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Tom Buhrow und die Legende vom Liftboy

Am Mittwochabend hat der WDR einen neuen Intendanten. Ab 11 Uhr wählt der Rundfunkrat. Drei männliche Kandidaten stehen zur Wahl, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Auffallend positiv ist keiner der drei im Vorfeld besprochen worden. Doch keiner kam so negativ weg wie "Tagesthemen"-Moderator Tom Buhrow. Er habe "das Lächeln eines Liftboys", sei "in Managementfragen ein Praktikant". Es zeigt sich mal wieder, wie wenig Journalisten von anderen Journalisten zugetraut wird. Das ist ein Fehler.

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Die allgemeine Branchenkenner-Haltung zur WDR-Wahl geht so: Unter Monika Piel hat der größte Sender der ARD massiv an Einfluss verloren. Nach außen habe die bisherige Intendantin den WDR nicht gut genug vertreten, habe auch als ARD-Vorsitzende eine schwache Figur abgegeben. In Erinnerung bleibt die verpatzte Einigung im Streit mit Zeitungsverlagen über die digitale Strategie der Öffentlich-Rechtlichen. Auch die völlig missratene Gottschalk-Talksendung am Vorabend, sowie die Querelen um eine Programmreform des Radiosenders WDR 3 stehen auf dem Negativkonto Piels. Schließlich habe die interne Kommunikationzuletzt massiv gelitten.
Wenn dem so ist, kann es eigentlich nur besser werden. Sollte man meinen. Doch das Urteil über die drei Kandidaten Tom Buhrow (Journalist und "Tagesthemen"-Moderator), Jan Metzger (Intendant von Radio Bremen) und Stefan Kürten (Director of Sports and Business bei der Europäischen Rundfunkunion) fällt verhalten aus. "Es ist ein offenes Geheimnis, dass es bessere Kandidaten gäbe als jene, die nun zur Wahl stehen", schreibt Hans Hoff am Mittwoch in der Süddeutschen. Und Dieter Anschlag resümierte in der Funkkorrespondenz: "Mit der von ihr getroffenen Auswahl hat die Findungskommission dem WDR jedenfalls nicht unbedingt einen Gefallen getan."
Hoff und Anschlag sind WDR-Kenner, ihr Urteil hat Gewicht und ist sicher fundiert. Aber: Meistens gibt es bei einer Wahl Personen, die besser geeignet sind als der Kandidat, der eine Wahl schließlich gewinnt. Erstaunlich ist in Sachen WDR aber, wie salopp vor allem ARD-Mann Buhrow zu einem Leichtgewicht abgestempelt wurde. Natürlich bringen Kürten und vor allem Metzger mehr Erfahrung in Verwaltungsdingen mit, beherrschen vielleicht ein wie auch immer geartetes "Intendantensprech" oder gar "Intendantenverhalten". Doch ist es nicht genau das, was Kritiker der ARD immer wieder vorwerfen? Dass ihre Intendanten viel reden, wenig tun (siehe die Talkshow-Misere) und in der föderalistischen ARD zwischen Gremien, deren machtpolitischen Interessen und nicht zuletzt ihrem eigenen Machterhalt im Verbund aufgerieben werden?
Wer sagt denn, dass ein WDR-Intendant möglichst markig durchs Funkhaus laufen und in Kameras schauen muss, und ein "Liftboylächeln" da nur schade? Wer sagt denn, dass Buhrow als Kommunikator, zumal als Kenner der Kölner Szene, nicht ein viel besseres Klima im WDR schaffen kann? Wer sagt denn, dass Intendanten in erster Linie Aktenfresser, Cost-Cutter und Verwaltungsspezialisten sein müssen? Intendanten müssen vielmehr sein: Vermittler, Ermöglicher, kreative Köpfe, Netzwerker. Sie müssen zunehmend etwas vom digitalen Wandel verstehen. Aber noch mehr davon, was die Zuschauer vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk eigentlich erwarten. Buhrow erfüllt diese Eigenschaften.
Es ist ein wenig traurig, wie profilierte Journalisten, wie Buhrow einer ist, mit einem Handstrich als "nette Kerle" abgetan werden. Das Urteil der Kritiker basiert sicherlich auf Recherche und Kenntnis – doch ist es nicht auch offensichtlich, wie die Vertreter der Management-Fraktion es möglichst verhindern wollen, dass vermeintliche Leichtgewichte die ihnen zugedachten Jobs übernehmen? Wie da hinter vorgehaltener Hand die ein oder andere herablassende Formulierung fallen gelassen wird?
Es war mutig und richtig von Tom Buhrow, die Kandidatur anzunehmen. Da will sich einer nicht ausruhen auf dem Erreichten. Da zeigt einer auch Machtbewusstsein. Da will sich jemand als Journalist auf dem Intendantenposten beweisen. Welch bessere Voraussetzung für eine Wahl des gebürtigen Rheinländers gibt es? Und was den Liftboy angeht – welch passenderes Bild gibt es, als einen Chef, der seine Leute mit nach oben nimmt? Alles andere ist Machtdenken von gestern. 

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