Brockhaus: Die Verflüssigung des Wissens

So viel geballtes Wissen wie in den Brockhaus-Lexika gibt es vermutlich nur selten. Und doch ist, keine fünf Jahre nach der Übernahme von Brockhaus durch Bertelsmann, das Aus so gut wie sicher. Zumindest für die Print-Lexika. Bertelsmann-Manager Fernando Carro gab am Dienstag die Einstellung der Verlagstochter Wissenmedia bekannt. Ein Kernproblem sei die Gewinnung von Neukunden, sagte ein Sprecher gegenüber dem Börsenblatt des Buchhandels. Das Wissen der Welt verflüssigt sich im Netz.

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Mit der 21. Auflage der "Brockhaus Enzyklopädie" ist Schluss. 190 Mitarbeiter und 300 Handelsvertreter sind von dem Aus betroffen, berichtet das Börsenblatt. Online-Aktualisierungen der Lexika soll es aber immerhin bis 2020 geben. Was mit der Marke "Brockhaus" geschieht, sei noch unklar. Sie verbleibt aber bis auf weiteres bei Bertelsmann. Der Entscheidung sei ein "zweijähriger Evaluationsprozess" vorausgegangen. Im vergangenen Jahr wurde bereits bekannt, dass die Encyclopaedia Britannica nicht mehr gedruckt erscheint.
Das Geschäftsmodell von Brockhaus war unter Bertelsmann-Regie zwar erweitert worden, doch man blieb vom Kernprodukt Lexika abhängig. 70 Prozent des Umsatzes werden im Direktvertrieb gemacht, also über Vertreter. Doch die Menschen lassen sich heute nicht mehr an der Haustür zum Kauf einer nicht ganz billigen Enzyklopädie bewegen. Eine wachsende Zahl von ihnen sucht alles Wissenswerte im Netz. Dort müssen Informationen zwar vom Suchenden selber gefiltert werden, doch das gewissermaßen im Netz verflüssigte Wissen wird dem Print-Wissenspeicher vorgezogen.  
Gleichzeitig gelingt den Verlagen der reibungslose Umstieg auf digitale Medien nicht. Wissen wird in der Gesellschaft zwar als enorm wertvoll angesehen, im Zuge der kostenlos verfügbaren Informationen im Netz stellen Menschen aber eine schnelle Kosten-Nutzen-Analyse an. Das Ergebnis: Der Wikipedia-Artikel, der in der Regel so akkurat ist wie ein Brockhaus-Eintrag – wenn auch nicht so pointiert, dafür aber mit dem unschlagbaren Vorteil des Hyperlinks versehen – verdrängt mögliche Alternativen. Für ein Bezahl-Lexikon in digitaler Form gibt es im Netz nahezu keine Lücke mehr. Die würde sich erst wieder auftun, wenn Informationen im Netz schwieriger zu finden wären, Online-Anbieter plötzlich auf Bezahlinhalte umstellten oder Wikipedia eine hohe Fehleranfälligkeit nachgewiesen werden könnte. Alle drei Fälle sind eher unwahrscheinlich.

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