen. Brender sprach Schröder an: "Ich sage noch mal, Herr Bundeskanzler, der sind Sie ja noch…" Schröder antwortete: "…ja, das bleibe ich auch, Herr Brender, auch wenn Sie dagegenarbeiten…" Brender zurück: "Ich weise darauf hin, dass ARD und ZDF sich nichts vorzuwerfen haben. Nicht alles, was Ihnen nicht passt, ist gleich eine Kampagne."
Im weiteren Verlauf des Gesprächs wunderte sich Guido Westerwelle noch über den Auftritt von Schröder ("Ich bin zwar jünger als Sie, aber nicht blöder!"), legte dieser in Richtung Merkel noch mal nach ("Sie wird keine Koalition unter ihrer Führung mit meiner sozialdemokratischen Partei hinkriegen, das ist eindeutig, machen Sie sich gar nix vor") und sagte schließlich auf die Bemerkung Brenders, er werde ihn jetzt nur noch "Herr Schröder" nennen: "Sie können auch Otto zu mir sagen."
Wie sehen die TV-Profis den Auftritt Schröders und ihre eigene Leistung im Nachhinein? "Merkels Kanzlerschaft wäre ohne diese Sendung jedenfalls unsicher gewesen", sagt Brender im Gespräch mit Cicero-Chef Christoph Schwennicke. "Wir haben per Zufall dazu beigetragen, weil wir Schröder Paroli geboten haben und ihn gezwungen haben, sich so zu äußern, wie er in Wahrheit gedacht hat." Kollege Tann merkt ebenfalls in aller Bescheidenheit an: "Unseren Job hat uns einer ganz besonders leicht gemacht, und das war Schröder." Auch für Merkel, die kein gutes Ergebnis geholt hatte, hätten die Moderatoren "viele Fragen, um sie zu quälen" (Brender) auf Lager gehabt. Aber alle Fragen habe Schröder dann verhindert.
Die These der beiden Journalisten: Hätte sich Schröder nicht so aus dem Fenster gelehnt, hätte die CDU vielleicht Merkel gestürzt. Doch nach den Attacken des SPD-Manns mussten sich die Reihen hinter Merkel schließen. Brender wie Tann – beide sind nicht mehr im Dienst – gaben gegenüber Cicero an, die Aufzeichnung der Sendung bisher nicht gesehen zu haben. Entsprechend geizen sie auch nicht mit Erstaunen über das Auftreten Schröders wie "Vollgepumpt mit Adrenalin!" (Tann), "der brachiale Machtanspruch!" (Brender) oder "Hartmann, dieses Gesicht von Schröder! Das ist doch nicht natürlich!" (Brender) und "Größenwahn, purer Größenwahn" (Tann).
Die Betrachtung der Aufzeichnung führte Brender auch zu einer anderen Erkenntnis. Dabei geht es um die Unterstellung, bei Schröders Auftritt sei mehr als nur Erschöpfung und Adrenalin im Spiel gewesen. Der Ex-Chefredakteur des ZDF sagt heute: "Ich hatte immer gesagt: Der hatte nichts getrunken. Aber jetzt, wo ich das sehe: Der hatte was intus, nicht viel, aber der hatte was intus…" Tann dazu: "Glaub ich nach wie vor nicht."
Brender wurde dann, wie bekannt, 2009 als Chefredakteur unter fragwürdigen Umständen abgesetzt. In dem Gespräch erinnert er sich auch an die Reaktion seines ehemaligen Vorgesetzten, des Ex-ZDF-Intendanten Markus Schächter: "Schächter hatte damals richtig Schiss. Er kam zu mir, direkt nach der Sendung und sagte: ‚Sie dürfen das nicht so groß fahren.‘ Anschließend habe er, Brender, seine Kollegen angewiesen, "sofort eine Fassung ins Netz zu stellen."   

Das Interview erscheint am Freitag in einer Cicero-Sonderausgabe zur Bundestagswahl

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