Marmor und Nienhaus auf Kuschelkurs

Das Bemerkenswerteste eines außerordentlich unbemerkenswerten Auftakt-Panels beim Medienforum NRW war der Kuschelkurs zwischen ARD-Chef Lutz Marmor und WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus. TV-Sender und Verlage sollten ein "Bündnis für Qualitätsjournalismus" eingehen, lockte Marmor. Nienhaus charmierte zurück, beide Seiten seien sich "sehr nahe". Das frostige Verhältnis, nicht zuletzt verursacht durch die Tagesschau-App, weicht Frühlingsgefühlen.

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Mit den Öffentlich-Rechtlichen und den Verlagen ist es wie mit der Verwandtschaft – mal versteht man sich gut, mal kracht’s. Aber man hängt irgendwie zusammen da drin, in dieser Familie. Bei TV und Verlagen heißt die Familie Internet. Und hier ist schon seit langem klar, dass man irgendwie miteinander klarkommen will, obwohl eigentlich zwischen beiden Seiten eine ziemlich große Lücke klafft. Die Öffentlich-Rechtlichen wollen mehr oder weniger ungehindert im Netz ihre Angebote verbreiten dürfen. Und die Verlage wollen die Verbreitung einhegen.
Eine Einhegung geht aber gegen die Mechanik des Netzes, auch gegen die Erwartungshaltung der Zuschauer. Eine kostenlose Tagesschau-App geht den Verlagen gehörig auf die Nerven, weil sie im App-Store direkt neben einigen kostenpflichtigen Apps von Verlagen steht. Den Nutzern gefällt eine solche App aber. Am liebsten wäre es den Verlagen gewesen, sagte Christian Nienhaus auf dem Panel des Medienforum NRW, die ARD hätte Geld für ihre App genommen. Doch das sei ja rechtlich nicht gegangen, schließlich haben die Gebührenzahler die Inhalte schon finanziert.
Doch es gebe ja auch noch den Vorschlag von Lutz Marmor, "öffentlich-rechtliche Bewegtbilder für Zeitungen verfügbar zu machen". Freundliches Kopfnicken bei Marmor. Darüber könne man dann ja mal reden. Was wundert, ist: Diese Angebote hat es vor Jahren schon gegeben, und einige Verlage hatten diese sogar angenommen. Zum Beispiel die WAZ-Gruppe. Auf dem WAZ-Portal "DerWesten" wurden mehrere hundert WDR-Beiträge zum Abruf bereitgestellt, die Kooperation begann 2008 und wurde 2011 seitens des WDR wieder beendet. 
Schon damals wirkte diese Art der Kooperation eher wie ein Appeasement der halbgaren Art. Lasst uns mal im Netz machen, so der Subtext der Sender, dann geben wir euch auch ein paar Bewegtbilder für eure Auftritte im Netz. Denn Video-Content wollen ja schließlich alle. Dieser Phase der Annäherung folgte mit dem Kampf um die Tagesschau-App der offene Schlagabtausch, der mit einer nicht unterzeichneten "Gemeinsamen Erklärung" endete, in der ÖR und Verlage ihr Miteinander im Netz regeln wollten.
Jetzt wieder zurück zum Kuschelkurs. "Viele gemeinsame Interessen und ein gemeinsames Publikum" hätten Zeitungen und Verlage, sagte Marmor. "Wir sind uns sehr nahe bei der journalistischen Qualität", lobte Nienhaus. "Fernsehen hat ein Allzeithoch, das Netz wächst – alles gut", waren die Abschlussworte, wiederum von Lutz Marmor. Bis zum nächsten Konflikt ist erstmal wieder Ruhe. Aber diese Ruhe ist freilich trügerisch, denn, siehe oben: Die Beteiligten können entweder die regelmäßig von Verlagen postulierte "Marktverzerrung" akzeptieren, also dass gebührenfinanzierte Angebote privatwirtschaftlichen Angeboten Konkurrenz machen. Oder es müsste eine neue Medienregulierung her, die aber auf beiden Seiten vermutlich viele Kompromisse zur Folge hätte, die mit der Realität der Mediennutzung nicht viel zu tun hätte.
Eine klare Aussage, die das Spannungsverhältnis zwischen Öffentlich-Rechtlichen und Verlagen betrifft, traf auf dem Medienforum indes NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft: Die 7-Tage-Regel, nach der viele Inhalte der Sender nach sieben Tagen in den Mediatheken wieder gelöscht werden müssen, solle möglichst wieder abgeschafft werden. Ob dass den Verlagen, vor allem auch den Privatsendern, wirklich schmeckt, darf bezweifelt werden.
Der ARD-Chef und NDR-Intendant Marmor äußerte sich in dieser Woche noch an anderer Stelle, nämlich in der Zeit. Durchaus selbstkritisch befand Marmor dort (in Antwort auf ein Essay von Giovanni di Lorenzo aus der Vorwoche): "Unser Freitagabend ist oft zu seicht, der Vorabend im Ersten überzeugt sowohl in der Qualität wie in der Quote bisher nicht, und auch die Samstagabendunterhaltung ist nicht immer so, wie sie sein sollte."
Am Ende des Gastbeitrags kam Marmor dann aber zu dem Schluss: "Die ARD ist vielleicht nicht die beste Art, Fernsehen zu machen – aber immer noch eine der besten, die ich kenne." Kuscheln kann Marmor auch nach innen – die Kollegen vom viel gescholtenen öffentlich-rechtlichen Rundfunk werden es mit Wohlgefallen gelesen haben. 

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