Anzeige

Twitter: Guter Reporter, schlechter Reporter

Der Guardian-Reporter Jon Henley sagte dieser Tage den Satz: "Ich sehe keinen Sinn darin, als Privatperson zu twittern, aber als Journalist setze ich vollkommen auf soziale Medien als professionelle Tools." Henleys Griechenland-Reportageserie hatte der Berater Thomas Knüwer als Beispiel für den gelungenen Einsatz von Social Media für Reporter vorgestellt, um sich dann im selben Atemzug über die Twitter-Ignoranz deutscher Reporter zu mokieren. Der Vorwurf ist zu pauschal – die Diskussion könnte sich dennoch lohnen.

Anzeige
Anzeige

Knüwer hatte behauptet, die Nutzung von Twitter liege "für deutsche Journalisten noch immer im Bereich des Unvorstellbaren". Sein Beleg: Nur einer von acht Gewinnern des Henri Nannen Preises 2013 nutze den Dienst. "Die anderen stehen aber sicher bereit für einen Nachrichtenticker, wenn gerade mal wieder nichts passiert." Ein Seitenhieb auf Knüwers ehemaligen Arbeitgeber Handelsblatt, das gleich eine ganze Reportergruppe  nach Griechenland geschickt hatte, um von dort zu berichten. Für das Projekt hatten sie u.a. einen Ticker bespielt.
Auf diese kleine Volte hin meldete sich via Kommentarfunktion nicht nur Handelsblatt-Mann und Nannen-Preisträger Sönke Iwersen zu Wort, der Knüwer als "Trauerfall unserer Branche" und "Sarah Palin des deutschen Journalismus" bezeichnete, weil er "alles besser weiß". Auch René Wappler, Lokalredakteur der Lausitzer Rundschau und für seine Berichterstattung über Neonazis in der Lausitz ausgezeichneter Nannen-Gewinner, schrieb Knüwer ein paar Zeilen. Der Satz mit dem Ticker beleidige ihn und seine Kollegen.
Für jeden Eintrag bei Twitter, so Wappler, brauche es eine Idee – "wenn ich keine Banalitäten posten oder lediglich retweeten will". Knüwer hätte lieber acht bis zehn Journalisten befragen sollen, ob sie Twitter und Co. nutzen – und wenn nicht, hätte er in Erfahrung bringen können, warum sie das nicht tun. Stattdessen begnüge er sich "mit einer Bemerkung, die suggeriert, wir hätten alle nix begriffen". Knüwer blieb im Verlauf des Austausches bei seiner These: "Es ist für mich eine Tatsache, dass Deutschlands Journalisten in Sachen Digitalkompetenz zurückhängen." Grund: eine "extrem negative Haltung gegenüber dem Internet".
Nun ließe sich die kleine Auseinandersetzung schnell abtun. Und doch steckt mehr in ihr als ein Berater, der seinen Ex-Kollegen im Journalismus regelmäßig Innovationsfeindlichkeit vorwirft und ein Reporter, der seine Gedanken nicht auf die Schnelle verbreiten will, wenn sie ihm nicht ausreichend originell oder relevant erscheinen.
Die Debatte hat zwei wesentliche Komponenten. Die Frage zur ersten Komponente lautet: Ist Twitter nützlich für Journalisten? Klare Antwort: Ja. Anschlussfrage: Für welche Journalisten gilt das besonders? Antwort: Vor allem für Redakteure, die mit schnell drehenden Nachrichten umgehen müssen, ist Twitter unentbehrliche Informationsquelle geworden. "Twitter hat sich zu einem wesentlichen Bestandteil der Nachrichtenbranche entwickelt", schrieb der Kolumnist Michael Wolff gerade im Guardian, und stelle einen der "bedeutendsten Fortschritte im Nachrichtengeschäft" überhaupt dar. Aber was ist mit Reportern? Brauchen die auch Twitter? Antwort: Wenn sie das Tool für ihre Zwecke richtig einsetzen, dann hilft Twitter ihnen bei der Arbeit. Vielleicht. Sie könnten ihre Follower befragen, auf die Macht der Crowd setzen, Informationen gezielt erfragen, nach Menschen suchen, die Antworten auf ihre Fragen haben. Dazu braucht es etwas Erfahrung mit der Ansprache der Nutzer, und gegebenenfalls auch etwas Glück.
Unterm Strich könnte man allerdings auch zu der Erkenntnis kommen, dass die Frage, ob ein Journalist Twitter braucht oder nicht, in etwa so müßig ist wie die vor rund zehn Jahren gern gestellte Frage, ob Journalisten das Internet gut oder schlecht finden müssen. Denn: Das Web gehört zu unserem Alltag und ist dazu da, genutzt zu werden, es ist nicht per se gut oder schlecht. Was nun Twitter angeht, reicht es nicht aus, einfach nur die Nutzung an sich zu propagieren. Es besteht ein Unterschied zwischen der Nutzung von Twitter für konkrete Recherchefragen, wie sie Jon Henley gestellt hat (Wo finde ich xy, Wer kennt jemanden, etc.), und der Nutzung von Twitter, um Beobachtungen und Befindlichkeiten, Einordnungen und Kommentare abzugeben. Zumindest letztere Sorte von Tweets sind nicht jedermanns Sache, und genau solche Tweets sind es vermutlich, die Herr Wappler nicht absenden muss, um als guter Journalist zu gelten.
Die Frage zur zweiten Komponente der Debatte lautet: Sind deutsche Journalisten wirklich innovationsfeindlich? Der Schweizer Medienjournalist Kurt W. Zimmermann, selber nicht bei Twitter aktiv, warf just seinen Kollegen in der Schweiz vor, den Dienst ständig als Medienrevolution zu preisen, und ihn selber doch gar nicht zu nutzen. Twitter, schrieb Zimmermann in der Weltwoche, sei "die derzeit wohl effektivste Verbreitungsplattform für Inhalte". Doch die Mehrheit der Chefredaktore sei gar nicht aktiv dabei.
Für Deutschland bleibt die These Knüwers derweil, was sie ist: eine Behauptung, für die es sicher einige Beispiele gibt. Aber genauso einige gute Gegenbeispiele. Nur mal angetippt: Der neue Spiegel-Chef Wolfgang Büchner ist wohl das Paradebeispiel eines experimentierfreudigen Journalisten, der u.a. twittert. Frank Schirrmacher twittert (und doch hat er das Buch "Payback" geschrieben). Auf Twitter gibt es eine ganze Latte von Regionalzeitungsredakteuren, die mal mehr, mal weniger intensiv twittern. Undsoweiterundsofort. Wer sie sucht, wird sie auch finden – die den digitalen Möglichkeiten gegenüber aufgeschlossenen Journalisten.
Auch Knüwers Beleg anhand der Nannen-Preisträger lässt sich ein stückweit entkräften. Von Lebenswerk-Preisträgerin Anneliese Friedmann, die am Donnerstag ihren 86. Geburtstag feierte, muss man nicht unbedingt aktive Twitterei verlangen. Neben Essay-Preisträger Bernd Ulrich hat aber auch Reportage-Gewinnerin Heike Faller vom Zeit Magazin einen Account, der allerdings geschützt ist. Und Sönke Iwersens Recherchepartner Fabian Gartmann besitzt ebenfalls einen Account, den er seit 2011 aber zumindest aktiv nicht nutzt. Ganz so stimmt die Statistik also nicht. Aus einem von acht werden eher drei von sieben.
Erweitert man nun das Spektrum auf die Nominierten, ergibt sich ein viel differenzierteres Bild: Von den drei Reportage-Nominierten habe alle einen Account. In der Kategorie Dokumentation haben vier von fünf Nominierten einen Account. In der Kategorie Essay haben zwei von drei Nominierten einen Account. Und in der Kategorie Investigation gibt es ein Spiegel-Team von acht Journalisten: Drei haben einen Account, vier nicht, bei einer Person ist die Zuordnung nicht möglich.
Die Welt ist nicht schwarzweiß, auch wenn es im Digitalen nur 0 und 1 geben mag. Wer über die Nachrichtenbranche der Zukunft etwas lernen will, muss Twitter nutzen, aktiv oder passiv. Wer als Journalist selber neue Recherchewege und Zugänge zu Informanten und Quellen auftun will, sollte experimentieren. Entscheidend ist: Ob der Journalismus am Ende gut, durchschnittlich oder schlecht ist, hängt von vielen weiteren Komponenten ab. Twitter ist das, was man draus macht. Und macht man nichts draus, ist man nicht automatisch ein schlechter Journalist. Umgekehrt ist dieser Satz ebenfalls gültig.  

MEEDIA gehört zur Verlagsgruppe Handelsblatt.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*