BildPlus: Der Online-Print-Kreislauf

Kai Diekmann war nicht da. Doch abgesehen vom Chefredakteur ließ sich am Montagabend in Springers Hochhaus so ziemlich jeder Top-Manager und Chefredakteur sehen. Denn, so Mathias Döpfner: "Wie eine Zeitungsgründung" fühle sich "das" an. Und vielleicht sei "das" für die Branche wichtiger als jedes andere Thema. "Das" ist Bild Plus, das Online-Bezahlmodell der Bild-Zeitung. Oder, wie es bei Springer heißt: Das "Marken-Abo". Pathos können sie, die Springers, darum hieß es auch: "Willkommen in der Zukunft".

Anzeige

Zu klein verkauft das Medienunternehmen seine Innovationen nicht. Vorstandschef Mathias Döpfner weiß um die Macht der Symbolik. Darum ist es natürlich nicht nur eine Laune des Managers, dass er seine Leute angehalten hat, das Bezahlmodell aufzuladen mit Bedeutung. Vor dem Hochhaus wehte am Montagabend eine große Flagge mit Bild Plus-Logo. Die Journalisten mussten gesammelt warten, bis sie um 18 Uhr in das oberste Stockwerk des Verlags gebeten wurden, um die Präsentation anschauen zu dürfen. Im Aufzug lief auf dem Weg nach oben bereits ein Bild Plus-Werbeclip auf einem Tablet.
Vorbereitung ist alles. Am Ende der Präsentationen war die Botschaft an die Journalisten klar: Die Axel Springer AG hat alles dafür getan, dass sich Online-Bezahlinhalte als respektable Erlösquelle für deutsche Medienunternehmen etablieren. Merke: Eine Strategiefindung ist  eigentlich gar nicht mehr so schwer, sobald man eine Mission hat. Der Vorteil, den Springer gegenüber vielen anderen Medienunternehmen hat, ist nämlich, dass ein paar Manager vor einigen Jahren beschlossen haben, was sie wollen. Und was nicht.
Die Preisstruktur von Bild Plus hat MEEDIA bereits am Montagnachmittag enthüllt. Das Freemium-Modell ist in der Theorie schon länger bekannt, der US-Autor Chris Anderson schrieb ein ganzes Buch darüber. Entscheidend ist die technische Umsetzung, und die scheint auf den ersten Blick wirklich durchdacht zu sein. Man darf bei der ganzen Sache nicht vergessen, dass die Implementation eines Bezahlmodells, zumal für eine Zeitung mit einer immer noch gigantischen Reichweite von Bild, alles andere als trivial ist.

Die Preisstruktur von Bild Plus

Also: Was Bild versucht, ist der Bau eines Print-Online-Kreislaufs: Digital ist neue Erlösquelle, aber digital stützt auch Print. Und Print wiederum schaufelt Leser in die digitale Welt. Und das soll so funktionieren: Abonnenten des Komplett-Pakets für 14,99 Euro bekommen nicht nur Zugang zu allen Plus-Inhalten (Paket für 4,99) und ein Bild-PDF (Paket für 9,99), sondern ein "Kiosk-Abo". Das sind Gutscheine für die gedruckte Bild, die am Kiosk eingelöst werden können – und so die sinkende Print-Auflage und Reichweite hochhalten sollen. Umgekehrt erhalten Käufer der gedruckten Bild im Blatt einen Tages-Code für den Zugang zu Bild Plus im Internet. Das heißt: In jeder der rund 2,7 Millionen Exemplare von Bild steht jeden Tag ein individueller Code. Ein sehr wichtiger Effekt dieses sich gegenseitig stützenden Kreislaufs: Der Verlag bekommt viele neue Nutzerdaten, die Bild als Kaufzeitung bisher nicht hatte.
Natürlich ist Bild Plus über alle Kanäle, die Springer für sein Boulevardblatt aufgebaut hat, mit einem Single-Sign-On zu nutzen – vom Smartphone und Tablet über den heimischen PC bis zum Smart TV. Der Pay-TV-Sender Sky macht derzeit mit seinem Modell Sky Go vor, wie das geht. Eine App hatte Bild natürlich schon vor einiger Zeit vorgestellt, aber das neue Modell bedeutet für das Blatt nicht eine weitere Anwendung, sondern ist eine neue Infrastruktur. Eine Art Bild-Ökosystem.
Der Köder, den Springer nun der Nutzerschaft vor die Nase hält, ist die Fußball-Bundesliga. Der Konzern bezahlt rund 4 bis 5 Millionen Euro im Jahr, um Zusammenfassungen der Ligaspiele am Samstagabend ab 18 Uhr zeigen zu können. Wer als Bild Plus-Abonnent noch einmal 2,99 Euro im Monat drauflegt, hat Zugang. Die Annahme: Es gibt eine hohe Zahl von Menschen, die Fußball schauen, aber kein Sky-Abo haben, und die nicht auf die Zusammenfassungen im Free-TV warten wollen. Dennoch: Ein Abonnent von Bild Plus, der das Angebot wegen der Bundesliga kauft, muss mindestens 7,98 Euro zahlen, also 4,99 plus 2,99 Euro. 
Am Montagabend sprachen nicht nur die Manager, sondern auch Print-Vizechefin Marion Horn und Online-Chefredakteur Manfred Hart. Sie scherzten ganz nett miteinander, doch in den vergangenen Monaten habe man sich auch mal angeschrieen, sagte Horn. Entscheidend ist nun der Satz: "Wir sind eine Redaktion." Das heißt: Bild macht keinen Unterschied mehr zwischen Print- und Onlineredakteur. Diese Redaktion entscheidet für jeden Inhalt: Soll er gratis bleiben oder zu einem Plus-Inhalt gemacht werden? Eine ausreichend hohe Zahl von Inhalten muss kostenfrei bleiben, um die Reichweite hoch zu halten. Gleichzeitig muss es viele gute Plus-Inhalte geben, die ein Abo rechtfertigen. Die Bild-Macher bringen es auf diese Formel: "500 Reporter, 24 Stunden, 7 Tage".
Schreibt Bild Plus ein Stück Mediengeschichte, wie Andreas Wiele ankündigte? Für den Moment wäre es schön, wenn Springer ein Modell schafft, das wirklich so smart ist, dass Bezahlinhalte nicht nur schöne Ideen von Zeitungsmanagern bleiben. Wenn es dazu Pathos braucht und sehr schnell geschnittene Werbevideos – auch gut. Selbst wenn Bild Plus nicht funktionieren sollte (Vorstand Andreas Wiele: "Das Risiko des Scheiterns ist inbegriffen"), dann werde es einen zweiten Anlauf geben, auch einen dritten. "Wir werden so lange basteln, bis es klappt", sagte Döpfner.

BildPlus startet am 11. Juni um Mitternacht

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige