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Pseudo-Shitstorms: Windkraft für den Traffic

Das Wort „Shitstorm“ gehört aktuell zu den absoluten Traffic-Garanten in Deutschlands Online-Redaktionen. Sobald es bei Facebook oder via Twitter Kritik gibt, wird dieses Etikett fix an eine Story geklebt - schon läuft sie gleich besser. Die Folge ist eine wahre Inflation des Begriffs "Shitstorm" mit teilweise übergeigten Geschichten. Zum Beispiel der aktuelle Fall des vermeintlichen Shitstorms um "WWM"-Joker Isabel: Medien befeuern sich gegenseitig. So wird aus jedem Stürmchen ein Shitstorm.

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Tatsächlich ist „Isabell L.“ ein gutes Beispiel dafür. Bei der „Wer wird Millionär“-Sendung vom Montag versemmelte sie als Publikumsjoker dem Kandidaten Jérôme Adjallé die 125.000-Euro-Antwort. Die 19-jährige Jura-Studentin meinte, die Antwort auf die Frage zu kennen, wofür früher einmal auf einer Tribüne Platz genommen wurde. Ihre Lösung: "Um Almosen zu verteilen. Tatsächlich wäre "Recht zu sprechen" richtig gewesen. Die Folge: Adjallé ging lediglich mit 500 Euro nach Hause.

So weit die Fakten. Was jetzt folgte, ist die klassische Entstehungsgeschichte eines vermeintlichen Proteststurms im World Wide Wasserglas. So berichtete am Dienstag InTouch-Online „Isabel L.: WWM-Joker im Shitstorm!“ Als Beleg für die Zeile heißt es im Text: „Im Internet wird der gescheiterte Publikumsjoker mit Häme überschüttet“. Und weiter: „Auf Facebook wurde bereits die Seite "WWM-Joker: Isabel L…" eingerichtet, auf der sich die User über sie auslassen.“

Ein Link auf die Quelle fehlt. Wir wissen also nicht, wo der Joker tatsächlich mit Häme überschüttet wurde. Auch auf die Facebook-Seite wird nicht verlinkt. Das ist insofern nicht schlimm, weil sie mittlerweile offline ist. Stattdessen bringt der Express eine Story mit Bezug auf InTouch.de, die auch keine Verlinkung hat, dafür aber einen Screenshot von der vermeintlichen Facebook-Hass-Page. Und siehe da: Der Screenshot verrät, dass zum Zeitpunkt, da die Story geschrieben wurde, die Facebook-Page gerade einmal 62 Likes einsammeln konnte. Heißt: 62 von über 25 Millionen Deutschen Facebook-Mitgliedern unterstützen das Isabel-Bashing. Das sind natürlich 62 Menschen zu viel. Doch reicht diese Zahl aus, um von einem Shitstorm zu sprechen?

Längst sind andere Medien auf den Zug aufgesprungen. Zudem hat sich mittlerweile auch Adjallé geäußert und seinem Publikumsjoker „verziehen“. Die Protestwellen-Story macht ihre Runde durch die Online-Redaktionen und fand so ihren Weg auch in die gedruckte Bild. Die Boulevard-Profis reicherten ihr Stück immerhin noch mit ganzen drei kritischen Tweets an. Sucht man bei Twitter nach Stichworten wie "WWM" und/oder "Isabel" finden sich zwar einige beleidigende Tweet, die weitaus größere Zahl der Fundstellen verweisen aber auf Medienberichte zum angeblichen Shitstorm.

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Wir wissen nun: Es gab in den sozialen Netzwerken Kritik an dem Publikumsjoker, doch ob die Meinungsäußerungen ausreichen, um von einer echten Protestwelle zu sprechen, sei dahingestellt. Längst sind vor allem Online-Dienste viel zu schnell dabei, wenn es darum geht, von einem „Shitstorm“ zu sprechen. Dabei geht es oft nur um ein paar kritische Meinungsäußerungen via Facebook oder Twitter. Auch MEEDIA hat in der Vergangenheit schon des öfteren über Shitstorms berichtet, die bei näherem Hinsehen vielleicht nur ein Stürmchen waren – uns ist durchaus bewusst, dass wir bei diesem Thema im Glashaus sitzen.

Unabhängig davon ist auch die Frage spannend, wie stark einzelne Shitstorms überhaupt erst durch die mediale Befeuerung groß werden. In der Berichterstattung um den Schlagersänger Michael Wendler und einer juristischen Streiterei um eine Bar auf Mallorca entstand eine Protestwelle via Facebook, die sich immer höher türmte, je mehr Zeitungen, Fernsehsender oder Online-Dienste darüber berichteten. Die Folge der Berichterstattung war eine Zunahme des Shitstorms, was wiederum zu immer neuen Stories führte.

So hat der Shitstorm das Zeug dazu, zum Perpetuum Mobile des Medienzeitalters zu werden.

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