Von Sperrfristen und Medienopfern

Beim Burda Bilanz-Pressegespräch diese Woche gab es eine echte Überraschung.  Nein, nicht die Zahlen! Es wurde eine zweitägige Sperrfrist verhängt. Ungewöhnlich für ein Medienhaus, das sich gerne als modern bezeichnet. SZ-Chef-Enthüller Hans Leyendecker enthüllte, dass sich Hans-Ulrich Jörges vom stern mit Uli Hoeneß getroffen hat. Die Welt kompakt schrieb Berlin zur Startup-Metropole hoch. Und WAZ-Geschäftsführer Nienhaus sieht sich als “Opfer der Medienberichterstattung”.

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Das Überraschendste beim Pressegespräch zur Burda-Bilanz am vergangenen Mittwoch waren nicht die verkündeten Zahlen, sondern dass der Verlag eine Sperrfrist für die Berichterstattung bis Freitag verhängte. Was war da los? Hatte Burda Ultrabrisantes zu enthüllen? Nö. Man wollte nur allen Kollegen genug Zeit geben, die Berichte zu tippen. “Im Interesse der Kollegen, die auf traditionelle Kommunikationswege setzen”, wie vor Ort mitgeteilt wurde. Allerdings waren auch die traditionell kommunizierenden Zeitungs-Kollegen ein wenig irritiert ob dieser neuen Gepflogenheiten eines Hauses, das sich doch sonst gerne einen so modernen Anstrich gibt. Dass das mit der Sperrfrist doch nicht so ganz geklappt hat – “Überraschung” –  ließ sich wenige Stunden später bei Twitter nachlesen. Die Redaktion des Fachmagazins CIO hatte die dpa-Meldung zur Burda-Bilanz trotz Sperrfrist versehentlich auf ihre Online-Seite gestellt. Später wurde die Meldung dann wieder entfernt. In Zeiten von Social Media ist das freilich ein wenig so, als würde man die Zahnpaste zurück in die Tube drücken.

Hans Leyendecker, Investigativ-Grandseigneur der Süddeutschen Zeitung, legte diese Woche in Sachen Uli Hoeneß nach. Leyendecker deckte auf, dass ein Steuerfahnder in Altersteilzeit Hoeneß bei der Selbstanzeige zur Steuer-Hinterziehung geholfen hat. Im Artikel raunte Leyendecker auch davon, dass die Kanzlerin und das stern-Chefredaktionsmitglied Hans-Ulrich Jörges “keine unwesentliche Rolle” bei der Affäre spielen würden. Das klingt nun aber spannenden, gell!? Am Ende lief es darauf hinaus, dass Jörges sich am 15. Januar morgens mit seinem Freund Hoeneß im Berliner Café Einstein (kein sehr diskreter Ort) getroffen habe. Anschließend habe Hoeneß mit der Kanzlerin zu Mittag gegessen. Jörges teilte Leyendecker mit, dass er von den stern-Recherchen zu Schwarzkonten bei der Schweizer Vontobel Bank (wo auch Hoeneß sein Konto hatte) nichts wusste. Das also ist die “nicht unwesentliche Rolle”, die ein Journalist und die Kanzlerin in der Steueraffäre spielen? Ein Treffen an einem der öffentlichsten Orte Berlins und ein Mittagessen? Naja.

In der Welt kompakt erschien diese Woche der Text “Warum Berlin das nächste Silicon Valley wird”. Ein Loblied auf den Startup-Standort Berlin, geschrieben von Matt Cohler, Investor beim Berliner Startup ResearchGate, veröffentlicht in einer Zeitung der Axel Springer AG. Jenes deutschen Medienhauses, das sich an dem Berliner Startup-Event hy! Berlin beteiligt hat und Startups hofiert wie kein zweiter deutscher Medienkonzern. Merken Sie was: Sowohl der Autor als auch das Medium haben ein ziemliches Interesse daran, dass aus dem Wunschgedanken “Berlin wird das nächste Silicon Valley” Wirklichkeit wird. Wenn Berlin dieses Wahnsinns-Potenzial als Startup-Metropole hat, warum muss man das ständig herbeischreiben und herbeisehen?

Für Schlagzeilen sorgte diese Woche mal wieder die Funke-Gruppe, ehemals WAZ-Gruppe. Ausnahmsweise wurden dort keine Hundertschaften vor die Tür gesetzt. Diesmal wurde bekannt, dass die WAZ einigen Abonnenten via Brief mitteilte, dass sie ihre Zeitung künftig einen Tag nach Erscheinen zugestellt bekommen. Grund seien “unvermeidliche Logistikänderungen”. Armutszeugnis ist da fast noch zu schwach formuliert. Gleiches gilt übrigens auch für den Kommunikationsstil der Funke-Gruppe. Trotz mehrfacher telefonischer und schriftlicher Nachfragen von MEEDIA war der dortige Sprecher einen ganzen Tag lang nicht in der Lage, den Grund die Natur der “unvermeidlichen Logistikänderungen” näher zu benennen. Auch dass von den rund 12.000 WAZ-Abonnenten 270 betroffen sind, konnte der Sprecher nicht sagen. Jedenfalls uns nicht. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung wurde die Zahl später genannt. Funke-Geschäftsführer Christian Nienhaus bezeichnete sich kurze Zeit später auf dem Medienforum NRW als “Opfer der Medienberichterstattung”. Wenn er das so sieht …

Schönes Wochenende!  

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