Online-Artikel werden selten zu Ende gelesen

"You won't finish this article" - mit dieser provozierenden Headline beschreibt Slate-Autor Farhad Manjoo eindrucksvoll, wie selten Online-Texte zu Ende gelesen werden. Mit Hilfe von Daten des Analyse-Unternehmens Chartbeat kommt er zu dem Ergebnis, das von 161 Leuten, die einen typischen Slate-Artikel angeklickt haben, nur ca. 25 bis zur 80%-Marke des Textes kommen. Aber: Ob ein Artikel per Twitter & Co weiterempfohlen wird, hängt offenbar nicht davon ab, ob er zu Ende gelesen wurde.

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Manjoo rechnet in seinem Artikel vor, dass von 161 Lesern, die den Text angeklickt hätten, 61 sofort wieder weg wären – ohne irgendetwas auf der Seite getan zu haben. Die "Bounce Rate", die diesen Anteil von Leuten beschreibt, läge bei Slate bei 38% – was im Übrigen ein vergleichsweise geringer Wert ist. Von den 100 übrig gebliebenen verschwinden weitere 5, die kein einziges Mal herunter scrollen. Bis zur Hälfte des Artikels sind nur noch 50 Leser übrig, bei der 80%-Marke des Textes lesen nur noch 25 mit. 25 von 161, die den Text angeklickt haben. Eine recht ernüchternde Zahl.

Bei anderen Medien sieht es oft noch schlimmer aus. So verbringen die Slate-Leser 86% ihrer Zeit unter dem oberen Teil der Seite, der beim ersten Klick sichtbar ist. Bei anderen Medien, die Chartbeat ebenfalls ausgewertet hat, sind es nur 66%. Interessanterweise hat die Zahl derjenigen, die einen Artikel per Twitter & Co. weiterempfiehlt offenbar nicht viel damit zu tun, ob ihn auch viele Leute zu Ende gelesen haben. Die Vermutung liegt also nahe, dass viele Texte geliket, gesharet oder getwittert werden, ohne dass der Empfehler genau weiß, was er da empfiehlt.

Richtig überraschend sind die Zahlen womöglich nicht, in ihrer Konkretheit dürften sie den einen oder anderen Autoren aber in leichte Depressionen verfallen lassen. Manjoo wertet die Daten als Zeichen für unsere heutige Kultur: Bücher werden nicht über das erste Kapitel hinaus gelesen, Filme mittendrin wieder abgebrochen, TV-Serien nicht zu Ende gesehen, etc. Das gigantische Medien- und Kulturangebot, auf das durch das Netz so einfach zugegriffen werden kann, wie nie zuvor, überfordert die Konsumenten. Man überfliegt nur noch und springt schnell wieder ab, weil der nächste Info- oder Unterhaltungsbrocken schon um unsere Aufmerksamkeit kämpft.

Der komplette Artikel "You Won’t Finish This Article" findet sich hier – es lohnt sich, ihn bis zum Ende zu lesen. (Hinweis auf den Artikel via "Bildblog")

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