Die Fehlerkultur und ihre Freunde

In deutschen Medienunternehmen geht ein neuer Geist um. Der Geist der Fehlerkultur. Gleich zwei Top-Journalisten ermutigten zuletzt ihre Kollegen, Fehler zuzulassen. "Mein Credo ist: Macht Fehler!", sagte der neue WDR-Intendant Tom Buhrow. Bild-Chef Kai Diekmann verkündete eine ähnliche Botschaft bei seiner Rückkehr aus dem Silicon Valley. Das passt: Die "Fehlerkultur" ist die Antwort klassischer Medien auf die Trial-and-error-Methode von Start-ups. Ein Freibrief für Fehlschüsse darf sie nicht sein.

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Vor kurzem wurde publik, dass der Internet-Konzern Amazon in 20 amerikanischen Großstädten sein neues Angebot AmazonFresh ausrollen will. Ziel: Die Auslieferung von Lebensmitteln per Internet im großen Stil. Eine logistische Herausforderung der Extraklasse. Angesichts größtmöglicher Fehleranfälligkeit eines solchen Angebots (leicht verderbliche Waren!) müsste man den Hut ziehen, wenn Amazon die Belieferung der Kunden flächendeckend hinbekäme, zumindest in Großstädten.
Der Knackpunkt: Amazon ließ das Lebensmittelprojekt ganze fünf Jahre in Seattle testen. Denn das Risiko einer Bauchlandung ist groß. Anderes Beispiel: Das Google-Auto, das automatisch durch den Verkehr gelenkt wird. Bevor dieses Projekt die Marktreife erreicht hat, wird unter Garantie noch einige Zeit vergehen. Google dürfte sich bei einem solchen Vorhaben nicht den geringsten Fehler im Live-Betrieb leisten. "Google-Auto fährt in Straßengraben" – das wäre dann das Aus.
Zurück zu den Medien. Eine Fehlerkultur fördern, das ist erstmal eine kluge Sache. In Diktaturen, in denen jeder Fehltritt sofort geahndet wird, gedeiht Kreativität schlechter als anderswo. "Wenn jemand keine Fehler macht, ist das ein sicheres Zeichen, dass derjenige nichts Neues mehr ausprobiert", sagte Tom Buhrow gegenüber der Welt, als er seinen Job als "Tagesthemen"-Moderator übernahm. Als WDR-Intendant will Buhrow nun alles dransetzen, "keine Angstkultur" im Sender zu schaffen. Und Kai Diekmann, der nach seinem Valley-Aufenthalt Start-up-Spirit verbreitet und gerne alle seine Mitarbeiter "drücken" würde? Zu dessen Standards gehört schon seit längerem der Satz "Wo gearbeitet wird, werden Fehler gemacht." Es sei nur an das berühmte "Bolzenschneider-Foto" erinnert.
In einer Zeit, in der klassische Medienunternehmen zu Start-ups aufschauen, weil diese "einfach mal machen", statt ihre Projekte ewig und drei Tage zu entwickeln, bis sie schon keinen mehr interessieren, steht die Fehlerkultur nun wieder hoch im Kurs. Wer eine solche fordert, weist seine Redaktion, seinen Verlag oder seinen Sender als liberalen Hort aus, in dem Dinge ausprobiert werden können und sollen. Start-up-Inkubatoren wissen, dass von zehn Gründungsideen höchstens eine Erfolg hat. Klassische Medien wollen davon lernen: Lieber ein paar Zeitschriften mit übersichtlichem Budget entwickeln statt ein Megaprojekt. Lieber verschiedene kleine TV-Formate pilotieren als die Renaissance der Samstagabendunterhaltung planen. Lieber im Web experimentieren statt den großen Social Media-Wurf hinlegen. Usw. usf. 
Doch so gut das alles klingt – es kommt natürlich extrem auf die Fallhöhe eines Projektes an. Scheitert beispielsweise das Projekt "Bild plus", das mit großem Tamtam angekündigte Bezahlmodell von Springer, dann wäre das schon ein herber Schlag. Und leistet sich der WDR noch einmal einen solchen Rohrkrepierer wie "Gottschalk live", dann wäre das nicht mit einem Schulterzucken abzuhaken. In beiden Fällen würde zu Recht die Frage gestellt, ob die Strukturen im Unternehmen so sind, dass sie Erfolge überhaupt ermöglichen. Mit anderen Worten: Eine Fehlerkultur in einem Unternehmen setzt auch die entsprechenden Rahmenbedingungen voraus. Und eine Fehlerkultur ist kein Freibrief für Projekte oder Entwicklungen, die es an Perfektionswillen vermissen lassen.
Wie schnell der Wunsch nach einem neuen Denken in alten Strukturen entwertet werden kann, zeigt das Drohnen-Debakel von Verteidigungsminister Thomas de Maizière. 600 Millionen Euro soll die Affäre den Steuerzahler kosten. Bei der Vorstellung eines Berichtes sagte Maizière laut Presseberichten, "grundsätzlich" wohne jedem Entwicklungsprojekt "die Gefahr eines Scheiterns" inne. Es gehe darum – Achtung: Bullshitbingo! – "eine permanente Risiko-Potenzial-Analyse vorzunehmen und eine Fehlerkultur zu entwickeln".
Eine ferngelenkte Drohne, die im schlimmsten anzunehmenden Fall bei Kontrollverlust zivile Flugzeuge gefährden könnte – eine schlechtere Referenz für die Entdeckung einer neuen Fehlerkultur gibt es vermutlich nicht.      

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