Relaunch bei taz.de: OP „am offenen Herzen“

Die tageszeitung präsentiert sich im Web seit heute im neuen Gewand. Bei ihrem Relaunch geht die taz jedoch einen anderen Weg als in der Branche üblich: Die neue Seite startet zunächst als offene Beta, parallel zum alten Layout. Bevor die neue Website zum Standard wird, sollen zunächst Lesermeinungen eingeholt werden. "Das ist also eine Operation am offenen Herzen", sagt Frauke Böger, die Leiterin des Online-Ressorts. Geschäftsführer Kalle Ruch stellt derweil fest: Klicks kann man nicht essen.

Anzeige

Für die Leser des Webangebots der linken Zeitung ändert sich zunächst nichts. Über einen Link auf der Seite können Veränderungen gegenüber aufgeschlossene Leser  zur Beta-Version des neuen taz.de wechseln. Dort werden sie aufgefordert, Feedback zu geben und Fehler zu melden. 
Aktuell weist die neue Seite noch einige Lücken auf. Vor allem auf den Artikel-Seiten gibt es viele Baustellen-Schilder. Die Einbindung der Social Media Buttons fehlt noch, ebenso der "taz-zahl-ich"-Part. Auch andere Elemente sind noch nicht integriert. Dennoch wird bereits erkennbar, wohin die Reise geht.
So wird die Seite taz.de künftig zentriert statt linksbündig auf den Screens der Nutzer zu sehen sein. Schwarz, Rot und vor allem Weiß sind die prägenden Farben. Auf den bisherigen Beigeton verzichten die Berliner künftig. Wie jetzt auch gibt es einen Haupt-Aufmacher und vier weitere kleinere Aufmacher. Darunter werden weitere Geschichten, die Themen des Tages und die Ressorts präsentiert. "Wir wollten taz.de zeitgemäßer und aufgeräumter machen und finden, das ist ziemlich gut gelungen", freut sich Julia Niemann, die mit Frauke Böger die taz-Online-Redaktion leitet.
Die rechte Spalte wurde beispielsweise deutlich entschlackt. Ganz am Seitenkopf findet sich hier nach wie vor das Cover der aktuellen Ausgabe, darunter sind die meistgelesenen Beiträge aufgeführt. Die Umfrage, Bildgalerien, sowie weitere Unterpunkte öffnen sich jedoch erst, wenn der Leser sie "aufklappt". Ebenfalls neu: Die Rubrik-Auswahl am Seitenkopf bleibt dort haften, wenn der Leser nach unten scrollt, so dass jederzeit darauf zugegriffen werden kann. 
Die Beitrags-Seiten sind in der neuen Version, wie es mittlerweile üblich ist, deutlich schlichter gehalten. Interessant ist, das taz.de hier auch Elemente einzubauen scheint, die sonst eher aus Blogs bekannt sind. So wird es Autoren-Kästen neben dem Text geben, in denen auch weitere Beiträge des Verfassers sowie Kontaktmöglichkeiten aufgeführt werden.
Die einzelnen Journalisten rücken so stärker in den Fokus. In der Leser-Info heißt es hierzu: "Es soll einfacher werden, in direkten Kontakt mit den taz-JournalistInnen zu treten oder zu erfahren, welche sie Bücher schreiben, oder wo sie sich außerhalb der taz engagieren."
Auch bei den Nutzer-Kommentaren soll es eine Änderung geben. Künftig verlangt die taz eine Registrierung. Im Gegenzug gehen die Kommentare registrierter Nutzer sofort online. "Wir nähern uns damit der Diskussionskultur der Realität an. Angemeldete NutzerInnen können künftig nicht nur direkt ins Thema einsteigen, sondern auch moderierend tätig werden", verrät Donata Künßberg, bei der taz für die Kommentare zuständig. Gerade Leserkommentare sind in den Redaktionen ein kontrovers diskutiertes Thema. Häufig wird das mangelnde Niveau in den Diskussionen beklagt.
"Die taz ist dafür bekannt, alternative Wege zu gehen und Experimente zu wagen. Mit großem Engagement und dem notwendigen Glück führte dies oft zum Erfolg. Wir sind uns sicher, auch mit der neuen Version von taz.de auf dem richtigen Weg zu sein", schreibt taz-Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch zum Relaunch. Die taz forciert seit einiger Zeit das freiwillige Bezahlen für seine Online-Inhalte. Auch im Print-Bereich ist sie mit aus drei Stufen wählbaren Abo-Preisen und der genossenschaftlichen Organisation finanziell anders aufgestellt und lebt stark von der Solidarität ihrer Leser und deutlich weniger von Anzeigen. Ein Modell, dass zuletzt unter anderem von Jochen Wegener, dem Chef von Zeit Online, sehr gelobt wurde.
"Das neue taz.de kommt zu einer Zeit, in der die Zeitungskrise jeden Tag neue Schlagzeilen macht und nun auch auf die Newsportale im Internet übergreift", schreibt Ruch. Man erlebe das Ende von Verlegertum und Journalismus nach alter Manier. Verlage hätten sich eine "grandiose Fehleinschätzung" geleistet, indem sich dachten, dass mit hohen Reichweiten auch hohe Werbeerlöse zu erzielen seien. Nun suche man die Schuld bei Google, den öffentlich-rechtlichen Anbietern und den Nutzern selbst. Dies habe zuletzt der Aufruf gegen Adblocker gezeigt. Ruchs Fazit: "Erst wenn der letzte zahlende Abonnent gegangen ist, werdet ihr merken, dass man Klicks nicht essen kann."
Was die reinen Klickzahlen angeht, spielt die taz tatsächlich nicht in der gleichen Liga wie die Konkurrenten von FAZ, Süddeutsche, Welt oder Zeit Online, geschweige denn Spiegel Online oder Bild.de. In der letzten IVW-Monatsauswertung von MEEDIA konnte die taz etwa 4.1 Millionen redaktionelle Visits aus dem Inland auf sich vereinen und liegt damit auf Rang 23. der Nachrichten-Websiten, knapp vor der Frankfurter Rundschau.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige