„Grüß Pott“ und „Luja, Luja, sog I“

Bayern München gewinnt die Champions League und die Presse feiert – zumindest gefühlt - nur mit angezogener Handbremse. Grund: Im Gegensatz zu normalen Endspiel-Triumphen muss man Rücksicht auf den Verlierer nehmen. Immerhin kommt der auch aus Deutschland. So titelt die SZ zu einem Robben-Bild sehr verhalten "Gipfel der Gefühle". Die BamS kalauert "Grüß Pott" und die FAZ packt Engel Aloisius und sein "Luja" aus. Besonders verwirrte die Kommentatoren weniger das Spiel, sondern mehr die Eröffnungsfeier.

Anzeige

Bereits am Sonntag brachte die Süddeutsche Zeitung eine digitale Sonderausgabe zum Finale. Auf zwölf Seiten gab es Spielberichte und Einzelkritiken. Das spannendste Stück lieferte Klaus Hoeltzenbein über Jupp Heynckes und wie er vor 23 Jahren versprochen hatte, den Pott nach München zu holen. "Im Sommer 1990 also stand Jupp Heynckes auch mal dort oben. Wieder präsentierte der junge Trainer die Schale, wie 1989 schon – was sollte da noch kommen? ‚Und ich verspreche euch‘, rief Heynckes damals euphorisiert in die Menge am Marienplatz: ‚Nächstes Jahr holen wir den Europapokal!‘ Den Spruch hatte er fortan, wie es so schön heißt, an der Backe."

Einen Tag später, in der regulären Ausgabe, widmet die SZ dem Trainer noch einmal die gesamte Seite drei. Dort schreibt Claudio Cantuogno über "einen Trainer, der sich mit 68 Jahren noch einmal neu erfunden hat".

Im Sportteil analysiert Andreas Burkert, dass Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger nun "Endlich erwachsen" sind. "Wie Getriebene sind sie in den vergangenen Jahren durch Europa getourt (…). Den Henkelpott haben sie zweimal aus nächster Nähe sehen können. Aber gewonnen haben ihn im Finale dann doch die anderen. Nicht mal eine klitzekleine Europameisterschaft gewannen Lahm und Schweinsteiger mit dem Nationalteam. Raus gegen Italien, so war das im Halbfinale des vergangenen Jahres. Die gewinnen nichts, nada, nichts Großes jedenfalls: keinen internationalen Titel. Dieses Gerede haben sie sich jetzt Jahre anhören müssen. Aber damit ist nun Schluss."

Die FAZ macht mit dem Champions-League-Finale nur noch indirekt auf. Auf dem Titelseiten-Bild ist der Engel Aloisius zu sehen. Im kurzen Text geht es dann nur noch halb um Fußball. Die Zeile "Luja, Luja, sog I. Luja!" ist trotzdem eine der besten, die es bislang zum Bayern-Triumph gab. 

Im Gegensatz zur Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung geht es im Sportteil  diesmal doch anständig zu Sache. Die Kollegen vom Sonntag hatten gestern eher nur Hausmannskost statt eines Feinschmecker-Menüs zur Champions League serviert. Unter der Zeile: "Mit Wille und Krallen" schreibt Michael Ashelm über den FC Bayern. Peter Penders dagegen beschäftigt sich mit den Verlierern und ihrem "neuen Weg". "Dass die Dortmunder aus überschaubaren Mitteln viel machen können, haben sie bewiesen. Jetzt, da der Kader ausdünnt, müssen sie auch mit sehr viel Geld gut umgehen." Der Autor analysiert, dass die Dortmunder "mehr Qualität im gesamten Kader" brauchen, "denn als der Druck der Bayern immer stärker geworden war, hatte die Borussia nicht mehr nachlegen können. Sie hatte sich mit aller Macht und großem Herz gegen diese Niederlage gestemmt, aber die physische Wucht der Münchner war zu groß und die Dortmunder Ersatzbank zu dünn besetzt."

Vor allem auch die Bild schien unter einer gewissen Zeilen-Hemmung zu leiden. Man hatte das ganze Wochenende über das Gefühl, dass der Umstand, dass man immer Rücksicht auf die Unterlegenen aus Dortmund nehmen musste, die Kreativität der Überschriftentexter doch arg belastet hätte. Höhepunkt war immerhin der Bild am Sonntag-Kalauer "Grüß Pott". Die Bild legte am Montag mit der "wilden Bayern-Nacht" nach.

Zumindest auf seinem Cover nimmt der Kicker keine Rücksicht auf die Verlierer. Der Titel gehört ganz den Bayern und der Zeile "Mia San Helden". Im Heft geht es dann um beide Teams.

Immerhin feiern die TZ und die Abendzeitung ganz in rot

Die internationale Presse feiert Robben und Heynckes. So schreibt Tuttosport: "Aus dem Champions-League-Zylinder ziehen die Bayern den Ex-Angsthasen Robben hervor. Deutschlands Stern des Südens funkelt in Europa heller als alle anderen. Klopps Dortmunder verlassen Wembley erhobenen Hauptes." Sportday aus Griechenland ergänzt: "Alle Sünden Robbens aus der Vergangenheit sind vergeben."

Das Ekstra Bladet aus Dänemark fragt dagegen: "Was um alles in der Weißbier-Welt will Pep Guardiola in München noch verbessern? Heynckes übergibt die Mannschaft an Guardiola als König von Europa." Das sieht die Corriere dello Sport ganz ähnlich: "Heynckes übergibt die Mannschaft an Guardiola als König von Europa."

Weniger begeistert waren die Beobachter von der Eröffnungsfeier: "Man fragt sich schon, warum das bei der Uefa eigentlich niemandem aufgefallen ist", fragt Christian Stöcker bei Spiegel Online. "Eigentlich ist man für den Beginn von Fußball-Endspielen ja eher das andere gewöhnt: Appelle an Friedfertigkeit und Toleranz, Plädoyers für Fairness und Vielfalt. Wenn dort mal eine Lanze bricht, dann höchstens für die Völkerverständigung. Wenn aber im Londoner Wembley-Stadion zwei deutsche Clubs aufeinandertreffen, dann kann man es ja mal anders machen, muss sich irgendwer bei der Uefa gedacht haben. Da kann man doch mal zwei Schauspielertruppen in Vereinsfarben mit Knüppeln und Schilden, Schwertern und Äxten, Pfeil und Bogen bewaffnen und ein bisschen Krieg spielen vor dem Spiel."

Bei Süddeutsche.de frage Christopher Pramstaller erbost: "Wieso hat Europas Fußballverband nicht gleich die ‚German Panzer‘ rollen lassen?"

In der Welt analysiert Florian Haupt, dass Deutschland nun auf dem Sprung zur Fußball-Weltmacht sei. "Die Startformationen von Dortmund und Bayern im Finale ergeben folgendes Bild: Zwölf Deutsche (sieben BVB, fünf FCB), davon elf Nationalspieler (6/5), von denen acht 25 oder jünger sind (6/2). Das klingt verdammt nach dem Beginn einer Ära? Aber kann sie auch so allumfassend werden wie es die spanische war? Am einfachsten ist das für die Nationalmannschaft zu beantworten: ja."

Ein gewisses Lob spricht die Presse auch den TV-Moderatoren aus. In den Tagen nach dem Finale spricht keiner über die Leistung von Marcel Reif und Bela Rethy. Beide gehören zu den Vertretern ihrer Zunft, an denen sich stets die Geister scheiden. Schweigen ist in diesem Fall ein gutes Zeichen. Möglicherweise waren die Beobachter allerdings auch so begeistert vom Match. Immerhin war es eines der besten Champions League-Endspiele der jüngeren Geschichte.

PS:
Das lustigste Interview zum CL-Finale haben die Kollegen von 11 Freunde ausgegraben. Jupp Heynckes redet mit Jogi Löw. Selten hatten sich zwei weniger zu sagen.

###YOUTUBEVIDEO###

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige