„Der Spiegel hat Homo-Tourette-Syndrom“

Medien zeichnen ein verzerrtes Bild von Lesben und Schwulen, sagen die Initiatoren des "Waldschlösschen-Appells". Der Aufruf an Medienmacher, Diffamierungen gegen Homosexuelle nicht zu verharmlosen, wurde am Montag veröffentlicht. Der Spiegel leide beispielsweise an einem "Homo-Tourette-Syndrom", sagt Mitinitiator Johannes Kram. Den "Hart aber Fair"-Moderator Frank Plasberg kritisiert Kram ebenso - für eine Sendung zur "Homo-Ehe". Im MEEDIA-Interview sagt Kram: "Einige Medien spielen mit dem Feuer."

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Die russische Duma hat gerade ein Gesetz gegen "Homosexuellen-Propaganda" verabschiedet, das es bei Strafe verbietet, mit Kindern über Homosexualität zu sprechen. Die Debatte um die "Homo-Ehe" spaltet Frankreich. Und in Deutschland entschied just das Bundesverfassungsgericht, dass das Ehegattensplitting auch für eingetragene Lebenspartnerschaften gelten muss. Am Mittwoch heißt das Thema bei "Anne Will": "Gleiche Rechte für Homosexuelle – Ist die Ehe nicht mehr heilig?"
Diffamierungen gegen Lesben und Schwule seien auch in deutschen Medien durchaus weiter salonfähig, sagt Johannes Kram, der den "Waldschlösschen-Appell" initiiert hat. In dem Aufruf heißt es, "viele Medien" bagatellisierten "Angriffe auf die Würde und die Menschenrechte Homosexueller als Teil des legitimen Meinungsspektrums". Journalisten seien dazu aufgefordert, diffamierende Aussagen "zu kennzeichnen und zu verurteilen", "Vertretern solcher Aussagen keine Plattform zu bieten, so lange sie sich nicht klar von ihnen distanzieren", und "Homosexuelle in Beiträgen und Diskussionen nicht länger in die Situation zu bringen, sich für ihre sexuelle Orientierung rechtfertigen zu müssen".

Wie viele Unterschriften hat der "Waldschlösschen-Appell" in den ersten 24 Stunden bekommen?
Schon nach anderthalb Tagen wurde der Appell bereits von über zweitausend Organisationen und Einzelpersonen unterzeichnet und über tausend mal bei Facebook geteilt. Dabei muss man wissen, dass man unsere Seite dort nicht „liken“ kann. Es geht also fast ausschließlich um diejenigen, die sich mit vollem Namen und Mailadresse auf der Seite selbst eingetragen haben.

Gerade hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass das Ehegattensplitting auch für eingetragene Lebenspartnerschaften gelten muss. Hinkt die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexuellen, die sich zu einem gewissen Grad auch in der Haltung der Medien spiegelt, hinter der Rechtssprechung her?
Es gibt eine grosse Zustimmung für die Gleichstellung, aber natürlich muss sich die Gesellschaft daran erst gewöhnen. Das ist doch ganz normal. Auch das Frauenwahlrecht war für viele am Anfang eine Zumutung und noch bis 1977 brauchten Frauen die Zustimmung ihres Ehemannes, wenn sie arbeiten gehen wollten. Die Medien müssen sich darüber klar werden, ob sie zur Aufklärung derjenigen beitragen wollen, die Probleme mit gesellschaftlichen Emanzipationsprozessen haben oder ob sie lieber Salz in deren Wunden streuen wollen. Der Appell möchte all diejenigen Journalistinnen und Journalistinnen unterstützen, die sich für Ersteres entscheiden möchten.

Warum kommt der Appell gerade jetzt?
Wir haben es so nicht geplant, aber es hätte keinen besseren Zeitpunkt geben können als jetzt nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes und den Beschlüssen in der Duma. In Deutschland entscheidet sich jetzt, in welche Richtung der Wahlkampf geht, und wir müssen aufpassen, dass wir nicht zum Kanonenfutter werden. Die gefährlichen Argumentationsmuster, mit denen die Beschlüsse in Russland begründet werden, sind genau diejenigen, die wir in unserem Appell anprangern, weil sie auch in vielen deutschen Medien salonfähig sind. In Russland beruft man sich auf den Schutz von Kindern vor „homosexueller Propaganda“, was impliziert, dass Homosexualität etwas ist, zu dem man verführt werden könnte. Für den gleichen Unsinn wird zur Zeit Leuten wie der Autorin Gabriele Kuby gerne ein Podium gebaut. Noch letzte Woche hat Bild-Dresden deren Sorge, Jugendliche könnten „in die Homosexualität getrieben“ werden, als eine begründete Angst dargestellt. Einige Medien spielen mit dem Feuer und wir wollen zeigen, wo der Feuerlöscher hängt.

Wer ist "wir"?
Es gab im März ein Treffen von homosexuellen Medienleuten in der Akademie Waldschlösschen, zu dem auch der Bund Lesbischer und Schwuler JournalistInnen (BLSJ) eingeladen hatte. Eigentlich ging es darum, einen neuen Leitfaden zu erstellen, der Medienmachern helfen soll, ohne die üblichen Klischees über homosexuelle Themen zu berichten. Doch es gab unter den Teilnehmern ganz bald Einigkeit darüber, dass das nicht mehr ausreicht. Ganz viele Journalistinnen und Journalisten bemühen sich gerade um eine angemessene Berichterstattung zum „Homo-Ehe“. Doch auf der anderen Seite beobachten wir zur Zeit Entgleisungen, insbesondere eine Verharmlosung von Homosexuellen-Feindlichkeit, die wir so nicht mehr für möglich gehalten haben. Offensichtlich sind viele Medienmacher der Meinung, dass durch die Öffnung der Ehe die Akzeptanz von Homosexualität in der Gesellschaft kein Problem mehr sein wird. Nicht nur am Beispiel Frankreich sieht man, dass das aber so einfach nicht ist. Auch wenn man die Situation hier mit dort nicht vergleichen kann, sollten sich die Verantwortlichen in den Medien darüber klar sein, dass der verzerrte Blick auf Lesben und Schwule nicht ohne Folgen bleibt. Ohne das Bild, was viele Medien von Homosexuellen zeichnen, würden sich etwa Politiker wie Alexander Dobrindt nicht trauen, die „Homo-Ehe“ als Frage einer „schrillen Minderheit“ zu abzutun.

Was meinen Sie genau mit dem "verzerrten Blick"?
Bei Homosexuellen wird fast immer das Anderssein herausgestellt. Homosexuellen wird oft vorgeworfen, sich über ihre Sexualität zu definieren, aber genau das ist das, was sie für Medien oft erst spannend macht. Der Spiegel z.B. hat ein regelrechtes "Homo-Tourette Syndrom", es scheint einen Wettbewerb in der Redaktion darüber zu geben, Homosexuelle auf Fotos als Freaks zu inszenieren. Viele Journalisten können gar keinen Artikel über einen Christopher Street Day schreiben, ohne das Wort "schrill" zu benutzen. Außerdem: Homosexuelle in den Medien sind fast immer Männer, auch dann, wenn es – wie z.B. beim Adoptionsrecht – fast gar nicht um sie geht, da dieses Thema zur Zeit fast ausschliesslich Frauen betrifft. 

Im Appell heißt es, Medien brächten in ihrer Berichterstattung Homosexuelle unter Rechtfertigungszwang.
Warum müssen eigentlich immer Homosexuelle argumentieren, warum sie gleichwertige Menschen sind? Niemand käme auf die Idee einen Rassisten in eine Talkshow einzuladen und ein Opfer von Rassismus in die Verlegenheit zu bringen, sich für seine Hautfarbe erklären zu müssen. So etwas passiert Schwulen und Lesben andauernd.

Welche Beispiele fallen ihn aus der jüngeren Vergangenheit ein, wo bestimmte Medien Homosexuelle diffamiert haben?
Frank Plasberg hat im letzten Dezember mit einer „Hart aber Fair“ Sendung zum Thema „Homo-Ehe“ den derzeitigen Worst Case in Sachen Homosexuellen-Feindlichkeit im Fernsehen markiert. Natürlich gibt es noch schlimmere Fälle, aber die tun nicht so, als hätten sie etwas mit Journalismus oder einem öffentlich-rechtlichen Bildungsanspruch zu tun. Plasberg hatte alles, wirklich alles dafür getan, um bei den Zuschauern eine möglichst grosse Verstörung gegen Homosexuelle zu erzeugen. So zeigte er zur Einstimmung in die Diskussion einen Film über einen lesbisch-schwulen Weihnachtsmarkt und hielt danach einen Adventskalender mit leicht bekleideten Männermodels in die Kamera und fragte: „Wieso fordert eigentlich jemand gleiche Rechte, wenn er sonst so viel Wert aufs Anderssein legt?“ Er machte also eine Frage von Bürgerrechten zur Stilfrage und liess anschliessend über Standpunkte diskutieren, die man nicht mehr als Meinungsäußerungen durchgehen lassen kann sondern klar als Diffamierung hätte kennzeichnen müssen.

Der Appell wirft Medien ebenfalls vor, Diffamierungen Homosexueller als legitime "Debattenbeiträge" zu verharmlosen. Aber wo hört Debatte auf und fängt Diffamierung an?
Zunächst einmal, weil das natürlich der erste Vorwurf gegen den Appell war: Es geht uns nicht darum, die Meinungsfreiheit einzuschränken. Im Gegenteil: Wir begrüßen eine kontroverse Debatte über die rechtliche und juristische Ausgestaltung unserer Rechte, alleine schon deswegen, weil man nur Widerstände überwinden kann, wenn man sie offen benennt. Es geht nicht darum, ob jemand für oder gegen die „Homo-Ehe“ ist, und wir können und wollen doch niemandem verbieten, Homosexuelle nicht zu mögen oder etwa Homosexualität aufgrund religiöser Gründe als Sünde zu empfinden. Jeder hat ein Recht auf seine eigene Moral, auch wenn sie noch so abseitig ist. Wir wollen aber aber eine Grenze, sozusagen eine „rote Line“ aufzeigen, wo eine Äußerung keine Meinung ist mehr ist sondern schlicht eine Diffamierung.

Aber wo verläuft diese rote Linie?
Laut Appell gehören hierzu Aussagen wie Homosexualität sei widernatürlich, Homosexualität sei eine Entscheidung oder Homosexualität sei heilbar. Besonders gerne wird auch behauptet, Homosexualität sei eine Begünstigung für sexuellen Missbrauch oder die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften sei eine Gefahr für die Gesellschaft, etwa, weil durch sie weniger Kinder geboren werden würden. Das hat alles mit Meinung nichts zu tun, sondern ist einfach falsch und dient nur dazu, Homosexuelle herabzuwürdigen. Im Appell fordern wir, dass solche Aussagen nicht weiter verharmlost werden, sondern klar als diskriminierende Anfeindungen eingeordnet werden, so wie es auch etwa bei rassistischen oder antisemitischen Anfeindungen geschieht. Beispiele? Gibt es nahezu jeden Tag. Wahrscheinlich werden Sie es heute Abend bei Anne Will wieder erleben.

Auf der Jahrestagung des Netzwerk Recherche wird über die Frage debattiert, ob Journalisten Politiker outen dürfen. Den Anlass für die Diskussion hat ein taz-Artikel über Peter Altmaier geliefert, in der die Frage aufgeworfen wird, ob Altmaier homosexuell sei und wenn ja, warum er sich dazu nicht bekenne. Der taz-Artikel war wiederum eine Reaktion auf eine Altmaier-Homestory in der Bild am Sonntag mit der Überschrift "Warum ich allein durchs Leben gehe". Also: Dürfen Journalisten Politiker outen?
Die Frage ist ein klassisches Dilemma. Es stehen sich zwei Positionen gegenüber, die beide ehrenhaft aber nicht miteinander zu vereinen sind. Das Dilemma kann sich erst auflösen, wenn das eigentliche Problem dahinter angegangen wird: Dieselben Kräfte, die von Homosexuellen fordern, ihre Sexualität nicht so wichtig zu nehmen sind die, die Homosexuelle mit der Skandalisierung ihrer Sexualität erpressen. Sie tun das natürlich nicht im eigentlichen Sinne, aber alleine die Angst der Betroffenen führt immer wieder zu einer Hilflosigkeit die dann in solchen absurden Geschichten endet wie der mit Altmaier am Herd. Der besagte Artikel von Jan Feddersen hat Altmaier nicht geoutet, er hat nur die Fragen ausgesprochen, die der Umweltminister durch sein BamS-Interview in den Raum gestellt hat. Geoutet hat ihn dann Ines Pohl, indem sie den Artikel kassiert hat, was zu einem Eklat geführt hat, durch den die Altmeier-Geschichte erst eine breite Öffentlichkeit gefunden hat. Meiner Meinung nach müssen die Medien, die eine Skandalisierung von Homosexualität ablehnen, eigene Strategien entwickeln, um dem zuvor zu kommen. Das ist natürlich zutiefst unjournalistisch, aber die Alternative ist, die Drecksarbeit des Boulevards zu machen.

Aber wie könnte eine solche Strategie aussehen?
Das Verrückte ist doch, dass wir beim Thema Outing seit 20 Jahren keinen Schritt weiter gekommen sind. Wenn sich da keiner traut, neue Wege zu gehen, wird es immer wieder solche Situationen geben. Vielen Medien sind doch die ungeouteten Politiker, Wirtschaftsleute und Sportler bekannt. Warum erarbeitet man nicht einen Ehrenkodex, den manche Medien für sich annehmen, und man nimmt Kontakt mit solchen Persönlichkeiten auf. Warum bereitet man nicht redaktionsübergreifend ein Umfeld, dass der Skandalisierung vorbeugt, auch dadurch, dass man sie thematisiert? Im Moment sieht es doch so aus, dass der Boulevard jedes Mal sagen kann: Sorry, damit haben wir nichts zu tun. Dieses bedeutet ja nicht, dass man Leute überreden soll, sich lieber im eigenen Medium zu outen. Aber man kann doch signalisieren: Wir werden Dich nicht outen, aber wenn Du irgendwann das Gefühl hast, dass man Dich unter Druck setzt, sag uns Bescheid wir lassen uns was einfallen und wir werden nicht die Einzigen sein. Ja, ich weiss, so was sollte nicht Aufgabe von Journalisten sein. Aber was nützt das Credo einer Ines Pohl, dass man Prominente niemals outen darf, wenn dadurch genau das passiert.

Sie selber schreiben das "Nollendorfblog", auf dem Sie auch immer wieder Verfehlungen von Medien in der Beschreibung und Wertung von Schwulen aufgreifen. Welche Reaktionen bekommen Sie selber auf medienkritische Berichterstattung?
Das Motto des Blogs ist: „Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber ..“Ich versuche über die nicht ganz so offensichtlichen Fälle zu schreiben, sondern eher über die, wo wir uns so an den schrägen Blick auf Homosexuelle gewöhnt haben, dass uns die dahinter verborgene Abwertung gar nicht mehr auffällt. Oft sind sich ja Journalisten gar nicht bewusst, wie sehr sie diese Muster bedienen. Es ist auch schon passiert, dass sich ein von mir kritisierter Journalist mit mir treffen wollte, um mit mir über meinen Standpunkt zu diskutieren. Das fand ich sehr souverän.

Spielt es in einer idealen Medienwelt noch eine Rolle, ob man Homo oder Hetero ist?
Es gibt Geschichten und Anlässe, bei denen die sexuelle Identität ganz natürlich eine Rolle spielt. Es gibt Themen, die betrifft Heteros eben anders als Schwule und Lesben. Entscheidend ist, ob damit eine unterschiedliche Wertung verbunden ist. Das eigentliche Problem ist doch, dass viele Journalisten immer noch dazu neigen, Artikel erst damit relevant zu machen, dass sie Homosexualität ins Spiel bringen, auch wenn sie  nichts mit dem Gehalt der Geschichte zu tun hat. So protestierte der BLSJ letztes Jahr gegen eine Überschrift von welt.de: “Staatsanwaltschaft knöpft sich schwulen Bürgermeister vor”. Die Homosexualität des Lokalpolitikers spielte bei den Ermittlungen gar keine Rolle.

Johannes Kram ist Marketingfachmann, Autor und Mitherausgeber des Debattenportals Vocer. Auf seinem Nollendorfblog berichtet er regelmäßig über die Darstellung von Schwulen und Lesben in den Medien. U.a. managte er Guildo Horns PR-Kampagne zum Grand Prix, war am Aufbau einer Online-Firma beteiligt und leitete den internationalen Markenaufbau einer Modemarke in Asien. Er wohnt in Berlin.

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