RTL – ein Marktführer auf Sinnsuche

Fernsehen RTL versucht derzeit mit großem Aufwand neue, quotenträchtige Formate zu entwickeln. Die aktuellsten RTL-Experimente sind eine Wüstenversion des Dschungelcamps namens “Outback” und “Die Pool-Champions” - eine Art Promi-Wasserschlacht. Die Experimentier-Wut hat einen handfesten Grund: frühere Quotenhits schwächeln oder sind weg. Gleichzeitig wird der Renditedruck der Konzernmutter Bertelsmann nicht geringer. RTL befindet sich in einer Phase der Sinnsuche.

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Schwächelnde Altstars

Bei RTL hatten sie  über Jahre hinweg nicht nur ein goldenes Händchen was Audience-Flow und Programmierung betrifft, sondern auch bei der Auswahl der TV-Protagonisten. Christian Rach als “Restaurant-Tester” war ebenso eine Idealbesetzung wie Katharina Saalfrank als “Die Super-Nanny” oder Peter Zwegat bei “Raus aus den Schulden”. Um zu erkennen, wie gut das RTL-Personal war/ist, muss man sich nur mal die “Kochprofis” bei RTL 2 im Vergleich zu Rach anschauen. Aber nichts währt ewig, schon gar nicht im TV-Geschäft. Nachdem Christian Rach die x-te Hutzelbude vor dem Ruin gerettet hat (reduzierte Speisekarte, neue Einrichtung), Frau Saalfrank das soundsovielte Kind auf die “stille Treppe” schickte (und sich zwischenzeitlich mit dem Sender ordentlich verkrachte) und Peter Zwegat dem gefühlt tausendsten Jung-Pärchen via Flip-Chart verklickert hat, dass dickes Auto, Kettenrauchen und Hartz IV nicht ganz so doll zusammenpassen, stellt sich beim Publikum eine gewisse Sättigung ein. Folge: Die Quoten der Formate sinken. “Die Super-Nanny” ist wegen des Streits zwischen RTL und Frau Saalfrank ohnehin abgesetzt. Selbst das Über-Format “Bauer sucht Frau” verliert mittlerweile Zuschauer. Zwar befindet sich die Sendung mit der eingebauten Fremdscham-Garantie nach wie vor auf sehr hohem Quoten-Niveau (6,47 Mio. Zuschauer sahen das Staffelfinale 2012) – die Zahlen gehen aber sogar hier zurück.

Die Casting Krise

Die beiden Casting-Formate “Deutschland sucht den Superstar” (“DSDS”) und “Das Supertalent” waren über Jahre hinweg Säulen des RTL-Programms. Weite Strecken der Primetime wurden mit den beiden Formaten und ihren Ablegern zugepflastert. Dabei wurden die auf Juror Dieter Bohlen zugeschnittenen Shows von mal zu mal schriller. Bei beiden Formaten versucht RTL mittlerweile mit Macht gegen den anhaltenden Quoten-Abschwung vorzugehen. Bei “DSDS” wird permanent an Konzept und Jury-Zusammensetzung geschraubt. Zuletzt versuchten es die Macher mit Gastauftritten der Schlagersängerin Andrea Berg (die von Bohlen produziert wird), Heino und der Verpflichtung von Dschungel-Kandidatin Olivia Jones als Backstage-Tante. Das alles hat schon etwas Verzweifeltes. Bei “Das Supertalent” wurde der in der ARD gescheiterte Thomas Gottschalk verpflichtet und machte an der Seite von Lautsprecher Bohlen prompt eine eher unglückliche Figur. Der Quote hat das nicht wirklich geholfen und es wird wohl auch bei diesem einen Auftritt Gottschalks beim “Supertalent” bleiben. Unterdessen hat sich ProSiebenSat.1 mit “The Voice of Germany” das deutlich frischere Casting-Format geschnappt und erfolgreich umgesetzt. Ob und wie RTL die beiden ausgelutschten Casting-Formate “DSDS” und Supertalent zu altem Glanz aufpolieren kann, ist fraglich.

Fiction ist ein schwieriges Pflaster

Wenden wir uns also möglichen Alternativen zu. Wie wäre es mit Fiction, bzw. fiktionaler Unterhaltung, vulgo: erfundenen Geschichten. Die Wir-Fahren-Autos-Zu-Schrott-Reihe “Alarm für Cobra 11” ist ja auch seit Jahren nicht totzukriegen. RTL probierte es mit einem Spin-off namens “Turbo & Tacho” – leider beim jungen Publikum durchgefallen (14% Marktanteil). Die Serie “Transporter” – nach den gleichnamigen Balla-Balla Filmen mit Haudrauf Jason Statham – durchgefallen. Die Neuauflage der Öl-Saga “Dallas” – durchgefallen und an Super RTL abgeschoben. Die Eigenproduktion “IK 1 – Touristen in Gefahr” – sowas von durchgefallen. Es gibt eine Handvoll etablierter US-Krimi-Dutzendware, die läuft und läuft. Hochwertige US-Serien werden vom Publikum dagegen meist auf DVD, im Internet oder Pay-TV konsumiert. Und ältere Semester werden bei ARD und ZDF mit Fiktional-Schmonzetten bis zum Abwinken bespaßt. Fazit: Es ist nicht leicht mit der Fiction im deutschen Free-TV.

Durchwachsene Bilanz bei neuen Shows

Wie wäre es mit  zündenden, neuen Show-Ideen? Man kann RTL nicht vorwerfen, hier zu wenig probiert zu haben. “Shooting Stars”, “Cash Crash”, “Unschlagbar”, “Alle auf den Kleinen” – RTL hat mit einigen neuen Show-Formaten experimentiert. “Unschlagbar” lief dabei gut und geht in Serie und “Alle auf den Kleinen” mit Oliver Pocher wird auch neu aufgelegt, wobei das Konzept stark von Stefan Raabs “Schlag den Raab” inspiriert ist. Zwei Treffer, die gut laufen – das ist besser als nichts aber vermutlich zu wenig, um wegbrechenden Quoten andernorts zu kompensieren oder gar Reichweiten-Wachstum versprechen zu können.

Neue Format-Ideen zünden (noch) nicht

Und was ist mit ganz neuen Format-Ideen? RTLs Trash-Fingerübung “7 Tage ohne Sex” floppte gleich zum Auftakt und machte dann Schlagzeilen wegen eines Inzest-Falls (die entsprechende Folge wurde nicht ausgestrahlt). Die mit Hoffnung angegangene neue Doku “Babyboom”, bei der Kameras den Alltag einer Geburtsstation in einem Berliner Krankenhaus filmen sollten, wurde nach Querelen mit dem Berliner Senat (Privatsphäre usw.) abgebrochen. Die beiden neuen Formate “Die Zuschauer” und “Entführt – gib mir mein Kind zurück” erwiesen sich als Total-Ausfälle und wurden ganz schnell wieder abgesetzt. Nun versucht RTL offenbar, den anhaltenden Erfolg der jährlichen Dschungelshow “Ich bin ein Star – holt mich hier raus!” zu erweitern. So plant der Sender eine Art Wüsten-Variante des Dschungelcamps für den Sommer (“Outback”) sowie die Show “Die Pool Champions”, bei der das übliche Personal von der Promi-Reste-Rampe diverse Wasserspielchen mehrere Folgen lang überstehen muss – eine Adaption des niederländischen Formats “Celebrity Splash”. Ob der spezielle Charme der Dschungelshow, der aus vielen sehr verschiedenen Faktoren besteht, so einfach auf andere Disziplinen übertragen werden kann, sei dahingestellt.

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