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Capital: Ein Neuanfang, mal wieder

Das neue Capital, sagte Julia Jäkel am Donnerstagabend in Berlin, stehe für ein angriffslustiges Gruner + Jahr. Mit dem komplett neu entwickelten Magazin werde man "auch den ein oder anderen Leser verlieren, das gehört dazu". Entscheidend sei, dass sich etwas bewege. Und bewegt hat sich tatsächlich eine Menge, das Heft ist nicht wiederzuerkennen. Im Berliner Privatclub Soho feierte sich darum die Gruner-Truppe, dass sie es noch draufhat, das Qualitäts-Blattmachen.

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In das Soho House gehen Medienunternehmen, wenn sie ihre neuen Filme, Serien oder Hefte mit einem Schuss Coolness aufladen wollen. Mark Zuckerberg war am Tag zuvor noch da, der ein oder andere Hollywood-Star wohnt hier bei Dreharbeiten in der Hauptstadt. Schlipsträger sind in dem internationalen Club, deren Mitglieder sich aus der Kreativszene rekrutieren, eigentlich nicht so gern gesehen. Für die Gäste der Capital-Feier drückte man die Augen offenbar zu. Und Regeln sind ja dazu da, gebrochen zu werden. Heißt es ja vor allem in der digitalen Wirtschaft gerne.
Bricht das neue Capital mit Regeln? Macht es ein Ende mit Artikeln, die von Insidern für Insider geschrieben werden? Durchdringt es Wirtschaft wirklich, wie Chefredakteur Horst von Buttlar vorab versprochen hat?
 
Die Titelgeschichte der neuen Capital 

Zunächst mal macht Capital Wirtschaftsjournalismus ästhetischer als bisher. Das ikonographisch angelegte Coverfoto einer hübschen Chinesin mit schwarzem Dress und roter Flagge mag als bestes Beispiel dafür dienen. Das Layout von Maja Nieveler ist stimmig, absolut ansprechend und eine Freude für das Auge. Auch und wegen der guten Fotografie im Heft. Ein Vorbild für die Heftästhetik mag das britische Monocle sein, zumindest auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt ist das Layout ohne Vergleich.
Was also die Verpackung von Capital angeht, sind die Voraussetzungen gut, dass wirtschaftsinteressierte Leser zugreifen, das Heft in die Hand nehmen und dann auch tatsächlich kaufen. Die Schwelle zum Kauf liegt mit 7,50 Euro hoch, aber natürlich kann kein Verlag ein High-End-Heft produzieren und dann dafür nur 2,50 Euro nehmen. Der Claim "Wirtschaft ist Gesellschaft" passt zur neuen Anmutung nicht besonders, klingt zu sehr nach politischer Bildung, auch wenn der Ansatz im Kern richtig ist.

Das Invest-Ressort im hinteren Heftteil

Zum Inhalt: Es gibt nur noch vier Ressorts – Start, Welt der Wirtschaft, Leben und Invest. In den letzten Teil wurde all das gesteckt, was bisher Kernkompetenz von Capital war – der Nutzwert. Ob das den Stammlesern reicht, wird sich zeigen. Die neue Kernkompetenz von Capital lautet nun aber: Die Welt der Wirtschaft verstehen. Insofern ist die Geschichte über chinesische Unternehmen, die in deutsche Firmen einstiegen, gut gewählt. Die Umsetzung ist die einer klassischen Sammel-Reportage, die viele Menschen zu Wort kommen lässt. Das Aufmacher-Foto der zweiten großen Geschichte über die Jagd auf deutsche Steuersünder ist stark – es zeigt einen Haufen Bauschutt, die Überreste des Hauses von Klaus Zumwinkel in Köln. "Innen war es morsch", heißt es im Text. Insgesamt gibt es zwei handvoll große Geschichten in diesem Ressort, viele davon mit einem internationalen Ansatz (Japan, Irland, Frankreich, Iran) – mehr dürfen es dann auch nicht sein. Das dritte Ressort Leben sorgt für die nötige Lifestyle-Umgebung, die fast jedes Magazin mittlerweile braucht. Auch, um Werbekunden zu begeistern.
Hätte man die fertige Zeitschrift auch ganz anders nennen können? Auf jeden Fall. Es ist aber nur nachvollziehbar, dass Buttlar in seinem Editorial auf die Wesensverwandschaft von Capital im Gründungsjahr 1962 verweist und dessen damaligen Anspruch: "Das Wirtschaftliche menschlich, das Menschliche wirtschaftlich erklären". Das passt auch in die heutige Zeit, war aber eigentlich nie passé. Und vielleicht ist die Frage, wie oft sich ein Magazin eigentlich neu positionieren lässt, bevor die Leute überhaupt nicht mehr verstehen, was die Marke eigentlich ausmacht, auch gar nicht so wichtig. Wenn der Inhalt und die Ansprache stimmt, wird auch dieses Capital, das auch aus symbolischen Gründen den Exodus der G+J Wirtschaftsmedien überlebt hat, seine Käufer finden. Erfolg wird das Blatt nur haben, wenn sich tatsächlich neue Leser für das Konzept erwärmen.

Während das neue Capital in der Nähe des Potsdamer Platzes entwickelt wurde, rumpelte es am bisherigen Standort in der Friedrichstrasse, wo das Hauptstadtbüro der G+J-Wirtschaftsmedien seinen Sitz hatte. Von den etwa 30 Redakteuren in Berlin wurde rund die Hälfte von Chefredakteur Buttlar übernommen. Vor allem Politik-Redakteure mit Sitz in Berlin – wie Andreas Theyssen, Peter Ehrlich, Joachim Zepelin, Jens Tartler, Claudia Kade, Arne Delfs und Silke Mertin – finden sich nicht mehr im Impressum. Zwei weitere Redakteure, die noch im Impressum stehen – Ulrike Sosalla und Nikolai Fichter – werden Capital verlassen und neue Jobs annehmen.

Internationaler Anspruch: "Blockiertes Frankreich"

An Details kann die Marketingtruppe von G+J derweil noch feilen. Ein Abo wird mit dem Vorteil "risikolos" beworben, weil es jederzeit kündbar ist. Im Gegenteil sollten solche Leser und Käufer angesprochen werden, die gerne sagen, dass sie sich auf ein Abo festlegen – auch wenn das nicht im Trend liegen sollte. Als Dankeschön bekommen Abonnenten einen "eleganten Magazinstock". Ob solch ein Ding ein passendes Accessoire für die neue Leserschaft ist – fraglich. "Begehrenswert" soll das neue Capital sein, heißt es in der Pressemitteilung. Wir werden schauen, ob ein Blatt im 52. Lebensjahr noch Leidenschaft entfachen kann.

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